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Ludger Pesch: Komm, wir springen über’n Zaun!

bbz 07-08 / 2019

Die Öffnung des Kindergartens ist für alle Seiten ein Gewinn. Kinder und Fachkräfte gewinnen vielfältige Erfahrungen und die Gesellschaft entdeckt an ihren Kindern wieder die Lust am Lernen

von Ludger Pesch

Es war erst mein zweiter Arbeitstag als Leiter eines Kindergartens: Im Windfang kamen mir Katja und Patrick entgegen, zwei etwa fünfjährige Kinder, die das Haus verlassen wollten. »Wohin des Weges?«, fragte ich sie überrascht. »Wir gehen zum Kiosk, um für Ilona die Zeitung zu holen«, sagte mir eines.

Der in den letzten Jahren in vielen europäischen Ländern erfolgte Ausbau der öffentlichen Kindertagesbetreuung ist mit guten Gründen umgesetzt worden. Es gibt dafür mindestens zwei Gründe: Bildungsgerechtigkeit und arbeitsmarktpolitische Chancengleichheit für Familien mit Kindern. Nicht zu den Gründen gehörten die Wünsche von Kindern. Ganz drastisch drückt es Hans Rudolf Leu aus: Der Ausbau der öffentlichen Kindertagesbetreuung »bedeutet im Kern eine zunehmende Institutionalisierung von Kindheit. … Sie ist erforderlich, weil der Alltag von Erwachsenen so gestaltet ist, dass Kinder darin stören.« Die Einrichtung eines Kindergartens bedeutet also die Ausgrenzung der Kinder aus der Erwachsenenwelt, darüber können gelegentliche Ausflüge – beispielsweise zum Zeitung holen – nicht hinwegtäuschen.

Kinder müssen am Leben teilhaben

Fragen wir doch die Kinder! Die Erzieherin Regina Delarber hat im Rahmen ihrer Weiterbildung zur »Fachkraft für den Situationsansatz« genau das getan und schreibt darüber. »Besonders die Aussage von Ruben hatte für uns große Aussagekraft: ›Wir möchten gerne öfter über’n Zaun springen, Regina, auch wenn du das nicht hören willst!‹« Zäune und Mauern sind immer eine defensive Maßnahme. Der geräuschlosen Wegorganisierung setzen Kinder ihre Neugierde entgegen. Es ist deshalb in ihrem Interesse, wenn wir dafür sorgen, dass sie am Leben in der Kommune teilhaben können, nicht als gelegentlich auftretende Exoten, sondern als partizipierende Mitbürger*innen.

Wenn sich der Kindergarten der Aufgabe stellt, sich über einige Ausflüge hinaus zu öffnen, gerät er in ein Feld von Widersprüchen und Spannungen, denen wir standhalten müssen.

Kindertageseinrichtungen im Wandel

In Spannung zum Kindbild als aktive Lerner*innen stehen die Ansprüche der von uns geschaffenen Institutionen. Sie drängen auf Übersichtlichkeit, Grenzziehung, Berechenbarkeit. Wenn allein institutionelle Gesichtspunkte das Leben bestimmen, greifen Kontrolle und Bevormundung um sich. Vor allem geschlossene Einrichtungen tendieren zur Einschränkung des individuellen Freiraums. Abenteuer sind innerhalb der Institution dann kaum noch möglich. Traditionell ging es im Kindergarten um Fürsorge, um Aufsicht und um Erziehungskompensation. Und genau deshalb hat sich auch lange Zeit keine wirkliche Professionalität des Erzieher*innenberufs ausbilden können. Tatsächlich bereitete die Kindergartenausbildung lange Zeit auf Helfer*innentätigkeiten sowohl im Kindergarten wie in der Familie vor. Aber heute sind sich alle Fachleute darin einig, dass Kindertageseinrichtungen in Folge des gesellschaftlichen Wandels einen enormen Bedeutungszuwachs als Bildungseinrichtungen erleben.

Spielen und Lernen sind für Kinder synonyme Erfahrungen. Wenn ein Kind sagt: »Heute habe ich nur gespielt«, dann drückt es in der Regel keine Langeweile aus, sondern markiert nur den Unterschied zwischen einem intuitiven Lernen und einem funktions- und zweckorientiertem Lernen, wie es die Erwachsenenwelt organisiert. Letzteres didaktisiert die Situation, richtet Lernhäppchen an, kontrolliert die Bedingungen und Ergebnisse. Mit einer Kindergruppe unterwegs sein, ist deshalb kein Spaziergang. Kinder gehen nicht spazieren; wenn man sie lässt, sieht man sie rennen, hüpfen, springen, rückwärtslaufen, balancieren, denn sie »wissen«, dass nichts besser ist für ihre motorische und kognitive Entwicklung.

In der UN-Kinderrechtskonvention ist in den Artikeln 12 und 13 das Recht des Kindes auf Äußerung und Berücksichtigung seiner Meinung festgelegt. Im Berliner Bildungsprogramm für Kitas und Kindertagespflege werden Pädagog*innen und Bezugspersonen von Kindern dazu angehalten, den Jüngsten Raum und Respekt für ihre eigenen Entdeckungen und Erklärungen zuzugestehen. Gleichzeitig  ist ihnen das Gefühl des sozialen Eingebundenseins und der Sicherheit zu vermitteln. Für den Alltag heißt das: Können Kinder ihre Wünsche und Anliegen angstfrei äußern? Werden die Interessen und Wünsche aller Kinder als gleichberechtigt anerkannt? Werden alle beachtet oder nur die, deren Vorstellungen zu denen der Pädagog*innen gut passen? Nach dem Grundsatz »Kein Kind entwickelt sich wie das andere« sollen Kinder in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit ermuntert und ermutigt werden ihre Gefühle und Bedürfnisse zu äußern. Es wird ihnen (Frei)raum und Zeit gegeben, Initiative zu  ergreifen, sich durchzusetzen, sich zurückzuziehen und andere zu begeistern.