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Klaudia Kachelrieß: Am Ende der Grundschule beginnt der Kampf

bbz 05 / 2019

Mit dem Übergang in die weiterführende Schule beginnt die Selektion. Das schafft Stress und große Verunsicherung. Dabei könnten wir unsere Energie viel sinnvoller einsetzen

von Klaudia Kachelrieß

Der Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule ist der Weg vom inklusiven und gemeinsamen Lernen zum selektiven und getrennten Lernen. Die Kindertagesstätten und Grundschulen sind inklusive Bildungseinrichtungen für alle Kinder. Alle Kinder haben einen Anspruch auf einen Platz. Es gibt keine Kriterien, nach denen die aufzunehmenden Kinder ausgewählt werden dürfen. Kinder mit unterschiedlichen sprachlichen, kognitiven, motorischen oder psychischen Voraussetzungen lernen zusammen.

Lediglich über den Einschulungsbereich wird die Aufnahme der Kinder in die Grundschule gesteuert. Das allerdings ist in Berlin durch die unterschiedliche Sozialstruktur in den Stadtteilen und Wohngebieten nicht ganz unerheblich. Denn natürlich gibt es auch bei der Auswahl von Kita und Grundschule gewisse Dynamiken. Gerade Eltern mit akademischem Background schauen sich gezielt um und melden sich im Zweifelsfall an einer anderen als der Einzugsgebietsschule an. Nur bei Übernachfrage spielen dann bestimmte Kriterien wie die Geschwisterregelung oder der Wunsch der Eltern nach gebundenem Ganztag eine Rolle. Weitere Aufnahmekriterien gibt es aber nicht. »Sortiert« wird erst nach der Grundschule. Der Übergang in die weiterführende Schule ist insofern ein Bruch mit dem zuvor inklusiven System.

Der Druck ist groß

Wenn die sechsjährige Zeit des gemeinsamen Lernens vorübergeht, wird sortiert – und zwar nach Leistung. Genauer gesagt fängt das Sortieren im Prinzip schon im letzten Grundschuljahr oder früher an. Bis Januar des jeweiligen Schuljahrs müssen die Grundschulen für alle Kinder Förderprognosen erstellen. 

Dies führt im letzten Grundschuljahr häufig zu einem übermäßigen Druck auf die Kinder, Eltern und Lehrkräfte. Der Übergang beschäftigt die Familien manchmal über mehrere Jahre. Getrieben von der Angst, nicht die Schule zu finden, an der das eigenen Kind am besten gefördert wird, bricht Konkurrenz aus. Pädagog*innen geraten unter Rechtfertigungsdruck, wenn die Kinder nicht die von den Eltern gewünschten Zensuren erhalten. Die Schüler*innen der 6. Klasse erfahren meist erst am Ende des Schuljahrs, an welcher Schule sie genommen werden. In dieser Zeit ist die Verunsicherung groß. Manche Eltern entscheiden sich vor diesem Hintergrund auch, ihre Kinder bereits ab der 5. Klasse auf ein Gymnasium zu schicken, um dieser Situation vorwegzugreifen. Leitend ist dabei die Grundannahme, dass Kinder besser lernen, wenn sie in leistungshomogenen Gruppen unterrichtet werden. Diese Idee ist geprägt von der jahrhundertealten Tradition leistungsbezogener Aufteilung im deutschen Schulwesen. Auch die Berliner Schulstrukturreform ändert daran bislang wenig.

In der Regel trennt sich beim Übergang von der Grundschule die »Spreu vom Weizen«. Auch unter den Gymnasien und Sekundarschulen (ISS) gibt es jene, die beliebt sind und sehr gute Abschlussergebnisse aufweisen und die Schulen, die schlechtere Abschlussquoten haben und nicht so nachgefragt sind. Manche ISS steuern über bestimmte Profile die Aufnahme der Schüler*innen.

Übernachgefragte Schulen müssen nach einem festgelegten Auswahlprozedere eine beachtliche Anzahl von Schüler*innen abweisen. Bei der Schulsuche wird deshalb die zentrale Frage »Welche ist die beste Schule für mein Kind?« begleitet von der Frage: »Wo hat mein Kind überhaupt die Chance, angenommen zu werden?« Da die Noten der Grundschulzeugnisse bei allen Aufnahmeverfahren eine wesentliche Rolle spielen, haben Kinder mit guten bis sehr guten Leistungen deutlich bessere Chancen, einen Platz an einer »guten Schule« zu erhalten. Eine große Anzahl der Kinder mit guten Leistungen in den Grundschulen hat bereits vorteilhafte Startbedingungen, häufig durch Eltern mit einer guten Ausbildung und einem festen Einkommen. Die Ungleichheiten entlang soziokultureller Faktoren wie Einkommen und Bildungsstand der Eltern oder Familiensprache werden beim Übergang in die weiterführenden Schulen verstärkt. Dies belegt auch die Berlin-Studie, die wissenschaftliche Begleitung zur Schulstrukturreform.

Die leistungsstarken Schüler*innen sind mehrheitlich an den Gymnasien und leistungsorientierten ISS zu finden. An den nicht so nachgefragten Sekundarschulen kommen dann viele Schüler*innen zusammen, die nicht so gute Voraussetzungen mitbringen. Schüler*innen mit Förderbedarf lernen demnach auch mehrheitlich an den Integrierten Sekundarschulen und Gemeinschaftsschulen. Die Abschlussquoten der ISS für MSA und Abitur sind dementsprechend schlechter als an Gymnasien und profilierten ISS. Die Abbruchsquoten bis zum 10. Jahrgang sind mit etwa 11 Prozent recht hoch. Diese Zahlen beeinflussen wiederum die Schulwahl der Grundschüler*innen und ihrer Eltern. Es ist ein Teufelskreis, der schwer zu durchbrechen ist. Für Gymnasien gibt es mit dem Probejahr neben der Förderprognose ein zusätzliches Instrument zur Selektion. Die Gymnasien können die Schüler*innen mit schlechten Leistungen »abgeben«. Aber was bedeutet das für einen jungen Menschen, der sich an einer neuen Schule gerade eingelebt hat und dem nun vermittelt wird, dass er oder sie »nicht genug ist«? Entspricht das dem Bildungsauftrag von Schule? Wollen wir denn wirklich so weitermachen?

Gegenmodell Gemeinschaftsschule

Wie wäre es denn, wenn eine Entscheidung zwischen den zwei Säulen gar nicht nötig wäre? Wie wäre es, wenn alle Kinder weiter gemeinsam zur Schule gehen könnten und nicht wechseln müssten? So ist es an den Berliner Gemeinschaftsschulen möglich, die eine eigene Grundstufe haben und bis zum MSA oder zum Abitur führen. Die Gemeinschaftsschulen sind ein erfolgreiches Gegenmodell zum gegliederten Schulsystem. An Gemeinschaftsschulen erleben junge Menschen gemeinsam die Schulzeit und lernen miteinander – von der ersten Klasse bis zum Schulabschluss, ohne äußere Unterscheidung nach Leistungsvermögen. Ein Wechsel nach der Grundstufe ist nicht nötig. Die Schüler*innen können in ihrer gewohnten Lernumgebung und in ihrer Schulgemeinschaft bleiben. Die Kinder und die Eltern kennen die Schule, die Pädagog*innen, die Abläufe, die Regeln, die Gebäude. Diese Kontinuität gibt Sicherheit und macht möglich, dass die Kinder und Jugendlichen sich auf das Lernen konzentrieren können. Die Schulgemeinschaft einer Gemeinschaftsschule bildet einen Querschnitt der Gesellschaft ab. 

Schüler*innen unterschiedlicher Lernniveaus und diverser sozialer Hintergründe lernen gemeinsam. Sie durchleben gemeinsam die Schulzeit und lernen dabei inhaltlich mit- und voneinander aber auch einen verständnisvollen und achtsamen Umgang miteinander.

Was, wenn alle Schulen Gemeinschaftsschulen wären? Die Grundschullehrkräfte würden, anstatt Förderprognosen schreiben zu müssen, Förderunterricht geben oder ein neues Projekt planen. Die Schulleiter*innen an den aufnehmenden Schulen müssten keine Anmeldegespräche führen – oft mehrere hundert im Anmeldezeitraum. Schuleiter*innen an Gymnasien müssten zudem keine Beratungsgespräche führen, in denen sie Schüler*innen ohne Gymnasialprognose vom Besuch des Gymnasiums abraten sollen. Es würden neue Zeitfenster entstehen, die sich für die Schulentwicklung nutzen ließen. Den Familien bliebe sehr viel Stress und Verunsicherung erspart. Die Kinder und Jugendlichen würden trotzdem »ihre Leistungen bringen« und hätten am Ende die gleichen Abschlüsse in der Tasche.

An so vielen Standorten wie möglich sollte das lange gemeinsame Lernen umgesetzt werden. Alle Schulen müssen sich den Herausforderungen der Inklusion stellen. Schulen sollten zukünftig mit allen einmal aufgenommenen Schüler*innen bis zum Erwerb eines Schulabschlusses arbeiten. An Gymnasien sollte zudem das G9 wiedereingeführt, das Probejahr und die Grundstufenjahrgänge abgeschafft werden. Schulen in schwieriger Lage müssen langfristig zusätzliche Personalressourcen erhalten, nicht nur über das Bonusprogramm, und bei der konzeptionellen Arbeit unterstützt werden. Nur so können wir im Berliner Bildungswesen langfristig den sozialen Ungleichheiten entgegenwirken.

Besonders benachteiligt sind Schüler*innen mit Fluchthintergrund, die noch nicht lange in Berlin leben. Für sie gibt es keine Förderprognose, wenn sie in der 6. Klasse oder später eine Sprachlernklasse besuchen. Sie sind dadurch nicht im regulären Anmeldeverfahren. In der Regel wird am Ende des Schuljahres eine Empfehlung von der Klassenkonferenz ausgesprochen und der Elternwunsch eingeholt. Die regionale Schulaufsicht im Wohnbezirk weist dann einen Schulplatz zu. Die Schüler*innen und Erziehungsberechtigten haben nur wenig Einfluss auf den weiteren Bildungsweg. Es ist sehr abhängig vom Engagement Einzelner, ob und wie der Übergang gelingt.