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Christoph Wälz: Entlastung erkämpfen mit neuen Methoden

bbz 09 / 2019

Wie wir für unsere großen Anliegen Mehrheiten gewinnen und uns durchsetzen können

von Christoph Wälz

Seit Anfang 2018 haben Lehrkräfte in mehreren Bundesstaaten der USA in Arbeitskämpfen große Erfolge errungen. West Virginia, Oklahoma, Arizona, North Carolina und Colorado, das sind mehrheitlich republikanisch regierte Staaten mit gewerkschaftsfeindlicher Gesetzgebung. Doch auch im von den Demokrat*innen regierten Kalifornien nahmen sich 2019 die Lehrkräfte ein Beispiel mit einem sechstägigen Erzwingungsstreik in Los Angeles und danach in Oakland. Viele Streiks erreichten annähernd 100 Prozent Beteiligung, und das oftmals ohne ein Streikrecht. Offiziell waren es also »illegale« Streiks. Doch gerade das macht eine riesengroße Mehrheit bei der Beteiligung erforderlich.

Denn wenn alle mitmachen, kann man auch nicht alle einsperren oder entlassen. Damit kämpften die Lehrkräfte bewusst um ihr ganzes Kollegium und um alle Schulen. So erlangten sie eine Kraft, mit der sie nicht nur mehr Gehalt, sondern auch kleinere Klassen, den Verzicht auf Schulprivatisierungen und anderes mehr durchsetzen konnten.

Im Februar wurden einige der Methoden, die zum Erfolg geführt haben, von der Organizerin Jane McAlevey erstmals in Deutschland vorgestellt. Seitdem wird ihr Buch »Keine halben Sachen – Machtaufbau durch Organizing« in den deutschen Gewerkschaften heiß diskutiert. McAlevey bezieht sich auf Methoden, die in den 1930er und 40er Jahren von Organizer*innen des gewerkschaftlichen Dachverbands CIO entwickelt und mit denen damals große Erfolge erzielt wurden. Im Kalten Krieg gingen die Methoden jedoch verloren. Seit einigen Jahren versuchen nun Teile der US-amerikanischen Gewerkschaften sich diese wieder anzueignen und an heutige Bedingungen anzupassen.

Breit organisieren, vorbereitet kämpfen

McAleveys Buch ist eine Untersuchung von vier Fallbeispielen, unter anderem dem massenhaften Streik der Chicago Teachers’ Union im Jahr 2012. Sie verallgemeinert die Lehren aus diesen Kämpfen zu zentralen Thesen, wie Lohnabhängige wieder erfolgreich kämpfen können. Demnach erfordern Erfolge einen systematischen »Machtaufbau« der Beschäftigten, für den der Einsatz von Organizing-Methoden notwendig ist. Die Macht der Beschäftigten kommt am effektivsten in massenhaften Streiks zum Ausdruck. »Echte« Streiks legen Betriebe oder Branchen vollständig lahm, weil sich die übergroße Mehrheit der Beschäftigten beteiligt. Zudem sind Kolleg*innen bereit, sich für Anliegen zu engagieren, wenn glaubhaft um etwas gekämpft wird, das ihr Leben positiv verändern wird. Laut McAlevey sind Beschäftigte bereits »organisiert«, auch wenn es keine Gewerkschaft im Betrieb gibt. Aber es gibt einzelne hochangesehene Kolleg*innen, an die man sich bei beruflichen oder arbeitsrechtlichen Problemen wendet. Diese »organischen Führungspersonen« (organic leaders) schaffen es, ihre Kolleg*innen in einer Auseinandersetzung zu vereinen, auch wenn sie sich selber meist erst mal nicht über die Gewerkschaft definieren. Wir müssen diese Führungspersonen ausfindig machen und für den Kampf um echte Verbesserungen der Rahmenbedingungen unserer Arbeit gewinnen.

Gewerkschaften können durch Strukturtests herausfinden, wo sie stark oder noch schwach aufgestellt sind. In der Tarifarbeit setzt McAlevey dabei auf Mehrheitspetitionen, durch die den Arbeitgeber*innen vor Augen geführt wird, dass die große Mehrheit der Beschäftigten bereit ist, für die Forderungen der Gewerkschaft zu kämpfen. Es geht McAlevey nicht nur um Beschäftigte »auf Arbeit«, sondern um den ganzen Menschen. Die Beziehungen der Beschäftigten zur Gesellschaft außerhalb des Betriebs werden bewusst einbezogen. So gingen in Los Angeles nicht nur Zehntausende Lehrkräfte, sondern Seite an Seite mit ihnen auch Zehntausende Eltern und Schüler*innen tagelang auf die Straße.

Dieses Konzept des Deep Organizing, das auf eine tiefe Erschließung ganzer Betriebe zielt, kann in den deutschen Gewerkschaften an Diskussionen und Praktiken anknüpfen, die unter dem Stichwort Beteiligungs- und Konfliktorientierung laufen. Die durchgehende Fokussierung darauf, Mehrheiten in den Kampf zu führen um zu gewinnen, ist jedoch für Gewerkschaftsarbeit hierzulande ein noch viel tiefgreifenderer Mentalitätswandel. In einer Reihe von deutschen Betrieben, wie zum Beispiel an den Kliniken in Rostock und Mainz, wurden diese Methoden in den letzten Monaten bereits getestet und siehe da, die Beschäftigten haben bereits mit einer mehrheitlichen Streikandrohung so großen Druck aufgebaut, dass die Arbeitgeber*innen auch ohne Arbeitskampf bereit waren, weitgehende Zugeständnisse zu machen.

Entlastung an Schulen durchsetzen

Auf unserer letzten Landesdelegiertenversammlung (LDV) haben wir als GEW BERLIN beschlossen, einen neuen Anlauf im Kampf um Entlastung aller Pädagog*innen an den öffentlichen Schulen vorzubereiten. Bis zur November-LDV diskutieren wir in den Bezirken, ob die Unterstützung für unsere Forderungen groß genug ist, um endlich verbindliche Entlastungsschritte durch den Senat erreichen zu können. Wir fordern eine Reduzierung der Pflichtstundenzahl der Lehrkräfte um 3 Stunden. Langfristiges Ziel sind 21 Pflichtstunden an allen Schulformen. Außerdem fordern wir eine Erhöhung der mittelbaren pädagogischen Arbeit für Erzieher*innen auf 9 Zeitstunden und eine entsprechende Entlastung auch für Pädagogische Unterrichtshilfen. Um eine erfolgreiche Druckkampagne dafür durchführen zu können, brauchen wir einen großen Rückhalt an sehr vielen Schulen. Die Methoden McAleveys bieten einen Leitfaden, wie wir in einem neuen Anlauf mit ganz anderen Methoden als in vergangenen Kampagnen entscheidend weiterkommen können. Die AG Arbeitszeit ist in der GEW BERLIN der Anlaufpunkt für alle, die dabei mithelfen wollen.

Außerdem gibt es ein spannendes Bildungsangebot, um McAleveys Ideen kennenzulernen und gemeinsam zu diskutieren. In einer globalen Online-Vortragsreihe stellt Jane McAlevey an vier Terminen im Herbst zentrale Elemente des Konzepts vor. Eine Simultanübersetzung ins Deutsche findet statt. Es können Fragen an die Referentin gerichtet werden. Wir wollen uns zu diesen Terminen im GEW-Haus treffen, um die Vorträge zu hören und im Anschluss die vorgestellten Ideen miteinander zu diskutieren. Parallel werden tausende Gewerkschaftsaktive in verschiedenen Ländern diese Ideen mit Bezug zu ihren jeweiligen Kämpfen diskutieren. So können wir mit den Lehrkräften in West Virginia und Los Angeles ein gemeinsames Projekt bewegen: stärker werden und gewinnen!

AG Arbeitszeit: Nächstes Treffen am 10. September um 16.30 Uhr im GEW-Haus, Kontakt joerg.tetzner@gmail.com; Kontakt bei inhaltlichen und organisatorischen Fragen: christoph.waelz@gew-berlin.de