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Laura Rödel und Jurik Stiller im Interview mit Ingo Fehrmann: Kein Schmalspurstudium

bbz 05 / 2019

Seit dem Wintersemester 2018/2019 gibt es an der Humboldt-Universität zu Berlin den »Quereinstiegsmaster Lehramt an Grundschulen«. Wir haben Ingo Fehrmann interviewt, der an der Professional School of Education den Quereinstiegsmaster koordiniert

Das Interview führten Laura Rödel und Jurik Stiller

Stiller: Was ist das eigentlich für ein neuer Weg ins Lehramt: Q-Master und Q-Plus--Studium?
Fehrmann: Der Q-Master für das Lehramt an Grundschulen (LaGS) ist ein Weg, ins Lehramt zu kommen, ohne einen lehramtsbezogenen Bachelorabschluss zu haben. Der Q-Master ist zwar ein ganz normaler Master of Education, die Zugangsvoraussetzungen sind aber andere und es gibt Einschränkungen, was die Vertiefung angeht. Eine Besonderheit ist, dass man prinzipiell mit jedem ersten Hochschulabschluss aufgenommen werden kann, aber man muss noch etwas nachholen. In Berlin ist die Lehramtsausbildung so organisiert, dass der Großteil der fachlichen Ausbildung im Bachelor stattfindet. Im Master stehen dann vor allem Bildungswissenschaften, Sprachbildung und das Praxissemester auf dem Programm. Daher muss man in den drei Fächern Deutsch, Mathematik und Sachunterricht, die man dann im Q-Master studiert etwas mitbringen. Aber auch dies lässt sich an der HU nachholen, das nennt sich dann Q-Plus-Programm. Ein Jahr vor Beginn des Masters holt man in einem, zwei oder allen drei Fächern nötige Studieninhalte nach.

Rödel: Was genau ist deine Aufgabe in dem Q-Master?
Fehrmann: In erster Linie Information. Ich spreche mit ganz vielen Leuten, sowohl Studieninteressierten als auch Lehrenden, denn der Q-Master LaGS ist neu. Wie funktioniert das eigentlich genau? Welche Dinge muss man beachten, sowohl als Studierender als auch als Lehrender? Und dann gibt es gewisse Verfahren, die neu sind, die bisher nicht nötig waren. Und ich unterrichte auch noch selbst.

Rödel: Wie funktioniert denn das Studium im Q-Master?
Fehrmann: Das Studium funktioniert wie im normalen Master auch, die Veranstaltungen sind dieselben. Es gibt ein paar Einschränkungen, die abhängig davon sind, welches Fach man mitbringt. Im Studium selbst ist also nichts besonders, außer aus Sicht der Studierenden, die möglichweise nach zehn Jahren neu an die Uni kommen, weil ihr erster Abschluss so lange zurückliegt. Die stellen fest, dass Uni heute deutlich anders funktioniert als noch vor zehn Jahren.

Stiller: Wie viele Studierende befinden sich gerade in den beiden Programmen?
Fehrmann: Im Master haben wir noch eine einstellige Zahl, im Q-Plus etwas über 60 Plätze. Insgesamt sind 90 Plätze vorhanden.

Rödel: Welche Voraussetzungen müssen die Studierenden mitbringen?
Fehrmann: Es gibt zwei Voraussetzungen, die alle mitbringen müssen: Einen ersten Hochschulabschluss, das heißt ein Studium von mindestens drei Jahren Dauer und einem Umfang von mindestens 180 ECTS-Punkten. Und Praxiserfahrung in der Schule, beispielsweise über ein Praktikum. Wir haben auch Studierende, die schon als PKB-Kräfte gearbeitet haben oder als so genannte LovL, also Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung, die das Praxiskriterium erfüllen. Dann müssen sie Voraussetzungen in den drei Fächern mitbringen. Das hängt von dem jeweiligen Abschluss ab. Angenommen ich habe ein Diplom in Biologie, dann erfülle ich mit diesem Sachunterrichtsbezugsfach schon die Zugangsvoraussetzung im Fach Sachunterricht, müsste aber noch Leistungen in Deutsch und Mathe nachholen. Einige Studierende kommen aus einem anderen Lehramtsstudium. Die haben dann in der Regel zwei Fächer und müssen nur noch ein Fach nachholen.

Stiller: Was haben die Studierenden vorher gemacht? Wie »quer« ist denn der Einstieg?
Fehrmann: Ich würde sagen, es ist sehr divers. Die Erfahrungen aus den Studienberatungen zeigen, dass es sowohl Menschen gibt, die schon relativ lange aus der Uni raus sind und schon länger überlegt haben, in die Schule zu wechseln. Andere kommen aus einem anderen Studium. Entsprechend haben wir auch eine große Altersspanne und viele verschiedene Fächer: verschiedene Sachunterrichtsbezugsfächer, Germanistik, Deutsch. Eine große Gruppe kommt aus dem Studium Soziale Arbeit und viele sind Erzieher*innen, zum Teil an Grundschulen.

Rödel: Wenn man so viele unterschiedliche Menschen hat und alles noch ganz neu ist, gibt es doch sicher viele Baustellen. Was sind denn Schwierigkeiten der Studierenden oder der Uni?
Fehrmann: Es gibt ein paar Anlaufschwierigkeiten. Eine Schwierigkeit im Grundschullehramt besteht an der HU darin, dass die Lehrveranstaltungen wahnsinnig voll sind: Wir haben 400 Erstsemester*innen. Das sind Dimensionen, die man sonst an der HU nur im Bereich Jura oder Wirtschaftswissenschaften hat. Das Grundschullehramt ist jetzt also einer der größten Studiengänge. Das ist eine Herausforderung, die sicherlich auch in den Folgejahren noch bestehen bleibt, aber die natürlich auch die Studierenden außerhalb des Q-Masters trifft.

Stiller: Gibt es in den Beratungen einen besonderen Fokus auf das Thema Finanzierung? Was hältst du von Stipendien für die Q-Studierenden? Wie steht‘s um BAföG?
Fehrmann: Insgesamt spielen die Finanzen in den Beratungen eine ganz große Rolle. Das liegt daran, dass die Studierenden oft vorher schon gearbeitet haben, Familie haben, und dann noch einmal ins Studium, da muss man eben intensiv über diesen Aspekt nachdenken. Masterstudiengänge können prinzipiell über BAföG gefördert werden. Das ist besonders interessant für diejenigen, die noch keinen ersten Master haben. Das ist übrigens auch der wesentliche Unterschied zwischen dem Q-Master-Studium hier und dem berufsbegleitenden Quereinstieg der Senatsverwaltung, wo ein abgeschlossenes mindestens fünfjähriges Studium in einem Mangelfach vorzuweisen ist. Somit füllt dieses Angebot sogar auch eine Lücke, denn bisher waren die Studierenden, die erst den Bachelor absolviert haben, formal ausgeschlossen vom Lehrkräfte-Beruf.

Im Bereich Q-Plus gibt es eine besondere Konstellation: Das Programm bereitet auf einen Master vor, formal sind die Studierenden aber in einen Bachelor eingeschrieben. Das ist aktuell noch kompliziert. Das zweite Bachelorstudium ist nämlich nicht förderfähig. Das Stipendium hast du bereits erwähnt. Das Land Berlin fördert naturwissenschaftliche Q-Studierende, bei uns ist das mit Blick auf das Pflichtfach Mathe gegeben. Man muss sich dann aber verpflichten, danach auch das Referendariat in Berlin zu machen und drei Jahre in Berlin zu unterrichten. Bei den übrigen Studierenden erzeugt das übrigens durchaus Irritationen: Die sind vom Stipendium ausgeschlossen, sitzen aber neben den Stipendiaten und befinden sich an einer ganz ähnlichen Stelle im Bildungsverlauf.

Stiller: Zum Schluss noch etwas politischer: Werden wir unseren Ansprüchen an ein qualitativ hochwertiges Lehramtsstudium mit dem Q-Studium, so wie wir es hier anbieten können, noch gerecht?
Fehrmann: Also mit dem Q-Master definitiv. Die Anlage des Q-Masters bedingt natürlich, dass man vorher deutlich weniger fachbezogene Kompetenzen nachweisen muss, als man sie in einem regulären Bachelor erwerben würde. Wenn man dann aber genau hinschaut, gehe ich davon aus, dass das schon die zentralen Facetten der jeweiligen fachlichen Ausbildung sind, gerade auch im Hinblick auf die spätere Schulpraxis. Der Hinweis auf ein »Schmalspurstudium« ist nicht zwingend richtig. Die Q-Studierenden haben ja alle schon einen Abschluss, sind also nicht besser oder schlechter, sondern anders qualifiziert. 

Eine zweite Bachelorarbeit zu verlangen wäre nicht sinnvoll, Grundlagen im wissenschaftlichen Arbeiten sind in der Regel vorhanden. Und auch im Master wird man einiges nachholen müssen, was andere Studierende vielleicht noch ganz selbstverständlich erinnern. Das Lehramtsstudium ist da aber durchaus differenzierter zu betrachten. Im Schnitt haben wir es mit mangelhafter Raumausstattung zu tun, bei den Stellen ist der Anteil mit Hochdeputat zu groß, es handelt sich um einen Massenbetrieb und das ist für die wenigsten Beteiligten zufriedenstellend. Hier sind wir alle gefordert, einen Abgleich unserer Mindeststandards mit den erlebten Umständen zu machen. Wenn wir die Mindeststandards halten wollen, brauchen wir mehr Ressourcen.