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Ulrich Meuel und Klaus Will: An der Grenze

bbz 05 / 2019

Die Ernst-Reuter-Oberschule liegt im Wedding, nur wenige Meter entfernt vom schick renovierten Mitte-Kiez Brunnenstraße Süd. Trotz großer Herausforderungen befindet sich die Schule in einer guten Entwicklung

von Ulrich Meuel und Klaus Will

Rütlis Erben in Gesundbrunnen« titelte der Tagesspiegel im November 2016, und ein Jahr später: »Schüler an Berliner Schule judenfeindlich diskriminiert«. Wenig schmeichelhaft, diese Berichterstattung über die Ernst-Reuter-Oberschule an der Bernauer Straße. Wir wollten uns selbst ein Bild machen und haben uns für ein Gespräch und einen Rundgang mit dem Schulleiter verabredet.

Wir steigen an der U-Bahn-Station Bernauer Straße aus und befinden uns damit fast genau dort, wo die Mauer stand. Heute bezeichnet der ehemalige Mauerverlauf eine soziale Grenze. Linkerhand liegt das neue schicke Berlin-Mitte mit der Factory, einem sanierten Industriegebäude. Für dieses Gebiet, Brunnenstraße Süd, verzeichnet der Sozialatlas recht positive Verhältnisse. Dort liegt die Kinderarmut unter acht Prozent, und bei fast allen dort lebenden Familien wird der Bildungsstand als hoch bezeichnet.

Der Berliner Sozialatlas verrät uns, dass die Verhältnisse auf der anderen Seite der Bernauer Straße, Brunnenstraße Nord, ent-schieden anders sind. Hier sind fast zwei Drittel der Kinder abhängig von Transferleistungen, fast 90 Prozent haben einen Migrationshintergrund und fast jedes zweite Kind besitzt Sprachdefizite bei der Einschulung. Hier, in diesem sozialen Brennpunkt unmittelbar an der Bernauer Straße, befindet sich der große Komplex der Ernst-Reuter-Schule, einer ehemalige Gesamt- und heutigen Sekundarschule mit Gymnasialer Oberstufe.

Wie eine Schule zerfällt …

Wir betreten das Gelände über den Haupteingang an der Stralsunder Straße und sind positiv überrascht. Ein großzügiges Grundstück mit Sportanlagen und vielfältigen Gebäuden. Gleich links die Bauten aus dem Jahr 1955. Ganz offensichtlich in der Tradition des Bauhauses errichtet, schrieb die Bauwelt im selben Jahr darüber: »Die fast zum Pavillon-System aufgelockerte Bauweise mit den einfachen Baukörpern bildet einen gewollten Gegensatz zu dem angrenzenden versteinerten Wohngebiet. In trostlosen Mietskasernen mit lichtlosen Hinterhöfen wohnen die Kinder, denen die neue Schule eine andere Welt erschließen soll.« Und der Tagesspiegel schrieb, »dass für die Arbeiterkinder vom Wedding die besten Gebäude gerade gut genug sind. (…) Im Inneren ist diese Schule noch mehr auf bequeme Behaglichkeit und so etwas wie breites Leben, als auf direkte Eleganz eingestellt.« Die schönen verglasten Verbindungsgänge zwischen den Unterrichtstrakten, die elegant geschwungenen Treppen und die heute noch gut frequentierte Lehrküche lassen ahnen, welches Kleinod diese Schule einst war. Heute muss man allerdings schon etwas genauer hinschauen, denn zunächst fällt vor allem auf, dass die Gebäude dringend saniert werden müssen.

Wir treffen den Schulleiter Andreas Huth, in dem im Jahr 1978 fertig gestellten Gebäudeteil in seinem Büro. Er stellt uns erst einmal die Schule vor. Dort lernen 950 Schüler*innen, davon rund 300 in der gymnasialen Oberstufe, die zu 40 Prozent aus dem eigenen Hause kommen. Wie kommt die Schule zurecht?

Andreas Huth, der seit knapp zwei Jahren für die Schule verantwortlich ist und vorher als Fachbereichsleiter Deutsch dort gearbeitet hat, holt dazu etwas aus. »Noch im Jahr 2009 hatten wir eine ganz positive Beurteilung durch die Schulinspektion. Ursache oder Vorgeschichte unserer späteren Schwierigkeiten war die im Jahr 2006 erfolgte Fusion mit der Oberschule am Köllnischen Park. Diese Schule hatte zwar eine gymnasiale Oberstufe, aber sie hatte trotzdem Probleme und war zu wenig nachgefragt. Deswegen wurde sie aufgelöst und kam mit ihrer Oberstufe zu uns. Und deren Schulleitung wurde fast vollständig als neue Schulleitung der Ernst-Reuter-Oberschule von der Schulaufsicht installiert. Das alles fand ohne jegliche Moderation statt, niemand hat geschaut, ob und wie die unterschiedlichen Schul- und Führungskulturen miteinander klar kommen.« Der für die Schule zuständige externe Schulberater, Meinhard Jacobs, bestätigt diese Einschätzung: »Es sind damals einfach zwei Schulen zusammengeworfen worden. Nach meiner Kenntnis hat nie ein Prozess des eigentlichen Zusammenwachsens stattgefunden. Das ist ganz gut an den Ergebnissen der Inspektion des Jahres 2016 erkennbar. Vor allem die Lehrkräfte der Schule am Köllnischen Park scheinen mit der Masse der Schüler*innen anderer kultureller und sozialer Herkunft nicht zurechtgekommen zu sein, was zu größeren Konflikten geführt hat.«

… sich aber wieder aufrappelt

Nach diesem deprimierenden Schulinspektionsbericht und den entsprechenden Berichterstattungen der Presse, gab es schließlich eine neue Schulleitung und den gemeinsamen Wunsch, die sich angesammelten Probleme zu lösen und neue Konzepte zu suchen. So wurde inzwischen ein sehr gutes Sprachkonzept entwickelt und die Lehrkräfte diskutieren und planen, auch durch die gegenseitigen Hospitationen, neue Unterrichtskonzepte. Dazu gehört ein offensiver Umgang mit Antisemitismus und Diskriminierung, wozu auch der Konflikt im November 2017 um einen jüdischen Schüler beigetragen hat. Im 9. bis 11. Jahrgang finden bestimmte Workshops für alle Schüler*innen verbindlich statt, beispielsweise zum Thema »Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre«, ein interreligiöser Workshop und Veranstaltungen zum Islam oder dem Nahost-Konflikt. 

Die Schulsprecherin Kremare Selmani findet, dass dies alles schon Wirkung zeigt: »Und ich muss auch sagen, dass es hier wenig Streit gibt. Das soll ja früher anders gewesen sein. Inzwischen gibt es allerdings auch mehr Möglichkeiten, Streit zu schlichten.« Huth ergänzt das: »Im Schulprogramm haben wir den Schwerpunkt interkulturelle und interreligiöse Bildung. Und unsere Schüler*innen sind inzwischen auch interkultureller. Andererseits gibt es konservative Schüler*innen, die andere bekehren wollen. Deshalb haben wir Workshops, in denen es keine einseitige Auslegung des Koran gibt, sondern wo fachkundige Leute mit den Schüler*innen über die verschiedenen Auslegungen sprechen und auch über andere Religionen. Da werden dann auch Kirchen und Moscheen besucht.«

Eine weitere Stärke der Schule sind die vielen jungen Lehrkräfte, die mit großem Engagement arbeiten, wie Huth betont: »Wir haben im Schnitt 20 bis 25 Lehrkräfte in Ausbildung, also Referendar*innen und Quereinsteiger*innen. Zwei unserer Lehrkräfte kümmern sich um sie. Diese gute Betreuung führt unter anderem dazu, dass viele auch nach der Ausbildung hier an der Schule bleiben. Das ist uns wichtig, denn die bringen ja auch immer neue Impulse mit.« Jacobs empfindet die Schule »im Moment als einen Ort, wo unheimlich viel Potential vorhanden ist. Die machen eine ganz tolle Arbeit mit den jungen Kolleg*innen.«

Bei unserem Rundgang werden wir immer wieder überrascht durch die schönen Räumlichkeiten und die freundliche Begrüßung und die Neugier. Positiv in Erinnerung geblieben sind uns auch die großzügige und gut genutzte Schulbibliothek sowie eine engagierte Mädchentruppe, die uns stolz ihre tolle Insekten- und Kleintierzucht zeigte und erklärte, alle Achtung! Außerdem gibt es hier eine Schüler*innenfirma, die unter anderem Honig von der eigenen Bienenzucht auf den Flachdächern verkauft. Solche Projekte können nur gemacht werden, wenn es genug engagierte Schüler*innen und Lehrkräfte gibt. Das ist hier offensichtlich der Fall.

Wenn jetzt noch die unter Denkmalschutz stehenden wunderschönen Gebäude direkt am Schuleingang und die Unterrichtsgebäude mit den verglasten Verbindungsgängen saniert werden, dann wird das sicherlich zu einem weiteren Aufschwung der Schule führen.

Kommt der Campus Gustav Reuter?

Neben der Sanierung ist ein Neubau an der Bernauer Straße geplant, dort sollen die Gebäude aus den 1970er Jahren abgerissen werden. Dieser Neubau soll die Schule dann auch zur Bernauer Straße hin öffnen und eine jahrgangsorientierte Compartment-Struktur ermöglichen. Das Geld, 45 Millionen Euro, ist da, doch die Planungen stocken: »Wir kommen einfach nicht weiter in der Diskussion. Soll saniert werden oder soll es einen Neubau geben? Alle vorhandenen Unterlagen belegen die Notwendigkeit des Neubaus. Wir wären sicher schon weiter, wenn der Bezirk das Projekt in der Vergangenheit energischer vorangetrieben hätte«, erklärt Meinhard Jacobs.

Ein Neubau bietet die Chance, die benachbarte Gustav-Falke-Grundschule mit der Ernst-Reuter-Oberschule zu verbinden. Dann würde sich auch die Frage nach einer Gemeinschaftsschule neu stellen, obwohl beide Schulen bislang einer Fusion eher kritisch bis ablehnend gegenüber eingestellt waren. Sicher spielt dabei eine Rolle, dass die Grundschule inzwischen auch von Kindern aus bildungsorientierten Elternhäusern südlich der Bernauer Straße besucht wird und als Erfolgsmodell gilt. 

Die Ernst-Reuter-Schule ist zwar im Aufwind und wird steigend nachgefragt, das hat sich allerdings noch nicht überall herumgesprochen. Da könnte Sanierung und Neubau schon noch etwas Schwung hineinbringen. Zusammen mit der Campus-Idee würde dann sicherlich nicht nur die Schule, sondern auch das Quartier aufgewertet. Und wer weiß, vielleicht verschwindet dann endlich nach der gemauerten auch die soziale Grenze?