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Hans-Wolfgang Nickel: Theateraufführung kritisch gesehen

bbz 05 / 2019



Vor einem begeisterten Publikum eröffneten die Gorillas im Ratibor-Theater das diesjährige internationale Impro-Festival mit einem Feuerwerk unterschiedlicher kleiner Impro-Formen. Einen besonderen Akzent erhielt das Festival durch mehrere Beiträge, Vorträge und Werkstätten zu Möglichkeiten, Impro-Theater-Formen therapeutisch zu nutzen. Dabei wird eine besondere Qualität des Impro-Theaters deutlich, für die sich die klassisch-griechische Bezeichnung phronesis (Denken, Verstand), bzw. phrontis (1. Nachdenken, Überlegung; 2. Bedenken, Sorge, Fürsorge) anbietet sowie das Verb phroneo (vorher erdenken, ersinnen; für etwas oder jemanden Sorge tragen). In allen Ableitungen dieses Wortstammes wird deutlich, dass es dabei um eine intensiv-kommunikative Verhaltensweise geht – so wie die Spieler*innen beim gemeinsamen Improvisieren einer Szene versuchen, die Mitspielenden gut aussehen zu lassen, für sie und ihre Spiel- und Lebensmöglichkeiten zu sorgen, seine Impulse aufzugreifen und weiterzuführen – also eine höchst kommunikative Verhaltensweise. Grundqualifikation nicht nur für Spiel und Rollenspiel, sondern zugleich mögliche Lebenspraxis eines menschlich-humanen Zusammenlebens, und eben auch eine Möglichkeit, therapeutisch auf die Spielenden einzuwirken.

»Genau wie immer: alles anders?« bei Strahl – die Neu-Inszenierung eines älteren Textes. Die Bühne überspannt mit einem großen hellen, aufblasbaren Tuch – eine auch optisch attraktive Spiellandschaft. In ihr tummeln sich die fünf Darsteller*innen – auf der Suche nach den Verlockungen und Geheimnissen der Pubertät mit ihren vielfachen Möglichkeiten, Gefahren und Geschenken. Ein quirliges Spiel entwickelt sich, informativ und lustvoll unterhaltend (ab 12).

Das »Nacktschnecken-Game« im Grips-Podewil beginnt munter und optisch eindrucksvoll auf der Schultoilette. Da haben sich einige Schüler*innen verabredet, um den Sexualkundeunterricht zu schwänzen. Dann driftet das Stück ab ins Ungreifbare: die Schüler*innen befinden sich im Inneren einer Nacktschnecke, sie müssen Aufgaben erfüllen und werden gesteuert von einer undefinierten Stimme – ein krudes Gemisch, erträglich nur durch das weiterhin muntere Spiel der Grips-Schauspieler*innen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann irren sie noch immer in der Nacktschnecke umher … (ab 12).
Hans-Wolfgang Nickel