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Stolpersteininitiative Reinickendorf: Der Lebensweg des Arthur Cohn

bbz 11 / 2019

Die Geschichte hinter dem Stolperstein

von der Stolpersteininitiative Reinickendorf

Vor zwei Jahren veröffentlichte die GEW BERLIN eine Studie über verfolgte Berliner Lehrkräfte in der Nazi-Diktatur. Akribisch trugen die Autor*innen Hans Bergemann und Simone Ladwig-Winters die Daten von 468 verfolgten Lehrkräften zusammen. In der Folge stellten wir in der bbz bereits einige der Einzelschicksale vor. Diese Serie wollen wir nun fortsetzen.

Dr. Arthur Moritz Cohn wurde am 8. Juli 1894 als Sohn von Leopold und Harriet Cohn in Berlin-Waidmannslust geboren. Die Familie wohnte in der Waidmannstr. 119, heute Waidmannsluster Damm 172 A. Cohn machte sein Abitur am Humboldt-Gymnasium in Tegel und studierte anschließend in Göttingen und Berlin. Nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg legte er 1921 seine Lehramtsprüfungen ab und trat kurz darauf sein Seminarjahr im Realgymnasium Berlin-Reinickendorf an.

Cohns Tochter Irene wurde am 27. Dezember 1919 geboren. Die Mutter, Ottilie Kalwaczynski, starb tragischerweise nur wenige Monate später. Einige Jahre danach ließ Cohn für sein uneheliches Kind eine Ehelichkeitserklärung, eine Art Adoption, vom Landgericht Berlin ausstellen.

1926 wurde Cohn zum Studienrat an der 6. Oberrealschule im Wedding ernannt. 1932 arbeitete er für ein paar Monate am Luisenstädtischen Realgymnasium, kehrte schließlich aber wieder zur 6. Oberrealschule zurück. Am 1. April 1933, kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, wurde Cohn beurlaubt und zum 15. September des gleichen Jahres auf der Grundlage des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« wegen seiner jüdischen Abstammung in den Ruhestand versetzt.

Das Haus in der Waidmannstr. 119 musste Cohn im August 1937 verkaufen. Einen Monat später heiratete Cohn in Berlin-Reinickendorf seine Frau Meta, geb. Gutmann. Meta wurde am 5. Februar 1899 in Oettingen, Bayern geboren und arbeitete von 1918 bis 1940 zunächst als Erzie-herin und später als Lehrerin bei der jüdischen Gemeinde. Nach der Hochzeit zog Cohn zu seiner Frau an den Luisenplatz 5a/5b in Charlottenburg. Als sie sich die große Wohnung nicht mehr leisten konnten, zogen sie 1940 in eine möblierte Wohnung in der Stubenrauchstraße 3 in Friedenau.

Cohn wurde in der sogenannten »Reichskristallnacht« am 9. November 1938, wie viele tausend andere jüdische Männer auch, verhaftet und im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Sechs Wochen später wurde er unter der Bedingung, Deutschland schnellstmöglich zu verlassen, wieder entlassen und im August 1940 wurde das Ehepaar Cohn durch die Gestapo gezwungen, sich einem illegalen Transport nach Palästina anzuschließen. Zunächst ging es nach Wien, am 4. September dann nach Pressburg, wo sie mit dem Donau-Schiff »Urania« ans Schwarze Meer fuhren. Dort stiegen sie in die »Pacific«, die sie unter katastrophalen Umständen nach Palästina brachte. Sie erreichten Haifa im November 1940. Dort wurden sie jedoch nicht an Land gelassen, sondern von der britischen Mandatsmacht mit der Begründung einer notwendigen »Quarantäne« auf dem Schiff »Patria« festgehalten. Mit diesem Schiff sollten die Flüchtlinge nach Mauritius deportiert werden.

Dagegen protestierten sie und baten ihre jüdischen Freund*innen an Land um Hilfe. Um die Deportation zu verhindern, schmuggelte die jüdische Widerstandsgruppe »Haganah« Sprengstoff an Bord, um das Schiff seeuntüchtig zu machen. Allerdings war die Sprengstoffmenge völlig falsch berechnet, sodass am 25. November 1940 eine gewaltige Explosion die »Patria« in die Luft jagte. 270 Menschen verloren bei dieser Explosion ihr Leben, unter ihnen Cohn.

Seine Ehefrau wurde wie alle anderen Überlebenden von den britischen Mandatsbehörden auf das palästinensische Festland ins Lager Athlit gebracht, wo sie bis Mitte 1941 blieb. Sie verstarb 1984 in Tel Aviv. Cohns Tochter Irene war bereits am 29. August 1940 von Palästina nach Paraguay ausgewandert. Später heiratete sie einen Engländer und lebte in Berlin und England.