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Gökhan Akgün: Damit nicht alles zur Schule wird

bbz 07-08 / 2019

Der Bundestag diskutiert über die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz. Viele Herausforderungen des Schulalltages könnten schon durch einen Blick aus der Kinderperspektive gelöst werden

von Gökhan Akgün

Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sehen ihr Recht auf Spiel, Erholung und Ruhe sowie ihr Recht auf Privatsphäre und Respekt durch die Schule verletzt. Ähnlich sieht es auch bei den Rechten auf Mitbestimmung, Gleichbehandlung und freie Meinungsäußerung aus. Viele Kinder und Jugendliche berichten, Gewalt in der Schule zu erleben. Das ist in der UN-Berichterstattung über die Umsetzung der Kinderrechtskonvention in Deutschland dokumentiert.

Aus den UN-Daten geht hervor, dass über ein Drittel der Kinder mit einer Behinderung ihre Rechte in der Schule als eingeschränkt ansehen. Ebenso wie gesunde Entwicklungsbedingungen und das Recht auf ein gewaltfreies Aufwachsen. Über ein Viertel der Kinder und Jugendlichen bezweifeln, dass sie in der Schule für das Leben lernen. 43 Prozent der Schüler*innen leiden unter Stress und daraus resultierenden Folgen. Ein Drittel der betroffenen Kinder klagt demnach über Beschwerden wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Schlafproblemen und Panikattacken. Mit den Schuljahren nimmt der Stress zu. Gründe dafür sind unter anderem ein andauernder hoher Leistungsdruck, schlechte Noten oder Mobbing in den sozialen Medien.

Kinder brauchen Anwält*innen

Ein wesentlicher Fehler begleitet die Ganztagsschulen und die Kitas schon seit Beginn. Beim Ausbau standen nicht die Kinder und ihre Fähigkeiten, Bedürfnisse und Ansprüche im Mittelpunkt. Kinder wurden vielmehr als Garantie der Zukunftssicherung betrachtet und somit instrumentalisiert. Die Hauptargumente für den Ausbau waren, dass die Wirtschaft, die Familie mit ihrer Vereinbarkeit von beruflichen Anforderungen und die Gesellschaft Ganztagsschulen bräuchten.

Die fehlende Kinderperspektive ist ein Fehler der ersten Stunde, auf dessen Fundament weitere Versäumnisse stehen. Viele Probleme und Herausforderungen könnten doch genau durch diese Perspektive gelöst werden. Es wird zum Beispiel nicht die Frage gestellt, welcher Zusammenhang zwischen den wachsenden Gewaltvorfällen und den schulischen Rahmenbedingungen wie Klassenfrequenz, Raumgröße und Tagesstruktur besteht. Einrichtungen sollten unbedingt vom Kind aus gedacht werden und nicht aus der Perspektive der Erwachsenen.

Neben der fehlenden Kinderperspektive kommt hinzu, dass ein wesentlicher Bereich, nämlich die »ergänzende Förderung und Betreuung« – sprich der »Erzieher*innenbereich« – ziemlich vernachlässigt und auf sich selbst gestellt wurde. Ich habe in einem Vortrag die These gehört, dass alles, was die Schule berührt, zur Schule wird. Genau das ist auch bei der Eingliederung der Horte in die Schulen passiert.

Bildung, Erziehung und Betreuung außerhalb des Unterrichts haben wenig Bedeutung und finden auch wenig Beachtung. Sehr viele Eltern, Lehrkräfte und sogar Erzieher*innen selbst sind der Auffassung, dass Erzieher*innen für die Entlastung der Lehrkräfte, für den Unterricht und die Unterrichtsergänzung in den Schulen zuständig sind. Nach dem Unterricht sollen die Schüler*innen lernen, nacharbeiten oder sich auf den morgigen Schultag vorbereiten. Und Erzieher*innen sollen sie dabei unterstützen. Die koordinierenden Fachkräfte müssten mit mehr Entscheidungsbefugnissen ausgestattet werden. Denn Kinder brauchen in der Schule Anwält*innen, die sich für sie einsetzen und verhindern, dass alles zur Schule wird. Es ist längst bekannt, dass Kinder am meisten und nachhaltigsten informell und durch das Spiel lernen. Es ist ihnen nicht mal bewusst, dass sie dabei lernen und oftmals geht es beim Spiel darum, Alltagsprobleme zu bewältigen. Die informellen Lernsituationen müssen daher mehr Anerkennung und Wertschätzung erhalten. Nicht zu vergessen, dass lediglich drei Prozent der Leistungsdifferenzen auf schulische Effekte zurückzuführen sind. Eine wichtige Bedeutung hat daher das, was nach dem Unterricht passiert. In halbformellen Bildungssituationen können die Themen, Interessen und Bedürfnisse der Kinder aufgegriffen und ihnen Angebote dazu gemacht werden. Nachgesehen werden kann hier im Berliner Bildungsprogramm für die offene Ganztagsgrundschule.

Bildung als Selbstentfaltung

Bereits 1847/48 forderte die Arbeiter*innenbewegung: »Der Staat übernimmt den unentgeltlichen Unterricht und, wo es nötig ist, die unentgeltliche Erziehung der Jugend mit Berücksichtigung ihrer Fähigkeiten.« Dieser Forderung lag das humanistische Bild von Bildung zu Grunde, welches Bildung auch als einen Selbstentfaltungsprozess versteht und nicht als bloße Ansammlung von Informationen. Übrigens existiert das Wort »Bildung« nur im Deutschen. Wir verstehen »gebildet zu sein« als eine bestimmte Haltung und Verantwortung gegenüber sich, seinem Umfeld und der Umwelt. Wir sollten nicht zulassen, dass durch internationale Rankings, Kompetenzmodelle und Konkurrenz zu anderen Bildungseinrichtungen an den Grundmauern unseres Bildungsverständnisses gerüttelt wird. Leider wird weiterhin in der öffentlichen Debatte das deutsche Schulsystem mit den Systemen der »PISA-Länder« auf den vorderen Plätzen verglichen. So wird allzu oft begeistert davon berichtet, dass beispielsweise in Singapur Schüler*innen mehr als neun Zeitstunden in der Schule verbringen und im Anschluss noch »Hilfsschulen« besuchen. Für mich ist das eine Horrorvorstellung!

Es ist fest in den Köpfen verankert, dass mehr Schule und mehr Nachhilfe zu einer besseren Bildungsbilanz der Schüler*innen beitragen. Was für ein Irrtum, dem sich leider auch die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres anschließt, indem sie in der Qualitätsoffensive zusätzliche Unterrichtsstunden für die Schüler*innen beschließt. Als Folge davon werden bei der Ausstattung von Erzieher*innenstellen Kürzungen vorgenommen. Zu ihrer Entscheidung haben sicherlich die schlechten Ergebnisse der Berliner Schüler*innen beigetragen. Doch warum Berlin sich an nationalen und internationalen Rankings orientiert, ist mir unklar. Finnische Kolleg*innen erzählten mir, dass sie ziemlich erstaunt über die PISA-Ergebnisse waren. Sie hatten das getan, was sie für richtig hielten. Die finnischen Kolleg*innen stehen hinter ihrem Bildungskonzept und arbeiten mit dem Ziel, dieses mit Leben zu füllen und nicht, um in Rankings gut abzuschneiden.

Wir sollten uns zu unseren Bildungszielen bekennen und die UN-Kinderrechtskonvention umsetzen. Das Recht auf Ruhe, Freizeit und Spiel ist unantastbar! Nicht zu vergessen ist, dass die Schule den Auftrag hat, »alle wertvollen Anlagen der Schüler*innen zur vollen Entfaltung zu bringen und ihnen ein Höchstmaß an Urteilskraft, gründlichem Wissen und Können zu vermitteln. Ziel muss die Heranbildung von Persönlichkeiten sein, welche fähig sind, der Ideologie des Nationalsozialismus und allen anderen zur Gewaltherrschaft strebenden politischen Lehren entschieden entgegenzutreten sowie das staatliche und gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie, des Friedens, der Freiheit, der Menschenwürde, der Gleichstellung der Geschlechter und im Einklang mit Natur und Umwelt zu gestalten.«