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Martina Zander-Rade: Das bleibt jetzt so

bbz 04 / 2019

Eine engagierte Mutter berichtet von ihren Erfahrungen in 20 Jahren Berliner Schule. Zwischen Langzeitprovisorien, einstürzenden Decken und herunterfallenden Fenstern traf sie auf engagierte Pädagog*innen und Eltern, die das Beste aus der Situation machen

von Martina Zander-Rade

Mein ältester Sohn wird 1997 im Schöneberger Kiez in eine Altbauschule eingeschult. Sie sieht ähnlich wie meine eigene Grundschule in den 1970er Jahren aus: Klassenzimmer renovierungs-, wenn nicht gar sanierungsbedürftig, durch die Fenster zieht es, die Toiletten sind dem Geruch nach zu orten, Toilettenpapier und Seife Mangelware. Die Technik in der Aula besteht aus Flickschusterwerk. Aber dafür hatte mein Sohn eine liebe Klassenlehrerin, Spaß am Lernen und fand Freund*innen.

Ein Umzug an den Stadtrand folgt bald, der Große wird um-, der jüngere Bruder eingeschult. In einen Neubau, der auch schon 40 Jahre auf dem Buckel hat. Die Situation ist identisch. Engagierte Pädagog*innen, Immobilie schrottreif. Dennoch: Wir stoßen auf Eltern, die regelmäßig ganze Flure und Trakte an Wochenenden mit dem Hausmeister renovieren. Eltern, die Arbeitsgemeinschaften anbieten, Schulfeste arrangieren, ein Förderverein, der wirklich alles, was fehlt, finanziert.

Die Jungs kommen auf die Oberschule, diesmal ein Langzeitprovisorium. Das ursprüngliche Gebäude wurde 1988 wegen Asbestbelastung abgerissen. Auch hier ist Elternarbeit ausdrücklich erwünscht. Wir backen Kuchen, organisieren Feste, haben mehrmals jährlich Austauschkinder aus allen Kontinenten bei uns zu Haus. Aber es ist sauber, es stinkt nicht, die Technik, vom Förderverein beschafft, ist gut in Schuss. Natürlich zieht es, regnet es durch. Ein Mehrzweckraum, der jahrelang auf der bezirklichen Investitionsplanung in der Priorität nach vorne rutscht, wird von der Bezirksverordnetenversammlung schließlich gestrichen.

Fotografieren verboten

2015 wird die Tochter eingeschult. Man munkelt, dass auch in ihrer Schule Asbest verbaut wurde. Aber das sei nicht schlimm, denn die Fasern seien stark gebunden. Wenn nichts angefasst werde, passiere auch nichts. Nicht anfassen bedeutet, keine Planung, kein Personal, keine Kosten. Im Amt hält man sich bedeckt, die Schulleitung hält sich mit Informationen zurück, und Eltern sind froh, dass sie an der Schule mit gutem Ruf einen Platz für ihre Kinder bekommen haben.

Dennoch stinkt es schlimmer als an allen mir bis dahin bekannten Schulen. Toilettenspülungen funktionieren selten, Verstopfungen werden zögernd behoben, Toilettenpapier und Seife sucht man vergebens. Die für die Sommerferien geplanten Grundreinigungen finden stets verspätet und unbefriedigend in den Herbstferien statt. Der Mensabereich ist dreckig, an den Wänden und Ecken in den Klassenzimmern und Treppenhäusern hängen Spinnweben. Der Boden ist an vielen Stellen so schmutzig, dass sich nicht nur den Kindern der Magen umdreht. Ich fotografiere die Mängel und bitte bei Schulleitung und Amt um Abhilfe. Es folgt eine Begehung, danach verbietet der Schulleiter das Fotografieren.

In einer Schule in der Nachbarschaft erkranken wochenlang immer wieder die Schüler*innen an Brechdurchfällen. Es wird das Catering verdächtigt. Proben bringen ans Tageslicht, dass mit denselben Lappen Böden, Toiletten, Mensabereich »gereinigt« wurden. An einer Oberschule um die Ecke wächst der Knöterich durch die Wand und an einer Grundschule fällt einer Lehrerin das Kippfenster auf den Kopf. Vor den Winterferien erreicht mich eine Bitte unserer Hortleitung, bei der Renovierung zu helfen. Macht zusammen doch so viel Spaß.

Den Wasserhahn repariert der handwerklich versierte Schulleiter

Ein Hausmeister erzählte mir neulich, er dürfe keine Glühbirne an der Decke austauschen, weil er nicht mal mehr auf einen Tritt, geschweige denn eine Leiter steigen dürfe. Auch kleinere Reparaturen auszuführen, sei ihm neuerdings aufgrund bürokratischer Vorschriften verboten. Den tropfenden Wasserhahn in der Mädchentoilette repariert übrigens der handwerklich affine Schulleiter (mit seinem privaten Hobbywerkzeugset).

Was wünsche ich mir von der Berliner Schulpolitik? Ich wünsche mir gut ausgebildete Hausmeister*innen, die bestenfalls in der Schule wohnen. Überflüssig sagten einst die einen, am besten »outsourcen« die anderen, beides sei auch viel billiger. Wirklich? Wenn die Gebäude verkommen und aus einem tropfenden Wasserhahn ein verwanztes Waschbecken wird? Wenn aus einem verstopften Pissoir eine Überschwemmung wird? Die Ämter schreiben inzwischen die Hausmeister*innenposten wieder aus. Aber bekommen Sie mal einen ausgebildeten und zudem motivierten Menschen, der für den Hungerlohn arbeitet.

Ich erwarte im Jahr 2019 nicht nur angemessene hygienische Zustände, ich will auch, dass die Telefonanlagen funktionieren. Die Schulen klagen über wochen- und monatelange Ausfälle, an manchen Schulen ist die Anlage erst mittags hochgefahren. Telefonate und Krankmeldungen laufen über Privathandys oder per E-Mail, wenn es denn funktioniert. Aufgrund von Personalmangel ist Abhilfe auf längere Zeit nicht in Sicht. Auch Fachfirmen können nicht helfen, da es keine ausreichende Anzahl von Fachkräften gibt, beteuert das Amt.

Wünschenswert ist eine Digitalisierung, die den Namen verdient. Dazu muss nachhaltig auf eEducation und eGovernment im gesamten Schulbereich gesetzt werden, gehören Whiteboards und Laptops in jeder Klasse zur Grundausstattung, ebenso der regelmäßige Support von Software und die Wartung der technischen Geräte durch ausgebildete Fachkräfte. Schließlich gehört zu diesen Voraussetzungen auch eine entsprechende Fortbildung des Lehrpersonals. Weil es bisher an allem fehlt, wurde das mit viel Geld ausgestattete Projekt eGovernment@school gegen die Wand gefahren, der Rechnungshof spricht von schweren Versäumnissen.

Ideal wären Mensen, in denen vor Ort lecker und gesund gekocht wird und die Kinder miteinbezogen werden. Stattdessen streiten wir seit Jahren praktisch nur über den Preis. Zum nächsten Schuljahr wird der Essensbeitrag zwar voraussichtlich abgeschafft werden. Aber ob sich die Qualität der »ungenießbaren Pampe« (Zitat einer Mensamitarbeiterin) bessert, bleibt fraglich.

Auch ein Haufen Geld wird nicht reichen

Nun hat die rot-rot-grüne Regierung bis 2026 5,5 Milliarden Euro für die Schulbauoffensive zur Verfügung gestellt. Ein Schritt nach vorne. Aber auch damit wird Berlin weder den Verfall der vorhandenen Gebäude aufhalten, noch die benötigten Neubauten fertigstellen können. Wir wissen doch: In den Bezirken fehlt das Personal. Die noch dort ausharrenden Beschäftigten werden entweder von der Hauptverwaltung abgeworben oder melden sich wegen Überlastung krank.

Die Baufirmen brauchen Monate, um einen Kran zu liefern. Oder es wird gepfuscht, wie bei der Sanierung der Turnhalle an der Schule meiner Tochter. Nur wenige Monate nach der Fertigstellung kommt die Decke runter, Fliesen fallen ab, Türzargen verziehen sich. Die Decke wird mit einem Tuch abgehängt. Das bleibt jetzt so, eine Berliner Lösung.

Ich weiß, dass die Fehlentwicklungen weder am Willen der Schulleitungen noch am Engagement der Pädagog*innen liegen. Sie und alle in Obhut gegebenen Kinder haben jegliche Unterstützung verdient.

Eine solide Infrastruktur schafft die Basis, aber weder politische Schnellschüsse noch immer wieder neue Anforderungen und seitenweise Informations- und Dokumentationspflichten bringen unsere Gesellschaft in die Zukunft. Wir brauchen gut durchdachte Konzepte auf der Basis von Erfahrungen und Forschung.

Meine Jungs sind inzwischen längst aus der Schule raus. Die schulische Zukunft meiner Tochter bereitet mir kaum mehr Sorgen. Sie wird nach der vierten Klasse, politisch absolut inkorrekt, auf eine Oberschule meines Vertrauens wechseln.