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Cem Erkisi im Interview mit Monika Herrmann: Multiprofessionalität als Chance nutzen

bbz 07-08 / 2019

Der Weg aus der Kitakrise ist lang. Monika Herrmann, grüne Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, will bei der Überwindung der vielfältigen Probleme die Qualität nicht aus dem Blick verlieren

Das Interview führte Cem Erkisi

Wie möchten Sie die Kitakrise in Berlin lösen?
Herrmann: Die Kitakrise ist derzeit vor allem dem Fachkräftemangel geschuldet. Seit dem ersten Kitagipfel sind weitergehende Maßnahmen zur Fachkräftegewinnung eingeführt worden. Die Gehaltsverbesserung für pädagogische Fachkräfte in den Kitas durch den Tarifabschluss im März ist ein wichtiger Schritt. Dennoch fürchte ich, dass es keine schnelle Lösung geben wird. Es wird in Berlin noch einige Jahre lang nicht für alle Familien mit Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz auch ein Angebot geben. Wir müssen daher die Initiativen, die Eltern durch selbstbeschaffte Betreuungsleistungen, gegenseitige Hilfe und nachbarschaftliche Netzwerke ergreifen, fördern und auch finanziell unterstützen. Auf keinen Fall sollten die Qualitätsstandardverbesserungen der ver-gangenen Jahre zurückgenommen werden, um mehr Kinder betreuen zu können.

Neben der Fachkräftegewinnung muss auch weiter für einen Ausbau der Plätze durch Kitaneubauten gesorgt werden, durch Anpassung der Förderobergrenzen und Abbau von Hürden in der Bauplanung und -realisierung durch die Kitaträger. Ganz wichtig ist eine Standortsicherung für Kitas und Tagespflegestellen in Mietobjekten, vor allem in der Innenstadt. Hier müssen wir der Verdrängung durch steigende Mieten Einhalt gebieten.

Wie möchten Sie die freien Träger zur Zahlung von tariflichen Gehältern bewegen?
Herrmann: Etliche Kitaträger haben eigene Tarifverträge. Auch die anderen profitieren von den Kostenblattverhandlungen der Kitaverbünde mit dem Land Berlin. Damit wurde erreicht, dass sich sukzessive die zur Deckung der Kosten auferlegten Eigenanteile der Träger reduzieren und Tariferhöhungen im öffentlichen Dienst auch direkten Niederschlag in höheren Anteilen für die Personalkosten finden. Auch freie Kitaträger müssen heutzutage ihr Fachpersonal angemessen bezahlen. Ansonsten wählen die Angestellten sich einen anderen Arbeitgeber.

Wird durch die multiprofessionellen Teams durch Quereinsteiger*innen die Qualität der Einrichtungen gesteigert?
Herrmann: Schon vor der Zeit des Fachkräftemangels gab es die Möglichkeit zum Quereinstieg. Der Sektor wird jetzt ausgebaut, die Hürden, die bis zur Anerkennung als pädagogische Fachkraft zu nehmen sind, wurden in den letzten Jahren abgesenkt. Der Quereinstieg ist in meinen Augen ein probates Verfahren, um perspektivisch als Erzieher*in arbeiten zu können. Es ist nicht ungewöhnlich, dass im Laufe des Arbeitslebens nochmal ein anderer Beruf ergriffen wird, als der zunächst gewählte. Problematisch ist, wenn in der Kita die Kapazität zur Anleitung der noch nicht voll ausgebildeten Quereinsteiger*innen zu knapp bemessen ist und für die Integration ins Team kein Konzept vorliegt. Eine gewisse Stabilität und die Professionalität des »Kernteams« sind wichtige Voraussetzungen für die erfolgreiche Aufnahme und Begleitung von Quereinsteiger*innen. Nicht jede Einrichtung kann eine 33-Prozent-Quote von Quereinsteiger*innen verkraften.

Multiprofessionalität in Teams ist immer auch eine Herausforderung. Es bedarf der bewussten Kommunikation über die unterschiedlichen Qualifikationen, Auseinandersetzungen zu Erziehungshaltung und Aufgabenverständnis, letztlich einer gemeinsam erarbeiteten Konzeption. Fachliche Begleitung dabei ist von Vorteil. Wenn die Chancen der Multiprofessionalität gut genutzt werden, kann dies ein Gewinn für Kinder, Eltern und das Team selbst werden.

Können Sie noch etwas zu Ihren Visionen für die frühkindliche Bildung sagen?
Herrmann: Frühkindliche Bildung beginnt nicht erst in der Regeleinrichtung Kita. Deswegen ist es wichtig, dass Familien frühzeitig Unterstützung erhalten. Wir als Kommune müssen ausreichend gute Angebote im Bereich der Familienförderung und der frühen Hilfen bereithalten. Kindertagesstätten und Tagespflegestellen sind für Kinder die ersten pädagogischen Einrichtungen, in denen sie gemeinsam mit anderen Kindern spielen und lernen. Die Qualität der pädagogischen Arbeit der Einrichtungen muss weiterhin Ziel aller Anstrengung sein. Denn hier können auch Kinder mit schlechteren Startbedingungen profitieren. Wichtig ist auch, dass alle Kinder Zugang zu Kitas haben und Hürden weiter abgebaut werden.

Eine enge Zusammenarbeit der Fachkräfte soll perspektivisch dazu führen, dass ein gemeinsames Bildungsverständnis erlangt wird und Kinder und Familien auf ihrem Bildungsweg eine gute Begleitung erfahren.