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Passworthilfe

Gabriele Frydrych: Windsbraut und Hackepeter

bbz 11 / 2019

Wie gendern wir richtig?

Ich gebe es zu: Auch ich als »alte, weiße Frau« habe oft destruktiv übers Gendern gespottet und mich trotzdem als Feministin gerühmt. Als ich letztens beim Jugendamt dem Begriff »Vormünderin« begegnete, begriff ich, dass endlich mal Schluss sein muss mit der ständigen Ironie! Da gibt es Menschen, die sich ernsthaft um politische Korrektheit bemühen, und andere hintertreiben das, indem sie ihre Mails mit »freundliche Grüßin« beenden oder in ihre Texte alberne Neuschöpfungen wie »Telefonhörerin«, »Feuermelderin« und »Sündenziege« einstreuen. Und wo immer sie korrekt alle 60 Geschlechter miteinbeziehen müssten, hängen sie einfach ein »x« an den Wortstamm, was den Lesefluss unheimlich erschwert: Redakteurx, Leserx, Gesockx, Schülerx. Oder sie benutzen, um das Gendern zu umgehen, für jede Endung einfach ein – a -: Bürgameista, Lehra, Kanzla, Bäcka.

Glücklicherweise gibt es im Internet ganze Lexika mit Vorschlägen, wie man korrekt und elegant (!) gendert: geschicktgendern.de (Oh je, jetzt bin ich gerade selber in die alte Patriarchenfalle getappt: Es heißt natürlich nicht »man gendert«, sondern: wie »Schreibende« korrekt gendern.) Wir müssen alle noch viel lernen. Aber es ist gar nicht so schwer: Das Rednerpult wird zum Redepult, der Bürgersteig zum Gehweg und ein herrenloser Koffer zum verlassenen Koffer. Die gute alte »Muttersprache« wird zur neutralen »Heimatsprache«. »Christen« und »Fußgänger« verschwinden aus dem politisch unkorrekten Deutsch. Sie werden zu »Menschen christlichen Glaubens« und »Menschen zu Fuß«. »Kundenwünsche« heißen jetzt »Wünsche der Kundschaft«. So einfach und elegant kann Gendern sein! Auch das Partizip Präsens Aktiv kommt endlich zu seinem Recht: An den Unis agieren jetzt Studierende, Dozierende, Putzende, Durchfallende, Promovierende und Presse-Sprechende.

Sprache schafft Realität, wie wir alle wissen. Wenn das Wort »Kapitalismus« nicht mehr erwähnt wird, hören Kapitalismus und soziale Ungerechtigkeit von selber auf! Sprache ist ständig im Wandel. Also seid mutig und sortiert euern Wortschatz und damit auch eure ideologische Einstellung! Da im Nachhinein politisch unkorrekte Details in Kinderbüchern korrigiert werden, sollte auch bei Sprichwörtern und Redensarten nach geschlechtsneutralen Varianten gesucht werden:

Viele Kochende verderben den Brei
die kleinen Leute von der Straße
der Hund macht genderneutrale Aufrichtungsversuche (früher machte er Männchen)
Die Axt im Haus erspart die Holz verarbeitende Fachkraft
Mit Mann und Maus, Frau und Frosch (»Fröschin« wäre richtig, stört aber hier den Sprachrhythmus)

»Herrgottnochmal« könnte durch »göttliches Wesen noch mal!« substituiert werden, der Weihnachtsmann durch »weihnachtliche Illusionserscheinung« oder »Weihnachtsperson«. Dann finden nämlich beim Studentenwerk, sorry, Studierendenwerk, endlich auch Frauen einen guten saisonalen Job.

Leider gibt es im oben erwähnten Gender-Wörterbuch noch viele Lücken. Deshalb bittet die Verantwortliche Frau Müller (ihr Nachname müsste auch korrekt in Frau Müllerin geändert werden!) um Ergänzungen und Alternativformulierungen, mit denen sich die miesen kleinen Genderfallen umgehen lassen. Ich habe ihr u.a. folgende Liste »kommuniziert«:

Otto Normalverbraucher; einen kleinen Mann im Ohr haben; der Sensenmann / Müll-mann / Blödmann / Klabautermann / Ehrenmann; auf Vordermann bringen; Sandmännchen; Hintermann und Vordermann; Studentenfutter (Studierendenfutter?); Schlauberger, Büstenhalter, Korinthenkacker und Wasserwerfer.

Über Ortsnamen wie Mannheim und Herrnhut sollte dringend nachgedacht werden. Auch tägliche Gebrauchsgegenstände wie beispielsweise das Schachspiel müssen unbedingt bereinigt werden! Weg mit Läufern, Springern, Bauern und Königen! Korrekt sind: diagonal zu bewegende Holzfiguren, springende pferdeähnliche Figuren, landwirtschaftliche Fachkräfte und Staatslenkende.

Die Zeiten sind endlich vorbei, in denen ein verzweifelter Schulrat die Einstellung eines neuen Kollegen so begründete: »An dieser Schule sind neun Mann schwanger!«

Gabriele Frydrych

Die Autorin weigert sich hartnäckig, ihre satirischen Texte gendern zu lassen. Beschwerden bitte direkt an sie.

Nicht satirische Texte zu diesem Thema findest du in der bbz 1/17 und 10/17