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Evamarie König: Akademiker*innen unter sich

bbz 05 / 2019

Der soziale und familiäre Hintergrund bestimmt immer noch stark, wer den Weg an die Hochschule findet. Ehrenamtliche bei ArbeiterKind.de unterstützen Abiturient*innen aus einem nicht-akademischen Umfeld

von Evamarie König

Für viele Schüler*innen, die eine gymnasiale Oberstufe besuchen, ist der Weg an die Hochschule die logische Folge ihrer Bildungslaufbahn. Bildung wird in ihren Familien als hohes Gut anerkannt, das Anstrengung und Einsatz lohnt. Die Eltern und ältere Geschwister leben vor, wie ein Studium funktioniert und zeigen mit ihrem eigenen Lebenslauf, welch Perspektiven sich nach einem Studium bieten können. 

Junge Menschen, deren Eltern keine akademische Erfahrung haben, stehen oftmals vor einer schwierigen Entscheidung. Sie haben keine Vorbilder in ihrer Familie, die ihnen erklären können, was ein Studium bedeutet, warum ein Studium sinnvoll für sie sein kann oder wie ein Studium organisiert wird.

Personen aus Familien ohne Hochschulerfahrung sind deutlich seltener an den Hochschulen vertreten: Von 100 Schüler*innen aus Akademiker*innenfamilien, die die Hochschulreife erworben haben, beginnen statistisch gesehen 79 ein Hochschulstudium. Aus Nicht-Akademiker*innenfamilien gehen 27 von 100 Personen mit Hochschulreife studieren. Dies sind die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zur Hochschulbeteiligung in Deutschland, die im Mai 2018 veröffentlicht wurde.

Viele fühlen sich fremd an der Hochschule

Materielle Probleme spielen häufig eine Rolle bei der Entscheidung gegen ein Studium. Finanzierungsmöglichkeiten wie BAföG oder Stipendien sind kaum bekannt, die jungen Menschen scheuen sich, Schulden zu machen. Das Antragsverfahren für BAföG ist sehr komplex, Studieninteressierte erhalten erst spät Informationen über eine Zahlungszusage und über die Höhe der Unterstützung. Die Mehrheit der Studierenden muss hinzuverdienen, da die BAföG-Sätze nicht mehr den realen Grundbedarf abdecken. Bei Stipendien herrscht die Vorstellung, nur mit überdurchschnittlichen Noten überhaupt eine Chance zu haben. Dass es auf viele Details ankommt und beispielsweise auch soziales Engagement sehr viel zählt, wissen viele nicht.

Neben den pragmatischen Fragen zum Studium gibt es auch mentale Herausforderungen. Viele Studierende aus Nicht-Akademiker*innenfamilien fühlen sich zunächst fremd an der Hochschule. Ihnen fehlt der akademische Habitus. Sind sie irgendwann in der Hochschulwelt angekommen, haben sie sich gleichzeitig von ihrer Herkunftswelt entfernt, vielleicht sogar entfremdet. Plötzlich sind sie in beiden Milieus nicht mehr heimisch.

Ohne Zweifel ist für diese jungen Menschen die soziale Anpassungsleistung kraftraubend, neben den inhaltlichen Herausforderungen, die jedes Studium mit sich bringt. Problematisch wird es, wenn nach einer Übergangsphase kein neues Zugehörigkeitsgefühl entsteht und die*der Studierende sich gezwungenermaßen einer bestimmten Gruppe anschließt. Diesen Übergang erfolgreich zu bewältigen, schaffen daher vor allem diejenigen, die über ein hohes Maß an Flexibilität und Trennungskompetenz verfügen. Ohne soziale Pat*innen, also Dritte, die an die Stelle der Eltern oder auch Lehrer*innen treten, gelingt der Übergang nur schwer.

Es gibt andererseits Untersuchungen, die zeigen, dass manche Studierenden einen doppelten Habitus entwickeln können, das heißt sie sind in der Lage, zwischen den unterschiedlichen Sozialumgebungen zu wechseln und sich jeweils anzupassen. Im Idealfall verlieren sie nicht den Kontakt zu ihrer Umwelt und zu ihrer Familie, sondern erfahren Unterstützung, soweit das möglich ist. Entscheidend ist auch: wie geht die Familie damit um, bleibt sie neugierig und offen gegenüber Veränderungen, oder steht sie Unbekanntem eher ablehnend gegenüber?

Es gibt Lösungsansätze, wie die Übergänge sanfter gestaltet werden können und der studieninteressierte Mensch durch Unterstützung und Ermutigung seinen Platz findet und am Ende in der Lage ist, sein Studium erfolgreich abzuschließen. Über 6.000 Ehrenamtliche der Organisation ArbeiterKind.de stellen in 75 lokalen Gruppen bundesweit ihr Wissen und ihre Erfahrung zur Verfügung, sind Ansprechpartner*innen und gleichzeitig Vorbild mit ihrer eigenen Bildungsgeschichte. In einer wissenschaftlichen Evaluation wurde der Erfolg des peer-to-peer-Ansatzes nachgewiesen, dementsprechend die Mehrzahl der Mentor*innen selbst Studierende der ersten Generation sind. Sie ermutigen zum Studium und unterstützen vom Studieneinstieg bis zum Studienabschluss. Ziel ist es, den Vorsprung auszugleichen, den manche alleine durch ihre Herkunft haben, um eine gerechtere Ausgangssituation für alle zu schaffen.

ArbeiterKind.de unterstützt Studierende der ersten Generation.
Die Ansprechpartnerin für Berlin ist Hannah Rindler,
Tel.: 030-31 42 57 94, E-Mail: rindler@arbeiterkind.de