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Michael Retzlaff: Wer das Ziel nicht kennt, kann den Weg nicht finden

bbz 09 / 2019

Die Umsetzung des DigitalPakts für alle Schulen ist vor allem aus pädagogischer Sicht unbedingt notwendig

von Michael Retzlaff

Die GEW BERLIN begrüßt den DigitalPakt der Bundesregierung als eine überfällige Reaktion der Politik auf eine jahrelang vernachlässigte Medienbildung und die in der Regel veraltete, nicht gewartete oder gar nicht vorhandene, technische Infrastruktur in den Schulen. Berlin stehen Finanzmittel im Umfang von 257 Millionen Euro, im Zeitraum von 2019 bis 2024 zur Verfügung. Der Senat ergänzte den Betrag um weitere 26 Millionen Landesmittel.

Es bedarf eines Medienbildungskonzepts

Allerdings darf Technik nie Selbstzweck sein, sondern muss sinnvoll den Unterricht unterstützen. Ein pädagogisches Konzept und der darauf fußende Medienentwicklungsplan (MEP) sind notwendige Voraussetzung, sowohl für die Gewährung von Fördermitteln als auch für eine erfolgreiche Umsetzung des DigitalPakts.

Die GEW BERLIN fordert nicht nur eine verlässliche IT-Infrastruktur, sondern auch Investitionen für die Qualifizierung und Unterstützung des pädagogischen Personals.

Ziel ist die verbindliche Etablierung einer umfassenden Medienbildung in den Schulen. Grundlage für diese umfassende Schulentwicklungsaufgabe bildet die Erarbeitung von sich prozesshaft permanent weiterentwickelnden Medienbildungskonzepten, sowohl auf Seiten des Landes (Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, SenBJF), als auch auf der Ebene der Einzelschule. Für die Senatsverwaltung besteht die Aufgabe darin, den im Jahr 2005 konzipierten und 2015 fortgeschriebenen »eEducation Berlin Masterplan« erneut zu erweitern und ein zeitgemäßes Konzept für das Lernen und Lehren im digitalen Wandel zu erarbeiten, einschließlich eines Zeit- und Maßnahmenplans für die professionelle Umsetzung des DigitalPakts.

Projekte für den IT-Einsatz in der Berliner Schule hat es in Berlin bereits mehrfach gegeben. Genannt seien die Initiativen Computer in die Schulen, Schulen ans Netz und der eEducation Berlin Masterplan mit seinen Leitprojekten. All diesen Projekten gemein ist, dass nur eine Minderheit der Berliner Schüler*innenschaft profitiert hat und die notwendige Verankerung in der pädagogischen Schulentwicklung oft vernachlässigt wurde. Notwendig ist aber im Sinne der Chancengleichheit, alle Schüler*innen auf die umfassenden Herausforderungen in einer digitalen Welt kompetent vorzubereiten. Zur Erinnerung, die Kultusministerkonferenz »Empfehlungen Bildung in einer digitalen Welt: Alle Schüler*innen, die zum Schuljahr 2018/19 in die Grundschule eingeschult werden oder in die Sek I eintreten, sollen künftig bis zum Ende ihrer Pflichtschulzeit die in diesem Rahmen formulierten Kompetenzen erwerben können«.

Der im Kollegium unter Beteiligung aller Fächer und unter größtmöglicher Beteiligung der Schüler*innenschaft im Dialog zu erarbeitende Medienentwicklungs-plan (MEP) stellt eine große Herausforderung für jede Schule dar. Er ist ein wichtiges Instrument zur Steuerung eines langfristigen und nachhaltigen Medieneinsatzes in der Schule, das die Infrastruktur, die individuellen Voraussetzungen der handelnden Akteur*innen sowie die unterrichtlichen Anforderungen berücksichtigt. Der MEP steht in engem Zusammenhang mit dem pädagogischen Gesamtkonzept der Schule. Darüber hinaus beschreibt er den notwendigen Fortbildungsbedarf des Kollegiums, um das Lernen mit und über Medien in allen Fächern zu ermöglichen.

Die Bereitstellung umfangreicher Fortbildungsgebote der regionalen Fortbildung und der außerschulischen Anbieter ist eine notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung des DigitalPakts. Ohne die Bereitstellung zeitlicher Ressourcen durch die Senatsverwaltung ist diese umfangreiche Schulentwicklungsaufgabe für Schulen nicht sachgerecht umzusetzen.

Medienbildungskonzepte, die ohne inhaltliche Diskussion formal übernommen werden, erzielen keine pädagogische Wirkung in den Schulen. Fragen wie »Welche Anforderungen stellt die zunehmend digital strukturierte Gesellschaft an die Schüler*innenschaft?« oder »Wie können die Grund- und Freiheitsrechte in der digitalen Welt verteidigt bleiben?« sollten dabei thematisiert werden.

Die Übermittlung eines Leitfadens und einer Vorlage Medienkonzept für allgemeinbildende Berliner Schulen zur Beantragung von Fördergeldern aus dem DigitalPakt Schule durch SenBJF unmittelbar vor Beginn der großen Ferien, muss daher dringend mit der notwendigen fachlichen Begleitung bei der Erarbeitung unterstützt werden. Hilfreich wäre es, Modellschulen und Modellklassen als Orientierung für die Schulen zu gewinnen, die noch gar keine Vorstellung für das Lernen mit und über Medien und folglich auch Schwierigkeiten mit der Entwicklung eines Medienkonzepts haben. Anders als in anderen Bundesländern waren Schulen in Berlin bisher nicht zur Erarbeitung eines Medienkonzepts verpflichtet.

Nicht ohne die GEW

Aus den bisherigen Projekterfahrungen in Berlin sollten wir gelernt haben, dass eine technische Ausstattung nur mit einem pädagogischen Konzept des Kollegiums eine positive pädagogische Wirkung in Schulen erzielen kann. Ziel und Auftrag der Schule ist und bleibt auch in einer digitalisierten Welt, die Unterstützung der Schüler*innen bei ihrer Entwicklung zu selbständigen, eigenverantwortlichen und mündigen Persönlichkeiten in einer demokratischen Gesellschaft. Für die Steuerung und Unterstützung bei der Umsetzung des Digitalpakts sollten weitere Akteur*innen der Schulpraxis, Schulträger, regionalen Fortbildung, Universitäten, GEW und SenBJF in einem Beirat beteiligt werden.

Diese Einschätzungen der Mitglieder der AG Medienbildung in der GEW BERLIN, waren konzeptionell richtungsweisend für die nach fachlicher Diskussion erfolgte Formulierung eines Antrags an die Landesdelegiertenversammlung der GEW BERLIN. In ihrem Beschluss vom Juni 2019 für die Umsetzung des Digitalpakts, forderte sie folgende Maßnahmen: Erstens den Aufbau einer zentralen Steuerungs- und Serviceeinheit »Digitale Bildung« bei SenBJF, die Verantwortung für die Umsetzung der eingeleiteten Maßnahmen übernimmt und diese fachlich unterstützt. Und zweitens den Einsatz von landesweit tätigen schulischen Medienberater*innen mit der Aufgabe, die Schulen bei der Entwicklung von pädagogisch begründeten Medienentwicklungsplänen, sowie bei der Entwicklung und Erstellung von rechtssicheren digitalen Lernmaterialien und Medien für den Unterricht zu unterstützen.

Darüber hinaus sollte die regionale Fortbildung für die nächsten vier Jahre den Schwerpunkt im Bereich Lernen mit und über Medien in einer digitalen Welt setzen. Dabei sollten pädagogische Konzepte für das Lernen mit und über Medien erarbeitet werden, in denen Chancen zur Etablierung einer neuen Lernkultur sowie die Chancen für einen problem- und schüler*innenorientierten Unterricht mit Beispielen für Szenarien im unterrichtlichen Bereich in allen Fächern sowie auch im außerunterrichtlichen Bereich bereitgestellt werden. Dabei ist konzeptionell sicherzustellen, dass alle Schüler*innen in der Berlin Schule entsprechend ihres Alters und ihrer Nutzungsgewohnheiten über die Gefahren der Nutzung elektronischer Medien aufgeklärt werden. Diese betreffen ihre Sicherheit, Gesundheit, seelische Entwicklung und das Recht auf Persönlichkeitsschutz und Privatsphäre.

Unabdingbar ist eine Fortführung des DigitalPakts 2.0, damit Schulen eine nachhaltige Unterstützung bei der Nutzung von pädagogisch begründeter IT-Ausstattung für ein zeitgemäßes Lehren und Lernen erhalten.

Mitmachen heißt mitgestalten

Mit dem DigitalPakt wird in Berlin ein erster wichtiger Schritt zur Einführung einer zeitgemäßen digitalen Infrastruktur gegangen. Die Frage sei aber erlaubt, ob die personellen und finanziellen Ressourcen für diese umfangreiche Aufgabe ausreichen werden. Im politischen Raum wird bereits ein Sofort-Investitionsprogramm zum Aufbau einer flächendeckenden WLAN-Ausstattung an Schulen mit marktüblicher Breitbandversorgung, eine zentrale Steuerungs- und Koordinierungsinstanz über alle schulischen IT-Dienstleister und ein massiver Ausbau der Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften mit dem Ziel des digitalen Kompetenzerwerbs gefordert.

Unstrittig ist, dass von Beginn an die Wartung und Ersatzbeschaffung mit geplant werden müssen. Je mehr digitale Geräte an der Schule vorhanden sind, desto mehr Wartungs- und Administrationsaufgaben und desto mehr Stromverbrauch gibt es. Jeder kennt die Halbwertszeit von Digitaltechnik. Der notwendige schnelle Anschluss aller Schulen an das Glasfasernetz ist eine nächste große Aufgabe.

Ich möchte alle Schulleiter*innen, Lehrer*innen und Pädagogen*innen ermutigen, sich auf die veränderten Strukturen in einer digitalisierten Welt vorzubereiten und als Regisseur*innen für Bildung und Erziehung in diesem spannenden Prozess der Veränderung und im Sinne des Erwerbs notwendiger Kompetenzen der Schüler*innen gemeinsam mit anderen Kollegen*innen an ihrer Schule gestaltend tätig zu werden.

Den Beschluss des Landesvorstands zur Medienbildung findet ihr hier: Beschluss des LV zur Medienbildung