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Uwe Schafranski: Abi oder was?

bbz 05 / 2019

Nur wenige Schüler*innen haben am Ende der 10. Klasse klare Berufsideen. Umso  wichtiger ist eine kompetente Berufs- und Studienorientierung (BSO). Ein Berufsbildner gibt Einblicke in die Arbeit seines BSO-Teams an einer Sekundarschule

von Uwe Schafranski

Für mich kommt nur das Abi infrage« oder »Eine Idee habe ich eigentlich noch nicht«. Aussagen wie diese sind für uns als Berufs- und Studienorientierungsteam (kurz BSO-Team) »unser tägliches Brot«. Für Heranwachsende erscheint die Orientierung zum Übergang nach der 10. Klasse in Anbetracht der vielen Möglichkeiten am Arbeits- und Bildungs«markt« komplex und verworren. Dies fängt mit neuen Berufen, wie Kaufleute für Dialogmarketing, und Bildungsgängen, wie der Integrierenden Berufsausbildungsvorbereitung (IBA), an, und hört bei idealisierten und zum Teil falschen Berufsdarstellungen in den Medien und auch im Fernsehen auf, beispielsweise der Arbeit des coolen Kommissars im Krimi. Überdies stellen wir in den Gesprächen oft fest, dass in den Familien ein Reden über die berufliche Zukunft aus vielschichtigen Gründen selten und oberflächlich stattfindet. Daher ist das BSO-Team ein wichtiger und vielleicht neben der Beratung der Jugendberufsagentur auch der einzige Gesprächsort, der sich mit den Berufsperspektiven der Jugendlichen in Ruhe auseinandersetzt.

An einer Integrierten Sekundarschule (ISS) besteht ein BSO-Team aus einer Lehrkraft der Sekundarschule der zu beratenden Schüler*innen, aus einer beratenden Person der Jugendberufsagentur und einer Lehrkraft der berufsbildenden Schulen. Diese Teams bilden nach dem Landeskonzept für Berufs- und Studienorientierung (LKBSO), gemeinsam mit den Lehrkräften des Wirtschaft-Arbeit-Technik-Unterrichts, das personelle Grundgerüst für die Umsetzung der jeweiligen BSO-Konzepte an den Schulen.

Das vom Senat 2015 beschlossene LKBSO hat zum Ziel, die Berufs- und Studienorientierung an den Sekundarschulen und Gymnasien zu stärken, damit jede*r Schüler*in die Möglichkeit erhält, eine eigene überzeugende Anschlussperspektive zu entwickeln. Hierzu hält das LKBSO unter anderem folgende Instrumente vor: Berufs- und Anschlussberatungen in den Klassen 9 und 10 durch BSO-Teams, Elternberatungen und diverse Maßnahmen zur Stärkung der Berufswahlkompetenz, wie zum Beispiel das Projekt »Komm auf Tour«, bei dem Schüler*innen im Rahmen eines Tagesprojekts in der Jahrgangsstufe 8 an sechs Stationen in spielerischer Weise ihre beruflichen Stärken und Schwächen entdecken können.
Mehr Zeit, um »durchzublicken«

Allerdings haben immer noch nur wenige Schüler*innen, so unsere Erfahrung im BSO-Team, in Klasse 10 klare Berufsideen und im besten Fall auch schon aus eigenem Antrieb entwickelte Anschlussperspektiven, wie zum Beispiel eine Ausbildungsstelle.

Viele Beratungsgespräche sind von den Wünschen der Schüler*innen überlagert, irgendwie noch den Zugang zur gymnasialen Oberstufe zu erhalten. Noch im zweiten Halbjahr in der 10. Klasse entscheidet sich, ob ein Oberstufenweg möglich ist. Leider sind viele Schüler*innen erst dann einer nicht zum Abitur führenden Anschlussberatung zugänglich, wenn klar ist, dass dieser Weg ausgeschlossen ist.

In ihrer Unsicherheit bezüglich der beruflichen Zukunft sehen viele Schüler*innen das Abitur, ein Wiederholen des Mittleren Schulabschlusses (MSA) oder einen vollschulischen Besuch am Oberstufenzentrum im Rahmen berufsqualifizierender Maßnahmen als eine weitere Reflexionsmöglichkeit zum Ausplanen ihrer eigenen Berufsbiographie.

Der direkte Weg in die praktische Ausbildung taucht als Option häufig gar nicht erst auf. Er scheint die Schüler*innen zu ängstigen und so entscheiden sie sich nicht selten für den bekannten schulischen Weg. Außerdem braucht man halt Zeit, um dann hoffentlich mehr »durchzublicken«. Und überdies: Man hält sich noch alle Wege offen und erhält dabei unter Umständen einen Schulabschluss, der vielleicht sogar noch zum Abitur führt oder führen kann.

Als Berufsbildner zeige ich im Gespräch, wenn es sinnvoll erscheint, auch immer den beruflich-gymnasialen oder fachoberschulischen Weg an einem Oberstufenzentrum (OSZ) als Möglichkeit auf und betone die Gleichwertigkeit der Abschlüsse, wo sie besteht. Längere Fahrtwege, die Angst vor mangelnder Gleichwertigkeit der Abschlüsse und das gewohnte Umfeld führen jedoch oft dazu, dass die Schüler*innen an der eigenen Sekundarschule verweilen wollen. Dabei ständen ihnen an den Oberstufenzentren viele spannende Alternativen zur Verfügung, wie Schulfächer mit direktem beruflichen Bezug, beispielsweise Medientechnik am OSZ KIM, Wirtschaft am OSZ Bürowirtschaft 1 oder Ernährung an der Brillat-Savarin-Schule.

Insbesondere die zweijährige Fachhochschulreife wird von einigen Schüler*innen meiner Beratungsschule als »minderwertiger Ausbildungsgang« angesehen, der nur im Notfall gewählt wird. Leistungsstarke Schüler*innen mit guten Prognosen gehen diesen Weg in der Regel nicht.

Oberstufenzentren kennenlernen

Wenn die Oberstufenzentren gegenüber den Gymnasien und den Sekundarschulen mit Oberstufe, von denen ständig weitere aufgebaut werden, gegenüber eine interessante Alternative bleiben wollen, müssen sie grundsätzlich mehr mit den Schüler*innen der Sekundarschulen in Kontakt kommen, um diese für ihr Angebot zu öffnen und zu gewinnen.

Eine aus meiner Sicht sinnvolle Idee wäre es, wenn die Oberstufenzentren zentrale Besuchstage anbieten würden. An diesen Tagen könnten Jugendliche der 10. Klassen jeweils zwei Oberstufenzentren pro Tag besichtigen beziehungsweise sich mit Schüler*innen und Lehrkräften der Schule austauschen. Für die Oberstufenzentren hätte dies den Vorteil, dass sie so interessierte Schüler*innen, die ansonsten vielfach den direkten Weg in die Oberstufen ihrer eigenen Schulen gehen würden, gewinnen könnten. Für die Schüler*innen hätte dies den Vorteil, dass sie außerhalb des Tages der offenen Tür im Rahmen einer »Pflichtveranstaltung« eine neue Anschlussperspektive vor Ort kennenlernen und neugierig werden könnten.

Viele Schüler*innen, die die Voraussetzungen für den Übergang in die gymnasiale Oberstufe nicht erfüllen, streben als nächsthöheren Abschluss den MSA an. Bei Nichtbestehen des MSA wird gern auch eine Extrarunde gedreht. Dies gilt übrigens auch bei bestandenem MSA, wenn der Notenschnitt für die gymnasiale Oberstufe noch nicht erreicht worden ist und im zweiten Anlauf noch erreicht werden kann. 

Bisher wurde zum Nachholen eines Abschlusses oft auch zum Oberstufenzentrum gewechselt.
Mit IBA wird ab dem Jahr 2019/20 flächendeckend ein Bildungsgang an den Oberstufenzentren eingeführt, dessen Ziel in erster Linie nicht der Abschluss, beispielsweise der MSA, sondern der Anschluss in eine Berufsausbildung ist. Aus diesem Grunde gibt es im Bildungsgang auch einen hohen Praktika-Anteil, der einen Übergang in Ausbildung während der Teilnahme am Bildungsgang begünstigen soll. Der Abschluss soll im Idealfall dann später im Rahmen der Berufsausbildung als Zuerkennung erworben werden. Ein Wiederholen von IBA ist nicht vorgesehen. Ein langes Verweilen im Oberstufenzentrum zum Erwerb von Abschlüssen soll so vermieden werden.

Mit IBA Anschluss finden

Ob dieses anschlussorientierte System mit hohem Praktikumsanteil die abschlussorientierten Jugendlichen, die sich noch nicht auf ein Berufsfeld hin orientiert haben, anlocken kann, bleibt abzuwarten. Vermutlich werden eher die leistungsschwächeren Schüler*innen in die IBA-Bildungsgänge wechseln. Bisher haben nur wenige Schüler*innen meiner Schule den Bildungsgang IBA freiwillig gewählt. Er war immer ein Bildungsnotnagel. Nur ein Abschaffen der Ehrenrunde in der 10. Klasse und dem gleichzeitigen Aufbau von IBA hätte eine schulverkürzende Wirkung und würde die Qualität von IBA durch den Zugang leistungsstärkerer Schüler*innen erhöhen.

Abschließend noch eine kurze Anmerkung: Wirklich wichtig wäre für uns als BSO-Teamer*innen die Chance, auch unsere Beratungskompetenz im Sinne des LKBSO zu verbessern. Hierzu gehören zum Beispiel der Ausbau und die Erneuerung des zentralen Portals www.oberstufenzentrum.de anstelle vieler uneinheitlicher aufgebauter Seiten der Oberstufenzentren. Darüber hinaus wäre es auch notwendig, dass die BSO-Teams regelmäßig über die unterschiedlichen Angebote der Oberstufenzentren geschult werden, beispielsweise durch die Teilnahme an einem zentralen OSZ-Tag. Mehr Informationen aus erster Hand und Gespräche mit Lehrkräften vor Ort würden dann auch eine bessere Beratungsqualität bedeuten.

Die Integrierende Berufsausbildungsvorbereitung (IBA) hat in erster Linie das Ziel Schüler*innen beruflich zu orientieren und ihnen (gegebenenfalls auch ohne Abschluss) zu einer Ausbildung zu verhelfen. Sie richtet sich an Schüler*innen, die nach zehn Jahren Schulbesuch höchstens den MSA erreicht haben sowie an Geflüchtete mit einem B1 Sprachniveau.

Vollschulischer Besuch: Die mehrjährige Berufsfachschule übernimmt als Vollzeitschule die Berufsausbildung der Jugendlichen. Sie vermittelt die für den gewählten Beruf erforderlichen praktischen Fertigkeiten und theoretischen Kenntnisse und erweitert die Allgemeinbildung der Schüler*innen.