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Martin Hense: Ein neuer Job mit Sinn und Freude

bbz 09 / 2019

Quereinsteiger*innen und Studierende in der berufsbegleitenden Erzieher*innenausbildung sind hoch motiviert. Es gibt allerdings auch Dinge, die es den engagierten Neulingen schwermachen

von Martin Hense

Martiiiiiiiin!« schallt es mir entgegen, wenn ich jeden Montagmorgen in die Kita komme, und viele kleine Arme schließen sich um mich. Spätestens dann weiß ich wieder, warum ich diese Ausbildung mache. »Wo warst Du so lange?« fragen mich die Kinder. »Ich war in der Schule«, sage ich und erinnere mich daran, wie lang ihnen die zwei Schultage jede Woche vorkommen müssen.

Das Alter meiner Mitstudierenden reicht von 18 bis 53 Jahre. Die Mehrheit unter uns kann auf umfassende Erfahrungen in anderen Berufen zurückblicken. Darunter sind beispielsweise eine Physiotherapeutin oder eine Einzelhandelskauffrau. Genauso individuell wie unsere Berufe sind die Gründe, die uns dazu bewegen, nach Jahren noch einmal radikal den Beruf zu wechseln.

Ein Zuwachs an Sinnhaftigkeit

Ich habe Germanistik und Informatik studiert, viereinhalb Jahre als Literaturwissenschaftler geforscht und gelehrt und anschließend fünf Jahre als IT-Trainer und Projektleiter gearbeitet. Aus einer herkömmlichen Perspektive mag der Wechsel in den Kindergarten als sozialer Abstieg erscheinen, für mich bedeutet er einen Zuwachs an Sinnhaftigkeit, Lebensqualität und Freude, die letztlich auch meinem gesamten Umfeld zugutekommt. Dass der Wert von Menschen zunehmend von ökonomischen Leistungen bestimmt, anstatt vom ganzen Menschen hergedacht wird, ist mein Grund für den Quereinstieg. Ich will die Welt zumindest im Kleinen etwas besser, menschlicher machen, und hier bin ich als Erzieher genau richtig und sehr glücklich.

Ideale Arbeitsbedingungen sind momentan nicht zu erwarten. Die Abbruchquote liegt hoch, vor allem der Personalmangel zehrt an allen Ecken. An der Qualität der unmittelbaren Arbeit mit den Kindern, an der Qualität der kollegialen Beziehungen, an der Qualität der betrieblichen Organisation, an der Qualität der Aus-bildung und schlimmstenfalls an der Gesundheit. Es ergibt sich ein Teufelskreis aus Personalmangel und dauerhaften Arbeitsbelastungen im Wechsel. Zur Ent-spannung dieser Situation sind aus meiner Sicht ein paar grundsätzliche Änderungen notwendig.

Ich finde Erzieher*innen in der berufsbegleitenden Ausbildung sollten nicht wie bisher zu 100 Prozent auf den Personalschlüssel der Kitas angerechnet werden, sondern jährlich sukzessive von 25 bis 75 Prozent, um der sich ebenso erst entwickelnden Einsetzbarkeit Rechnung zu tragen. Grundsätzlich benötigen Einrichtungen, die Erzieher*innen in berufsbegleitender Ausbildung beschäftigen, eine bessere personelle und finanzielle Ausstattung, um die vorgegebenen Stunden für die professionelle Anleitung entsprechend anbieten zu können. Die Mentor*innen sollten auch eine angemessene Vergütung erhalten, denn die Mehrarbeit muss sich lohnen.

Zudem muss die Senatsverwaltung dringend die vorgeschriebene schulische Anwesenheitspflicht überarbeiten. Anders als bei universitären Studiengängen dürfen wir Studierenden unsere Anwesenheitspflicht (unentschuldigt wie entschuldigt) nicht um 70 Prozent unterschreiten. Die Möglichkeit des Studierens von zu Hause aus, bei Erkrankung oder besonderen familiären Belastungen und Pflichten, sollte ermöglicht werden.