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Margret Iversen und Mike Gerwig: Ethikunterricht ist fundamentale Demokratiebildung

bbz 11 / 2019

Seit diesem Schuljahr wird in der Sekundarstufe I weniger Ethik unterrichtet. Wieviel weniger, bleibt jeder Schule überlassen. Das schafft Unfrieden in den Schulen. Eines von vielen Argumenten unserer Autor*innen gegen die Neuerung

von Margret Iversen und Mike Gerwig

Ein Volksentscheid hat das Fach Ethik vor zehn Jahren in Berlin eingeführt. Jetzt ist das Fach »von oben« geschwächt worden, im Namen und zugunsten von mehr politischer Bildung. Der Fachverband Ethik warnt vor einer schleichenden Destabilisierung des Faches. Wir halten die Kürzung der Ethikstunden für fatal. Was da schulpolitisch gewollt und durchgedrückt wurde, ist gesellschaftspolitisch ein Eigentor gegen das gesetzte Ziel: Stärkung des Demokratiebewusstseins unserer Schüler*innen.

Es begann im Frühsommer 2017 mit Gerüchten, dass aufgrund von Forderungen der Landesschüler*innenvertretung (LSV) die Politische Bildung (PB) gestärkt werden sollte. Auf einem ersten Treffen mit den Fachverbänden der Gesellschaftswissenschaften (GeWi)-Fächer stellte die LSV, unterstützt von der Senatsvertreterin für die GeWi-Fächer, erste Lösungsmodelle vor. Alle diese Modelle schlugen die Einführung von PB auf Kosten von Ethik vor. Offenbar setzte man dabei auf Zustimmung der anderen GeWi-Fächer, denn diese hatten bei der Einführung von Ethik Stunden abgeben müssen.

»Ethik muss liefern!« Dieser Ausspruch der Schulsenatorin machte schnell die Runde und heizte die Debatten an, nicht unwesentlich unterstützt durch eine ambitionierte Politikprofessorin der Freien Universität, die sich mit dem aberwitzigen Argument Gehör verschaffen konnte, sie habe 1.500 Politikstudent*innen, die dringend auf Anstellungsmöglichkeiten an den Schulen warten würden.

Doch die Fachverbände der Gesellschaftswissenschaften zeigten sich nach außen hin geschlossen. Im Juli 2017 verbreiteten sie, initiiert von dem wieder erstarkten Fachverband Philosophie, eine Petition über change.org, in der sie sich zwar für eine Stärkung der PB aussprachen, aber gegen eine weitere Kürzung des gesellschaftswissenschaftlichen Kontingents, das im Vergleich zu anderen Bundesländern ausgerechnet in Berlin sowieso schon mit weniger Stunden ausgestattet sei. Im Oktober 2017 trafen die »Player« in dem Konflikt in der Landeszentrale für politische Bildung noch einmal zusammen. Als gemeinsames Ergebnis wurde senatsseitig festgehalten, dass PB einvernehmlich als Nachfolge von Sozialkunde wieder benotetes Fach werde, dass aber eine Kürzung des Faches Ethik nicht zur Debatte steht.

Danach brach der Senat den Dialog mit den Fachverbänden ab. Statt eine Lösung zu verordnen, gab er das Problem einfach »nach unten« ab. Die Schulen wurden angewiesen, bis zum Schuljahr 2019/20 selbst in der sogenannten »Kontingentlösung« auszuhandeln, wer wieviel abgibt, um die Einführung von einer Stunde PB in der Stundentafel zu gewährleisten. Die Fachverbände sprachen von einer »Kannibalisierung«, denn tatsächlich kamen die Fachkolleg*innen jetzt in die unangenehme Lage, je nach Kraft und Einfluss in ihrer Schule den Verteilungskampf auszutragen. Inzwischen zeigt sich: an vielen Schulen verliert Ethik zwei Stunden. Statt bisher acht Stunden in den Jahrgängen sieben bis zehn werden nur noch sechs Stunden erteilt.

Ethikstunden wurden als Entlastungsstunden diffamiert

Seit der Einführung des Faches Ethik im Jahr 2009 erfuhr es durch den Schulsenat nur halbherzige und meist schwer errungene Unterstützung. Obwohl seit ein paar Jahren endlich die ausgebildeten Fachlehrkräfte die Lehramtsausbildung durchlaufen haben, stellen wir fest, dass viele Schulleiter*innen an den Oberschulen sie nicht einstellen. Viele Ethiklehrkräfte landen an Grundschulen. Warum? Hartnäckig hält sich der Ruf von Ethik als eines Nicht-Faches, »das jede*r unterrichten kann«, wie einst Schulsenator Böger gesagt haben soll. Gern wird das von Schulleitungen beibehalten und immer wieder hört man von Kolleg*innen, die um ein paar Ethikstunden bitten, weil sie eine »Entlastung« bräuchten.

Erst langsam stärkt sich das Fach von innen. Die 20 Fachseminare, die es inzwischen gibt, werden zwar noch überwiegend von Nur-Philosophen und damit Gymnasiallehrkräften geleitet, aber Henning Franzen, Leiter der Fachseminare, ruft inzwischen eindringlich nach ISS-Lehrkräften und Stärkung von Ethik in der Lehrer*innenausbildung. Auch die Ethik-Didaktik der Philosophieseminare an den Universitäten wird stärker und einflussreicher. Nicht zuletzt durch die nähere Anbindung der Lehramtsstudiengänge an die Schulen seit Einführung des Praxissemesters. An den Schulen selbst brauchte es lange, bis das Fach durch Fachleiter*innen vertreten wurde, und bis heute ist die fachliche Repräsentanz noch kaum in die Spitzen der schulischen Hierarchien eingedrungen.

Ethik hat in den Schulen eine schwache Lobby. In der Bevölkerung trifft das unseres Erachtens nicht zu, weshalb der Senat die Öffentlichkeit in diesem Konflikt eher scheut. So gesehen hat das Fach Ethik vermutlich an vielen Oberschulen noch eine schwächere Durchsetzungskraft im Verteilungskampf unter den Kolleg*innen und verliert anteilig die meisten Stunden.

Zunehmend zeigt sich, welch nachhaltige Demokratiebildung Ethik ist. Schulleiter*innen erfahren bei Unterrichtsbesuchen immer häufiger, was qualifizierter Ethikunterricht bewirkt. MSA-Präsentationsprüfungen in Ethik, beliebt bei Schüler*Innen, beeindrucken durch die erworbenen Kompetenzen. Ethik ist Vernunfttraining life, anders als in den anderen Fächern geht es hier nicht vornehmlich um Aufbau von Verstand durch Wissen, sondern um Training der Vernunft durch Erfahrung. Ethik ist immer auch Praxis, Wahrnehmen, Zuhören, Ernstnehmen, Nachfragen, Begründen in der heterogenen Gruppe der Schüler*innen. Doch für diese Erfahrungen braucht der Ethikunterricht Zeit. Unterrichtszeit.

Unterrichtszeit geht dem Fach also jetzt an fast allen Schulen verloren. Dennoch bieten die neuen Modelle an einigen Schulen auch eine Chance. So konnte durch die Verhandlungen an einigen Schulen das Profil des Ethikunterrichts gegenüber den GeWi-Fächern geschärft werden. An der Schule an der Jungfernheide entstand zum Beispiel ein erster und zarter Dialog, wie die angrenzenden Fächer zusammenarbeiten können: Welche Leistung erbringt eigentlich das Fach Ethik für die politische Bildung? Welchen Anteil haben die Kompetenzen des Faches Ethik, zum Beispiel für einen gesunden politischen Diskurs, der heutzutage oft das Subjekt als Gesprächspartner*in nicht akzeptiert, sondern es objektiviert, verunglimpft oder marginalisiert?

Dein Gegenüber als Menschen wahrzunehmen, seine*ihre Perspektive einzunehmen, um damit als gleichwertige Gesprächspartner*in in einen Dialog zu treten, dies geschieht im Ethikunterricht. Die Entscheidung der Senatsverwaltung, Politische Bildung auf Kosten der anderen GeWi-Fächer zu stärken, wurde als Konfliktpotential in die Berliner Oberschulen getragen. Nur einige, wenige Schulen konnten aus diesem Konflikt einen Kompromiss erarbeiten, der nicht einseitig zu Lasten von Ethik ausgeht.

An der »Schule an der Jungfernheide« konnte man mit Argumenten wie diesen davon überzeugen, dass das Fach weiterhin in jedem Jahrgang von sieben bis zehn zweistündig unterrichtet werden soll. Gleichzeitig wurde ein Unterstützungsangebot gemacht, um die fehlenden Zeiten in Geschichte und Geografie aufzufangen. So wird durch einen stärkeren Fokus auf die durchgängige Sprachbildung wert gelegt. In den GeWi-Fächern soll die Glossararbeit die sprachlichen Leistungen verbessern.

Eine von allen Beteiligten geteilte Anerkennung der Leistungsfähigkeit des Faches Ethik für die Demokratiebildung steht immer noch aus. »Ethik muss liefern« – möge die Senatorin diesen Satz in Zukunft endlich qualitativ umdeuten und die Qualifizierung des Faches aktiv unterstützen!