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Antje Maria Ansorge: Requiem auf eine kleine Grundschule

blz 07 - 08 / 2003

von Antje Maria Ansorge

Im Juli diesen Jahres ist Schluss. Die Schule wird zugemacht. Ich weiß nicht, ebensowenig wie meine Kollegen, was die Schulpolitiker sich dabei gedacht haben. Wir nehmen an, nichts. Die Briefe an Schulsenator Böger und an den Finanzsenator Sarrazin, in denen wir um eine Intervention gebeten hatten, wurden nicht beantwortet.

Viele von den KollegInnen wissen nicht, was sie nach den Sommerferien erwartet. Einige haben neue Arbeitsplätze gefunden, andere nicht. Einige Klassen können geschlossen in andere Grundschulen übersiedeln, die meisten werden aufgelöst. Diese Kinder kommen dahin, wo in irgendeiner Klasse irgendeiner Schule gerade Platz für sie ist. Sie müssen zusehen, wie sie mit dieser Verpflanzung, mit diesem Bruch in ihren Beziehungen zu Lehrern und Mitschülern fertig werden. Dass es für sie das, was sie bisher vielleicht nicht nur liebevoll, aber selbstverständlich "meine Schule" genannt haben, nicht mehr geben wird. Das wichtigste und notwendigste Objekt ihrer Identifikation außerhalb der Familie, die Schule, wird buchstäblich in Luft aufgelöst.

Es wird eine Menge rationaler Gründe geben, die unser kleines pädagogisches Biotop für überflüssig halten, Sachzwänge nennt man das heute. So schön war es von Außen wohl auch nicht. Eingeklemmt zwischen ein paar Wohnhäusern des Tiergartener Kiezes und einigen Industrie-Anlagen. Mit einem Schulgarten, einem Sportplatz, einem eigenhändig zum Spielplatz umgestalteten Pausenhof, mit einer freistehenden Turnhalle, die nie ausreichte, einem Musikpavillon und einem immer verdreckten Zugangsweg, als Nachbarin einer Realschule und einer Kindertagesstätte, das ist die Richard-Schröter-Grundschule. Eine sogenannte Bezirksrandschule. Eine Schule mit einem sehr hohen Anteil an Ausländerkindern und einem kleinen Anteil deutscher Kinder, aus, wie man heute auch nicht besonders einfühlsam sagt, sozial schwachen Familien. Diese wilde Tiergartener Mischung haben wir Jahr für Jahr in mühseliger Kleinarbeit an die vier Grundrechnungsarten, an Lesen und Schreiben, an das sonst für Grundschüler vielleicht Wissenswerte und vor allem an den Gebrauch der deutschen Sprache gewöhnt. Unsere Schule konnte man wahrhaftig nicht als Brutstätte für zukünftige Nobelpreisträger ansehen. Wir hatten eher den Rest zu versorgen, diejenigen, die auch im späteren Leben die bescheidenen Positionen in der Gesellschaft einnehmen werden.

In den Jahren der Bildungsreform haben wir so etwas wie Morgenluft gewittert. Es schien so, als hätte den Politikern und den Behörden plötzlich gedämmert, dass eine sorgfältige und angemessene Ausstattung der Schulen und die Demokratisierung der öffentlichen Erziehung höchstes Interesse und politische Initiative verdienten. Man sprach sogar von einer "Chancengleichheit", die man für die Bildung und Erziehung der Kinder, gleichgültig welcher Herkunft, etablieren wollte.

Damals bauten wir mit unseren Eltern und unseren Kindern und den vom Schulsenat dafür ausgelobten 80000 DM den Pausenhof zu dem schon genannten Spielplatz um, der bis dahin aus nichts als einer Asphaltfläche bestanden hatte. Dieser Spielplatz ist inzwischen mehr oder weniger zerfallen, weil die zuständige Verwaltungsstelle ihn verkommen ließ.

Wir waren ein streitbares kleines Kollegium, das tapfer alle einengenden und belastenden Zurücknahmen jener Bildungsreform ertrug, um noch irgendwie etwas für die Kinder zum Guten zu wenden. Wir haben alle getan was wir konnten, um aus dieser Schule trotzdem einen erträglichen Aufenthaltsort für die Kinder und einen erträglichen Arbeitsplatz für die LehrerInnen zu machen.

Unser erster Schulleiter kam kurz nach dem Krieg täglich zu Fuß aus Britz durch das zerbombte Berlin, bis es später zu einem Auto gereicht hat und er seine letzten Schuljahre bis zur Pensionierung wenigstens nicht schon körperlich gestresst in der Schule ankam. Geblieben aus dieser Zeit ist ihm die Idee, dass das Zu-Fuß-Gehen eine vernünftige, pädagogisch zu fördernde Betätigung darstellt, die er gern auf Wandertagen und Klassenfahrten verwirklicht hat.

Wir hatten eine emsige Biologielehrerin, die im Schulgarten einen Teich angelegt hatte, für Enten auf der Durchreise und für eine Krötenzucht, zur Freude unserer Kinder. Dieser Schulgarten ist dank der eigenwilligen Logistik der zuständigen Abteilung mitsamt den Spielplätzen daneben und einem idyllischen, rosenumstandenen Rasenplatz, der für die Unterrichtsstunden unter freiem Himmel vorgesehen war, schon seit einiger Zeit planiert und in eine Baustelle umgewandelt worden. Für uns ist so täglich anschaulich, dass es hier, bevor es zu Ende ist, unaufhaltsam dem Ende entgegen geht.

Wir haben eine Musiklehrerin, die jedes Jahr mit unseren Kindern ein Musiktheaterstück aufführt, als glanzvolles Ereignis am Ende des Schuljahres. Wir haben KollegInnen, die die Montessori-Fortbildungen absolviert haben, um unseren Kindern bessere Lernmöglichkeiten zu bieten. Wir haben KollegInnen, die sich auf die Arbeit mit den Kleinsten spezialisiert haben, das heißt, Lehrer und Lehrerinnen, die die Schulanfänger bevorzugen. Sie bringen in ihren Klassen, die anfangs zumeist mehr einem Sack freiheitsdurstiger, bissiger Flöhe ähnlich sind, innerhalb von vier Jahren tatsächlich ein freundliches und produktives Lernklima zustande. Wir haben Klassenreisen, Ausflüge, Sportfeste, Weihnachtsbasare und Sommerfeste organisiert und mit unseren bescheidenen Mitteln ausgestaltet, so wie es sich gehört, nichts Besonderes.

Wir haben einmal sogar für unsere Kinder ein Konzert gegeben, mit einem Klavierduo aus dem Kollegium, das unseren Kindern Mozart vierhändig vorgespielt hat. Wir haben einen Lehrer, der unserer rauflustigen Jugend in einer Arbeitsgemeinschaft das Degenfechten beibringt. Es ist einer von den vielen Versuchen in dieser Schule, das Aggressionspotenzial unserer Kinder einmal nicht nur schlicht zu unterdrücken oder in Grund und Boden zu reden, sondern es ernst zu nehmen und es in zivilisierte, sogar noble Bahnen zu lenken.

Wir haben dafür gesorgt, dass die Schule trotz der Leere der öffentlichen Kassen ordentlich ausgestattet ist und immer alles zur Verfügung hat was sie braucht, auch wenn wir das zum Teil selbst bezahlt haben. Vor zwei Jahren hat sich ein Quartiersmanagement unserer Schule angenommen, seitdem können wir über das notwendige Material für die Montessoripädagogik verfügen und über eine Einrichtung der Schularbeitshilfe.

Wir haben durch viele Jahre die politischen Desaster fremder Länder und die unseres eigenen Landes aufgefangen, in dem wir die Flüchtlingskinder, die diese Desaster in unsere Schule mitbrachten, aufgenommen und versucht haben, ihnen ein Stück neue Heimat zu bieten. Wir haben sogar deutsche Sprachkurse für die Eltern dieser Kinder eingerichtet. Das alles geschah ohne nennenswerte Unterstützung durch die Senatsverwaltung.

Was wir hier erlebt haben, war wahrhaftig nicht harmonisch, kein breiter, ruhiger, beständiger Fluss pädagogischer Produktivität. Es war ein sehr anstrengender Kampf um ein bisschen Erfolg, ein bisschen mehr Motivation, Einsicht und Wissen, um ein bisschen mehr Lebensmut, Fröhlichkeit und Ausgeglichenheit bei den Kindern. Wir hätten, soweit wir noch an dieser Schule arbeiten, das auch gern fortgesetzt. Eigentlich ist es kaum zu fassen, aber wir hängen an diesem unattraktiven Arbeitsplatz, an diesem alten Schulgebäude aus den Gründerjahren, an diesem Haufen müder Lehrerinnen und Lehrer und an genau diesen schwierigen und quirligen Kindern, von denen wir glauben, dass sie uns nötig haben.

Ich, die Verfasserin dieses Requiem, bin 22 Jahre lang Vorklassenleiterin an dieser Schule gewesen. In meiner Vorklasse lernten die Kinder die Anfangsgründe des Schwimmens, das Schlittschuhlaufen und, als das einige Jahre lang möglich war, auch das Radfahren. Abgesehen davon lernten sie das Übliche: die Farben nicht nur zu unterscheiden, sondern auch damit zu malen, Laternen zu basteln und die Kerzen dafür selbst anzuzünden, ihren Namen zu schreiben, Lieder zu singen, Plätzchen zu backen und sich so in der deutschen Sprache zu verständigen, dass sie miteinander spielen konnten. Sie lernten, sich als vernünftige Menschen so selbstständig in einer Gruppe zu benehmen, dass sie sich in ihrer bescheidenen Oase, die meine Vorklasse gewesen ist, auf das, was es dort zu lernen gab, einlassen konnten.

Sie durften sehen, wie das Ägyptische Museum, das Planetarium, die Nationalgalerie, das Naturkundemuseum, das Gripstheater, ein Puppentheater in der Brunnenstraße, der Flughafen Tegel, der Zoo und das Aquarium und das Charlottenburger Schloss von innen aussehen. Sie durften erfahren, wie es sich im Plötzensee schwimmt oder im Grunewald wandert, wie ihre große Stadt von oben, von der Siegessäule aus, aussieht, wo man im Tiergarten Kastanien sammelt und wie es ist, wenn man mit einem kleinen Dampfer an der speziellen preußischen Prachtentfaltung der historischen Gebäude in der Innenstadt vorbei fährt.

Die politischen Entscheidungsträger in dieser Stadt können diese Auswahl konkreter Einzelheiten als eine kleine Fortbildung begreifen, die sie offenbar nötig haben. Sie haben nicht nur einen Posten im Haushaltsplan gestrichen. Sie haben einer notwendigen und lebendigen Institution, die genau diesen hässlichen Standort zu ihrem Vorteil zu nutzen gelernt hat, den Garaus gemacht. Eine kleine Kiezschule mit einer langen Geschichte und mit unendlich vielen Geschichten von der Tapferkeit der Kinder und der LehrerInnen in den Mühen der pädagogischen Ebene wurde wegrationalisiert, als hätte es sie nie gegeben.

Die letzte Unterweisung, die den Kindern und uns durch die Politiker und ihre Verwaltungen erteilt wird, ist, entgegen allem was wir jeden Tag und jede Stunde zu praktizieren suchten, dass man sich kalter Unvernunft, sofern sie denn das Sagen hat, zu fügen habe. Ich halte dies für die denkbar schlechteste aller politischen Lehren, die man erfahren kann. Der Schulsenator und alle politisch Verantwortlichen sollten sich dafür schämen. Im Juli dieses Jahres ist Schluss. Die Richard- Schröter-Grundschule wird zugemacht. Requiescat in pace. Amen.

Richard Schröter, der Namensgeber der Schule, war von 1945 bis 1954 Vorsitzender der GEW BERLIN (damals BVL) und wurde später zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Richard Schröter starb am 19. Februar 1977 im Alter von 84 Jahren.