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Karlheinz Thimm: Schulschwänzer brauchen Hilfe, keine Fesseln

blz 05/ 2004

Schulschwänzer brauchen Hilfe, keine Fesseln

Schule muss durch Lebendigkeit und Begeisterung Menschen an sich binden.

von Karlheinz Thimm

Schulschwänzen wird zurzeit in der Öffentlichkeit aufmerksam registriert. Hat nicht jeder Zweite mal die Schule geschwänzt? Manche Beobachter verweisen gerne auf später erfolgreiche Schulaussteiger. Tatsächlich: Für einige wenige Betroffene kann ein "Nein Danke" gegenüber Schule ein Akt der Befreiung sein. Für einige junge Menschen ist dies ein Sprung zu einem sinnhafteren Leben jenseits der Regelspur. Das gelingt aber eher bürgerlich grundsozialisierten, besonders starken, von Talent oder Leidenschaft infizierten Jugendlichen. Aber solche Edelaussteiger, die vielleicht im Medien- oder Kulturgeschäft landen, stehen nicht für die Breite der schuldistanzierten Jungen und Mädchen.

Gehäufte Schulversäumnisse führen in der Regel zu sinkenden Schulleistungen und oft zu fehlenden Schulabschlüssen. Das bedeutet zwangsläufig soziale Randständigkeit, vor allem wenn die berufliche Einmündung scheitert. Schulisches Misslingen ist gekoppelt an die gesteigerte Gefahr, in Illegalität zu rutschen. Schwänzen gilt als "Risikomarker" für Jugenddelinquenz. Insbesondere Bagatelldelikte wie Schwarzfahren und Ladendiebstähle sind für ein Drittel eine Folge der Situationen, in denen sich unregelmäßige Schulbesucher befinden.

Derzeit gelten 10 bis 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in der Republik als sehr schulmüde. In der Regel zeichnet sich eine Entwicklung ab, die von Schulunlust zu passiven Formen des inneren Ausklinkens über punktuelles Schwänzen zur Schulverweigerung führt. Die meisten Schwänzer gibt es in der siebten bis neunten Jahrgangsstufe. Die meisten der akut Ausstiegsgefährdeten sind 14 oder 15 Jahre alt. An Haupt- und Sonderschulen fehlen durchschnittlich zwischen 10 und 20 Prozent der Schüler mehrere Wochenstunden unentschuldigt. Die Gesamtzahl der Schulschwänzer ist in den vergangenen Jahren nicht dramatisch, doch möglicherweise leicht gestiegen. Mehr als 80000 Schüler, also über neun Prozent eines Altersjahrgangs, verlassen die Schulen weiterhin jährlich ohne Abschluss. Fast die Hälfte kommen aus Sonderschulen.

Insgesamt signalisieren die Zahlen ein erhebliches schulisches Sinn-, Akzeptanz- und Integrationsdilemma bei einer bedeutsamen Minderheit. Ein Teil der neuen Kinder und die alte Schule haben Schwierigkeiten, zueinander zu finden. Aber die unregelmäßigen Schulbesucher sind so verschieden wie die Gründe für ihr Verhalten. Massivschwänzen ist meist das Ergebnis eines langen Weges des Hineinschlitterns, an dessen Zustandekommen mehrere Umfeldfaktoren beteiligt sind.

Soziale Ursachen

Ein Teil der Ursachen liegt in der sozialen Benachteiligung. Materielle, soziale und kulturelle Armut prägt viele Kinder und Jugendliche. Sie stehen vor der für sie nicht sinnhaft beantworteten Frage: Wofür lernen? Wozu sich anstrengen? Was bringt mir das heute? Was kommt danach? Wenn wir keine echten, attraktiven Einstiegsangebote in den Beruf, gesellschaftliche Teilhabe, Zukunft für die Jugend bereit halten, nützt ein Teil der Anstrengungen in den pädagogischen Provinzen eben nur für den Moment.

Weitere Gründe liegen in der Familie. Gültige Ergebnisse über den Zusammenhang von Erziehungsstilen und Schwänzen gibt es nicht. Allerdings zeigen Einzelfall-Analysen nicht selten: negatives Kontakt-Erleben zwischen Eltern und Kindern; Kontrollschwächen; Ausfall von Unterstützung; Orientierungsprobleme. Befunde deuten darauf hin, dass elterliches Interesse, Unterstützung und Kontrolle positiv mit Anwesenheit, Schulerfolg und Schulzufriedenheit der Kinder korrespondieren. Hochriskant sind negative Schulerfahrungen der Eltern und daraus resultierende Zwiespältigkeit gegenüber dem Schulbesuch. Hinter unorganisierten, überlasteten und regelentwöhnten Schwänzern stehen oft Erwachsene in Not.

Schule als Teil des Problems

Allerdings ist die Schule selbst auch Teil des Problems und der Lösung. Abkoppelungsgefahren entstehen, wenn Zugehörigkeit, Gewolltsein und Lernerfolge gefährdet sind. Stofflernen wird von Schuldistanzierten häufig als langweilig erlebt. Ihnen fehlen Herausforderungen und Bewährungsproben. Intensivschwänzer erfahren Schule häufig als sinnlosen oder gar bösen Ort. Aggressiv gefärbte Schuldistanzierte sind unter normgerechteren Mitschülern eher unbeliebt. Andere haben als Opfer der Geltungskonkurrenz unter Gleichaltrigen resigniert. Man würde das Pferd von hinten aufzäumen, wenn wir Probleme mit Schülern ausschließlich als Probleme von Schülern deuten.

Die Buch-, Sitz- und Stoffschule ist definitiv ein Auslaufmodell. Wir brauchen eine neue Lernkultur. Schulen bereiten nicht nur auf Leben vor, sie sind Lebensorte. Schulen müssen auch Hilfen zur Lebensbewältigung speziell für sozial Benachteiligte parat halten. Gerade die schweren Varianten von Schulschwänzen sind oft nur im Zusammenwirken mit der Jugendhilfe zu erreichen. Auch für Übergangshilfen in den Beruf oder für die Vernetzung von Schulen mit der Außenwelt wäre ein stärkerer Schulbezug der Jugendhilfe nützlich. Die Schule müsste sich auch den betroffenen Kindern verstärkt zuwenden. Viele Schulschwänzer sagen: "Mich will dort doch keiner." Das Problem ist, dass viele Lehrer viele Schulschwänzer lieber nicht in der Schule sehen, weil die Zeit und Energie schlucken und ungestörten Unterricht erschweren.

Zwang ist keine Lösung

Die öffentlichen Rufe, elterliche Verantwortung zu stärken, verkennen, dass die meisten Schulschwänzer in Zerrüttung mit ihren Eltern leben. Schulwilligkeit mit Zwang durchzusetzen ist wahrlich paradox. Ordnungspolitische Maßnahmen können allenfalls in Einzelfällen Anwesenheit erzwingen. Das Verhältnis zwischen Eltern und Schule sowie Schule und Schüler mag sich oft noch weiter verschlechtern. Schulpflichtverletzungen liegen an der untersten Stelle der Strafwürdigkeit. Strafrechtliche Sanktionen werden aus Gründen fehlender Verhältnismäßigkeit für verfassungsrechtlich bedenklich gehalten. Mit der elektronischen Fußfessel wird ein unzulässig schweres Geschütz aufgefahren. Ob im Rahmen der Ordnungswidrigkeit mit Bußgeld und Schulzwang geantwortet werden sollte, kann nur im Einzelfall entschieden werden. Ich halte die Polizei aus Kompetenz-, Rollen- und Kapazitätserwägungen nicht für die erste Adresse. Aufsuchende, aktive Jugendhilfe dürfte hier der bessere Weg sein.

Lernunlust und Schulschwänzen sind keine Konstanten. Selbst Schwänzer und Störer suchen im Prinzip die Schülerrolle. Junge Menschen wollen dies: keinen Dauerstress mit enttäuschten Eltern, Zugehörigkeit zur Klasse, einen Abschluss, Annahme und Anerkennung durch Lehrer, eine Tagesstruktur als wiederkehrendes Gerüst. Wir brauchen buntere und flexiblere Schulen mit lebendigen Menschen, die Begeisterung entfachen, für das Heute ermächtigen und Lust auf Zukunft machen. Schule hat Menschen zu stärken, Beziehungen zu ermöglichen und lohnende Aufgaben zu stellen - sie soll Sinn machen. Fesselung durch Menschen ist haltbarer als elektronische Bande sein können.

(Zuerst erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 8.11.2003)

KASTEN

Karlheinz Thimm ist Lehrer und Diplom-Pädagoge und seit 1998 in der Landeskooperationsstelle Schule-Jugendhilfe in Potsdam tätig.Er hat in Brandenburg einen Schulversuch zur Re-Integration von Schuldistanzierten geleitet und zu diesem Thema auch promoviert.