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Joshua Schultheis: Die Bildungsrevolution und ihr Maulheld

bbz 10 / 2019

Oliver Hauschke plädiert für eine radikale Veränderung der Schule – hin zu einem Ort, an dem Bildung nicht mehr dem Zweck des Systems, sondern der individuellen Entwicklung unserer Kinder dient. Ganz zufällig orientieren sich die von ihm angedachten Inhalte ausschließlich an den Interessen der Wirtschaft

von Joshua Schultheis

In seinem Büchlein »Schafft die Schule ab« fordert Oliver Hauschke nichts weniger als eine »Revolution« im Bildungssystem. Anders als er behauptet, ist er jedoch nicht der Anwalt der Interessen der Kinder und der sozial Benachteiligten. Seine Idee einer perfekten Schule steht ganz im Geiste einer Ökonomisierung von Bildung.

Seitdem Georg Picht Mitte der 60er Jahre eine »Bildungskatastrophe« konstatierte, haben sich die Gemüter in der Republik nicht mehr beruhigt. Seit 50 Jahren herrscht in unserem Bildungssystem Alarmstufe Rot. Dass die Schul-Apokalypse bis heute nicht eingetreten ist, ist dabei anscheinend kein Grund, die Zukunft nicht weiterhin im tiefsten Schwarz zu malen, im Gegenteil. Jedes Jahr werden mehr Bücher veröffentlicht, die das Totalversagen der Schulen behaupten und vor dem Ende der Zivilisation warnen, sollte sich daran nichts ändern. Hier nur eine kleine Auswahl der neuesten Publikationen: »Deutschland Verdummt«, »Schule vor dem Kollaps«, »Lehrer über dem Limit«, »Kulturkampf im Klassenzimmer«, »Deutschland hat ausgelernt« und so weiter und so fort. Weil der Markt für das Genre Schul-Untergangs-Literatur so hart umkämpft ist, müssen sich die Autor*innen gegenseitig in der Drastik ihrer Darstellung überbieten, um irgendwie aus der Masse herauszustechen. Endgültig den Vogel abgeschossen hat hierbei Oliver Hauschke, Lehrer und Vater von zehn Kindern. Im Mai 2019 erschien sein Pam-phlet mit dem unüberbietbar ultimativen Titel »Schafft die Schule ab«, ein polemischer Rundumschlag gegen die Bildungspolitik und die Lehrer*innenschaft.

Den Schüler*innen die Kindheit zerstören

Laut Hauschke ist die Schule in ihrer aktuellen Form eine Institution, deren Hauptfunktion darin besteht, den Schüler*innen ihre Kindheit zu zerstören. In Miniatur-Stühle gepresst, müssen sie den halben Tag mucksmäuschenstill sitzen und alles fressen, was die Lehrkraft ihnen vorsetzt. Was an Freude am Lernen dann noch übrigbleibt, werde durch die Praxis der Notenvergabe vollends beseitigt. Die Schule sei kein Ort der Lernlust und der Begeisterung, sondern der Frustration und Desillusionierung. Den zentralen Konstruktionsfehler sieht Hauschke darin, dass sich das Bildungssystem nicht an den Interessen der Kinder orientiert, sondern an denen der Erwachsenen, des Staates, der Wirtschaft. Nicht selbstbestimmte und aufgeschlossene Persönlichkeiten werden in den Schulen gebildet, sondern »brave Arbeitssoldat*innen«. Es bedürfe daher nichts Geringerem als einer »Bildungsrevolution«, um die Schule endlich zu einem kindgerechten Ort zu machen. Reaktionäre Elemente, insbesondere Akademiker*innen-Eltern und praktisch alle Lehrer*innen, verhindern jedoch jeden Fortschritt, weil sie vom Status Quo profitieren und niemandem außer den eigenen Kindern die gute Bildung gönnen. Sozialer Aufstieg und Freude am Leben werden durch die Schule gleichermaßen verunmöglicht.

Tablets begeistern, nicht Menschen

Sollte die Revolution aber einmal gelingen, würden wir Schulen bekommen, die den heutigen nur entfernt ähneln: Die Aufteilung nach Jahrgangstufen ist aufgehoben, es gibt keine Noten mehr, kein Unterrichtsbeginn für alle um acht, sondern flexible Gleitzeiten, die Lehrkraft ist Lernbegleiter*in anstatt Zuchtmeister*in und natürlich wird alles digitalisiert! Bücher und Füller wird es nicht mehr geben, stattdessen Tablets und Laptops, an denen Lernspiele gespielt werden, die es anders als Menschen vermögen, mit »Belohnungen, Challenges, Aufstiegen« die Kinder so richtig zu begeistern. Der Kontakt mit den Lehrkräften, deren einziges Vergnügen es ohnehin nur ist, die Kleinen zu bekritteln und zu schikanieren, wird auf ein Minimum reduziert. Stattdessen Projektarbeit, Selbststudium und offene Lernräume, weg mit Stühlen und Tischen, denn »manche schreiben gerne auf dem Boden liegend«!

Diese Freiheit will Hauschke dadurch ermöglichen, dass der Lehrplan radikal entschlackt wird. Das sollte auch nicht schwer zu bewerkstelligen sein, weil »ein großer Teil des in der Schule vermittelten Wissens völlig unbedeutend ist«. Auf Hauschkes Abschussliste stehen Grammatik, Musik- und Kunsttheorie, Französisch und sowieso alles, was über die rudimentärste Allgemeinbildung hinausgeht. Sein eigenes Fach, Geschichte, wird auch nicht verschont: die Kapitel zur Steinzeit, den Ägypter*innen und Römer*innen sowie zum Dreißigjährigen Krieg können weg. Für Jugendliche komme es ja nicht darauf an zu wissen, wer Vercingetorix oder Wallenstein war, sondern »die Zeit, in der sie leben, erfolgreich zu meistern und die Menschheit positiv voranzubringen. Vertiefte historische Kenntnisse benötigt man dafür nicht«. Wem das nicht einleuchtet, der hat sich wohl zu viel mit Geschichte beschäftigt!

In die Lern-Freiheit entlassen, können sich die Schüler*innen nun endlich im Co-Working-Space namens Schule mit dem beschäftigen, was sie eigentlich interessiert. Das dürfen natürlich die Punischen Kriege sein, aber eben auch alles andere. Die Themenwahl wird ganz den Wünschen der Kinder überlassen. Die ein oder andere Idee, mit was sich die emanzipierten Schüler*innen so beschäftigen werden, hat Hauschke dann aber doch: mit Luft- und Raumfahrttechnik, App-Entwicklung, Investment Banking, Mandarin. Und vielleicht wollen sie ja lernen, »wie man auf einer Raumstation überlebt« oder – alles ist denkbar! – wie man »mit möglichst wenigen Pestiziden Weizen anbaut«. Hauschke ist überzeugt: Wenn man unsere Kinder nur lernen lässt was, wann und wie sie wollen, wird alles wieder gut.

Die allseits beklagte Studierunfähigkeit der Abiturient*innen wird der Vergangenheit angehören, denn die neue Schule werden diese als schon fast fertige Spezialist*innen verlassen. Auch wird das Lautstärkeproblem im Klassenraum passé sein, weil die Kinder ja nur aus Protest gegen die Schuldisziplin so brüllen und wenn man sie erst einmal nach Gusto stehen, sitzen, liegen, laufen lässt, werden sie automatisch ganz leise und rücksichtsvoll. Wahrlich, Hauschke ist keine Vision zu ge-wagt, wenn es um die Freiheit und Würde des Kindes geht! Und das war es doch, zu dem er angetreten war es zu verwirklichen, oder?

Die Ressource Kind nicht verschwenden

Das ein oder andere passt in Hauschkes 200-Seiten-starkem Manifest dann doch nicht recht zusammen. Zwar gibt er an, dass sein Anliegen das Ende der Misshandlung von Schüler*innen durch die Schule und ihre Transformation zu einem »Ort, an dem Bildung nicht mehr dem Zweck des Systems dient, sondern der individuellen Entwicklung unserer Kinder« ist. Im Laufe des Buches nehmen allerdings ganz andere Motive immer mehr Raum ein. Nicht nur das Wohl unserer Jüngsten, sondern auch der rasante technische Wandel, die Auflösung alter Gewissheiten, die Globalisierung und die Drohkulisse des aufstrebenden Chinas machen nach Hauschke die Schulrevolution nötig. Die Schule, wie sie heute ist, macht nicht nur keinen Spaß, sondern bereitet die Jugendlichen auch nicht »auf die Erfordernisse einer sich im Zeichen technischer Neuerungen schnell wandelnden Arbeitswelt und Gesellschaft« vor.

Mindestens so sehr wie die Entwürdigung der Kinder bedauert Hauschke »die Verschwendung wertvoller menschlicher und finanzieller Ressourcen«. Das ist sowieso eines von Hauschkes Lieblingswörtern: »Ressource«. So bezeichnet er wiederholt die Kinder, »die wichtigste Ressource, die wir haben«, deren Instrumentalisierung als »Arbeitssoldaten« ihm doch so zuwider ist. Hauschke, der seine Kompetenz, über das Schulsystem urteilen zu können, vor allem aus seiner zehnfachen Vaterschaft ableitet, empfiehlt seinen Leser*innen es ihm gleichzutun: »Wenn Sie also selbst Feldstudien betreiben wollen, schaffen Sie sich viele Kinder an. Sie tun damit gleichzeitig etwas für Ihre Rente.«

Anstatt das Kind tatsächlich zu seinem Recht kommen zu lassen, radikalisiert Hauschke die Ökonomisierung der Kindheit, die er vorgibt abzulehnen. Zufällig ist für ihn all das, was an Lehrinhalten in der Schule für Jugendliche angeblich uninteressant ist, deckungsgleich mit dem, was diese »für ihren Beruf oder ihr Leben« ohnehin nicht gebrauchen können. Wie durch ein Wunder würde die kindeswohlorientierte Schule nebenbei ganz im Sinne des heutigen Arbeitsmarkts ausbilden. So ist es auch keine große Überraschung, dass er sich die »Technologiekonzerne des Silicon Valley« zum Vorbild für seine neue Schule nimmt, ist diese doch prädestiniert dafür, die perfekten Google-Mitarbeiter*innen hervorzubringen. Mit Bravour beherrscht Hauschke die Schlagwörter des Neoliberalismus: »Flexibilität«, »Teamfähigkeit«, »Eigeninitiative«, und die Schule, die ihm vorschwebt, gleicht einem Start-Up-Unternehmen, und die*der passende Schüler*in einem Entrepreneur.

Nicht ganz glaubwürdig ist außerdem Hauschkes Annahme, dass es in seiner Schule keine soziale Segregation mehr geben würde. Er hat nämlich nicht nur das Auswendig-Lernen deutscher Flüsse, sondern ebenso die Einübung von Fähigkeiten aus der Schule verbannt, die ganz entscheidend für Karriere- und Bildungschancen von Jugendlichen sind: Die Fähigkeit, lange sitzen und zuhören zu können, eigene Bedürfnisse und Wünsche zweitweise zurückzustellen und sich ausdauernd mit einem Thema zu beschäftigen und das – Sakrileg! – selbst dann, wenn es einen nicht besonders interessiert. Dass Hauschke hierfür blind ist, könnte damit zusammenhängen, dass er selbst sowie seine zehn Kinder, deren Erfahrungen in der Schule er für generalisierbar hält, dem bildungsbürgerlichen Milieu entstammen. Hauschkes Anything-Goes-Schule wäre für diejenigen, denen die bürgerliche Etikette nicht in die Wiege gelegt worden ist, genau das Gegenteil des Gleichmachers, für den er diese hält.

Apokalypsen auf den Krabbeltisch

Oliver Hauschkes Selbstbild als einsamer Guerillero gegen das »System« ist geradezu grotesk. Seine »Revolution« ist nichts anderes als die sich radikal gebärdende Affirmation dessen, was die Wirtschaft und der ihr nahestehende Teil der Politik ohnehin schon seit 20 Jahren verlangen: die ausschließliche Orientierung der Bildungsinstitutionen an den Interessen der Wirtschaft. Außerdem könnte mit einer Ideologie der*des »autonomen« Schüler*in künftig schulisches Scheitern endgültig dem Kind selbst und seinem mangelnden Interesse angelastet werden. Wo Neugierde und Wissensdurst einfach als biologische Tatsachen postuliert werden, kann ungleich verteilte Lernlust nicht mehr als ein soziales Phänomen problematisiert werden. Die reibungslose Reproduktion der Elite, der Hauschke den Kampf angesagt haben will, wäre so auf lange Zeit gesichert. Was Hauschkes Parteinahme gegen gleichberechtigt gute Bildung für alle Kinder die Krone aufsetzt, ist der Hohn, mit dem er die Lehrer*innen überschüttet. Das Bild, das er von seinen Kolleg*innen zeichnet, ist empörend ungerecht. Was an Hauschkes Vorschlägen sinnvoll oder bedenkenswert sein mag, wird auf diese Weise auch der*dem wohlwollendsten Leser*in noch verleidet.

Welche Lehren sind aus Oliver Hauschkes Buch zu ziehen? Erstens sollte man sich, zumal als Pädagog*in, nicht verrückt machen lassen von solchen Apokalyptikern. Zweitens muss man sich ein Buch mit einem so reißerischen Titel wie »Schafft die Schule ab« nicht unbedingt kaufen. Und drittens sollte man Einspruch erheben gegen einen Bildungsdiskurs, der durch Katastrophen-Szenarien und eine Rhetorik der Superlative geprägt ist, und stattdessen ein Mindestmaß an Besonnenheit und Empathie einfordern.