Mitgliederbereich

Passworthilfe

Gerhard Weil: Die zweite deutsche Bildungskatastrophe

blz 02 - 03 / 2002

Die zweite deutsche Bildungskatastrophe

PISA und die Migranten in deutschen Schulen

"Wir haben es schon lange gewusst!", so muss wohl der Satz heißen, wenn es um das Abschneiden der Migranten bei Schulleistungstests wie jüngst bei PISA (Programme for International Student Assessment) der OECD geht. Schließlich sprechen die Schulabgängerquoten ohne Hauptschulabschluss mit einer Höchstquote bis zu 32 Prozent wie in Berlin eine deutliche Sprache.

Nicht in Hypothesenform dargestellt bleiben selbstverständlich Aspekte, unter denen alle Migrantenkinder, Jungen wie Mädchen gleichermaßen, leiden: Unzureichender DaZ-Unterricht, schlechtes Bildungsmilieu im Elternhaus und überdurchschnittlich schlechte soziale Lebensbedingungen.

Bislang wird von den meisten Bildungspolitikern diese sich deutlich abzeichnende zweite deutsche Bildungskatastrophe entweder nicht gesehen oder aber mit gebetsmühlenhaft-stereotypen Hinweisen auf das fehlende Geld beantwortet. Dabei existieren eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die praktisch keine zusätzlichen Finanzmittel erfordern, so z.B. die von der KMK-Empfehlung zur interkulturellen Erziehung geforderte Revision der Curricula unter interkulturellen Gesichtspunkten.

Gute Ansätze allein reichen nicht

Langfristig aber scheint es unumgänglich, dass für die Bildungspolitik endlich "mehr Mäuse" bereitgestellt werden. Gute Ansätze wie die Regionalfachkonferenzen DaZ können in Zeiten von Kürzungen, Überalterung der Lehrkräfte und kostenneutraler Umstrukturierungsversuche allein nicht zu befriedigenden Lösungen führen.

Dass jedoch die neue deutsche Bildungskatastrophe vor dem Hintergrund des skandalösen Auseinanderklaffens von privatem Reichtum und öffentlicher Armut mittelfristig den sozialen Frieden gefährdet und die gesellschaftliche Desorganisation befördert, dürfte evident sein.

Es bedurfte also allein des Blicks auf die Schulabgängerstatistiken, um sich das vor Augen zu führen, was nun mit PISA in aufwendigen Untersuchungen bestätigt wird:

"Trotz langer Verweildauer unterscheiden sich die Zuwandererfamilien noch deutlich in der Sozialstruktur von der deutschen Bevölkerung. Fast zwei Drittel der nicht in Deutschland geborenen Bezugspersonen dieser Familien sind als Arbeiter oder Arbeiterinnen beschäftigt, von denen wiederum knapp die Hälfte Anlerntätigkeiten ausübt." (PISA-Zusammenfassung, Seite 33)

Zur Auswertung der deutschen Daten hinsichtlich der "Lesekompetenz" verweist PISA auf den darin liegenden Schlüssel zum Schulerfolg schlechthin:

"Die Analysen belegen einen straffen Zusammenhang zwischen Sozialschichtzugehörigkeit und erworbenen Kompetenzen über alle untersuchten Domänen hinweg. Im Unterschied zu früheren Studien, die in der Regel einen besonders starken Einfluss der sozialen Herkunft auf sprachliche Leistungen berichten, fällt in PISA bei Verwendung der internationalen Leistungsmaße der Zusammenhang zwischen Schichtzugehörigkeit und Lesekompetenz bzw. mathematischer Kompetenz gleich straff aus. Benutzt man den nationalen, weniger sprachabhängigen Mathematiktest als Referenz, wird der Zusammenhang etwas lockerer. Folgt man der in PISA vertretenen didaktischen Konzeption, in der Mathematisierung den Kern des Mathematikunterrichts zu sehen und damit Anwendungsorientierung und Modellbildung in den Mittelpunkt zu stellen, erhalten die umgangssprachliche Kommunikation und das Leseverständnis größere Bedeutung. In diesem Fall muss man wahrscheinlich auch mit einer zumindest vorübergehenden Öffnung der Leistungsschere zwischen sozialen Schichten rechnen." (PISA-Zusammenfassung, Seite 36)

Migranten sind aufgrund ihrer überwiegend ungünstigen Schichtzugehörigkeit im Bereich der un- und angelernten Arbeiter und wegen der erkennbaren Versäumnisse auch der Schule, mit Hilfe von Unterricht in Deutsch als Zweitsprache (DaZ) die sprachlichen Defizite auszugleichen, doppelt benachteiligt. Denn gerade im deutschen Schulsystem lässt die Gesellschaft die sozialen Unterschiede bei den Schulleistungen wie kein anderes Land durchschlagen.

Migration und Kompetenzerwerb

In der Ergebnisdarstellung kommt PISA unter diesem Titel mit nüchternen Worten zu einer erschreckenden Bilanz:

"Betrachtet man die am Ende der Vollzeitschulpflicht erreichte Lesekompetenz von Jugendlichen aus Familien mit Migrationshintergrund, wird zunächst sichtbar, dass sich Jugendliche aus Familien, in denen beide Eltern in Deutschland geboren wurden, und aus national gemischten Familien in ihrer Verteilung auf die Kompetenzstufen im Lesen nicht unterscheiden.

Anders sehen die Verhältnisse bei den Jugendlichen aus, die aus einem Elternhaus kommen, wo beide Eltern zugewandert sind. Der Anteil extrem schwacher Leser steigt auf 20 Prozent. Fast 50 Prozent der Jugendlichen aus Zuwandererfamilien überschreiten im Lesen nicht die elementare Kompetenzstufe 1, obwohl über 70 Prozent von ihnen die deutsche Schule vollständig durchlaufen haben.

Nach den Befunden scheinen sich sprachliche Defizite kumulativ in Sachfächern auszuwirken, so dass Personen mit unzureichendem Leseverständnis in allen akademischen Bereichen in ihrem Kompetenzerwerb beeinträchtigt sind." (PISA-Zusammenfassung, Seite 38)

Dagegen erreichen nur ca. 3 Prozent dieser Migrantenkinder die höchste Kompetenzstufe 5 (bei Schülern deutscher Herkunft 10 Prozent) und ca. 12 Prozent die Stufe 4 (bei Schülern deutscher Herkunft ca. 32 Prozent).

Das bedeutet die Schlüsselfrage im Spracherwerb der Migranten schon im Grundschulalter zu sehen, d.h. letztlich auch einen Unterricht in DaZ auf jeden Fall sicherzustellen und keinerlei Skrupel zu haben, dafür notfalls anderen Fachunterricht ausfallen zu lassen. Wenn Schulleistungen im Unterricht anderer Fächer so entscheidend von der Lesekompetenz abhängig sind, kann für einen begrenzten Zeitraum dieser Bereich vernachlässigt werden.

DaZ als Vertretungspool

In der Berliner Schule wird dagegen streng darauf Wert gelegt, dass die sogenannten Sachfächer auf jeden Fall erteilt und notfalls vertreten werden. Und als natürliches Vertretungsreservoir werden oftmals die DaZ-Stunden angesehen, wo Lehrkräfte ja "nur" kleine Gruppen betreuen. Insofern haben die eingangs erwähnten katastrophalen Schulabgängerwerte Berlins schon ihre in PISA nachzuvollziehende Begründung und wir dürfen auf die mit mehr Schülern angelegte nationale PISA-Studie gespannt sein, die den Fokus auf den Vergleich der Ergebnisse der einzelnen Bundesländer legt. Verantwortliche Schulpolitiker in unserem Land Berlin sollten sich für den Tag der Veröffentlichung auf jeden Fall warm anziehen!

Gerhard Weil
ist stellvertr. Personalratsvorsitzender am LISUM