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Grundschulen im sozialen Brennpunkt – 14 unabdingbare Punkte

Presseerklärung der Initiative „Grundschulen im sozialen Brennpunkt“ anlässlich der Pressekonferenz vom 03.03.2009

Letzte Aktualisierung: 04.03.2009

Die Initiative „Grundschulen im sozialen Brennpunkt“ besteht aus Schulleiterinnen, Lehrkräften, Erzieherinnen, Vertretern von türkischen und arabischen Vereinen und den GEW-Bezirksleitungen aus den Regionen Mitte, Friedrichhain/Kreuzberg, Tempelhof/Schöneberg und Neukölln.

Sie wendet sich an die Öffentlichkeit, da zunehmend deutlicher wird, dass die Schulen in den sozialen Brennpunktgebieten unserer Bezirke immer weniger in der Lage sind, ihren pädagogischen und sozialen Aufgaben nachzukommen. Dieses liegt nicht an dem Mangel an pädagogischen Konzeptionen und Umsetzungswillen des pädagogischen Personals. Vielmehr sind es die materiellen und personellen Rahmenbedingungen, die den geringen Erfolg der bis an die Grenze der psychischen und physischen Belastbarkeit gehenden Anstrengungen des Schulpersonals bewirken.

Ohne im Detail auf die sozialstrukturellen Kennzeichen der Lebens- und Wohnbedingungen in sozialen Brennpunktgebieten einzugehen, ist doch zu sagen, dass die Arbeit in den Schulen durch folgende 4 Merkmale in hohem Maße erschwert wird:

1. Der sozio-kulturell verursachte Funktionsverlust von Erziehung in den Familien.

Viele Erziehungsberechtigte sind erwerbslos oder auf Hilfe zum Lebensunterhalt angewiesen. Oft fehlt ihnen der Blick auf eine positive Lebensperspektive und eine Orientierung an eindeutigen Erziehungszielen für ihre Kinder. Hinzu kommt, dass die räumlichen Wohnverhältnisse in der Mehrzahl sehr beengt sind. Das führt dazu, dass viele dieser Erziehungsberechtigten mit der Versorgung und Erziehung ihrer Kinder überfordert sind. Entsprechend sind vielfach die Erziehungsmethoden widersprüchlich und gewalttätig. Schon die Kontaktaufnahme mit diesen Erziehungsberechtigten erweist sich für die Schule in der Mehrzahl der Fälle als schwierig.

2. Ein hoher Anteil von sozial deprivierten Familien.

Der Anteil der Kinder aus dieser Bevölkerungsgruppe macht in den Schulen im sozialen Brennpunkt mittlerweile zwischen 30 und 60 % aus. Bei diesen Kindern ist in der Regel weder die physische Grundversorgung sichergestellt noch können sie sich auf die emotionale Zuneigung des/der Erziehungsberechtigten stützen. Grundlegende Kultur- und Sozialtechniken sind ihnen fremd. So können sie sich häufig nicht altersgerecht bewegen und mitteilen, kennen keinen geregelten Tagesablauf und keine geregelte und gesunde Ernährung. Konzentrationsschwächen und eine niedrige Toleranzschwelle prägen ihr Verhalten. Oft sind sie nicht wettergerecht gekleidet, verfügen über kein Schulmaterial und kommen unausgeschlafen und hungrig zur Schule. Die Selbstorientierung an sozialen Regeln ist ihnen fremd. In ihrer Mehrheit haben sie in ihrem bisherigen Leben weder mit Erwachsenen noch mit Gleichaltrigen positive soziale Erfahrungen gemacht. Vor allem der Umstand, dass sie sich bisher auf Erwachsene in kaum einer oder gar keiner Form verlassen konnten, macht den Zugang zu diesen Kindern schwierig.

3. Ein hohes Potential von Aggression und Gewaltbereitschaft unter den Schülern.

Gebiete, in denen sich Armut und Arbeitslosigkeit konzentrieren, sind häufig Schwerpunkte von Kleinkriminalität, aber auch von Diebstahl, Hehlerei, Körperdelikten, Drogenhandel und Prostitution. In den sozialen Brennpunktgebieten ist das nicht anders. Die Kinder wachsen mit der Erfahrung auf, dass Gewalt ein probates Mittel zur Durchsetzung von Vorteilen ist und dass der Lebensunterhalt mit illegalen Methoden z.T. leichter und besser zu beschaffen ist als auf legale Art und Weise. Dieses sozialdarwinistische Verhalten legen sie natürlich nicht vor dem Schultor ab, sondern bringen es mit in die Schule. Auch hier treffen zwei Lebenswelten aufeinander, mit unterschiedlichen Werten und Verhaltensnormen. Die Kinder bringen die ihrigen täglich aufs Neue in die Schule hinein, d.h. die Auseinandersetzung mit diesen Normen und Werten sowie mit dem entsprechenden Verhalten ist immerwährender Gegenstand der pädagogischen Arbeit.

4. Ein hoher Anteil von Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund.

In den von uns vertretenen sozialen Brennpunktgebieten repräsentiert die Bevölkerung mit Migrationshintergrund nicht nur eine deutliche Mehrheit der Einwohner, sondern sie gehört auch überwiegend zum ärmeren Teil der Berliner Bevölkerung. Die Kinder dieser Bevölkerungsgruppe leben häufig sprachlich und kulturell gleichzeitig in zwei unterschiedlichen Welten. Diese sind in der Regel durch die Pole Familie und Schule gekennzeichnet, in denen unterschiedliche, z.T. entgegengesetzte kulturelle und soziale Anforderungen gestellt werden. Viele dieser Familien ziehen sich und ihre Kinder in ihr vertrautes Umfeld zurück, das zunehmend eine Eigendynamik gewinnt. Auch Schule ist von diesem Prozess betroffen. Sprachliche Schwierigkeiten und unzureichende Unterstützungsmöglichkeiten durch Eltern und Geschwister schränken die Entwicklungsmöglichkeiten der Schüler/innen weiter ein. Der vorherrschend monolinguale und auf Mitarbeit der Familie ausgerichtete Schulbetrieb zeigt sich nicht in der Lage, auf diese Situation adäquat zu reagieren.

Zusammenfassung:

Die Arbeit an Schule im sozialen Brennpunkt unterscheidet sich sehr deutlich von derjenigen an Schulen in bürgerlichen und sozial stabilen Gebieten. Eine wesentlich stärkere individuelle Betreuung der Kinder einschließlich einer ausgeprägten sozialarbeiterischen Komponente prägt die Arbeit. Kontinuität bei einem hohen Grad an Negativerlebnissen ist ein wesentliches, äußerst kräftezehrendes Element der pädagogischen Arbeit. Immer wieder sind neue Versuche vonnöten, Zugänge zu Kindern und Erziehungsberechtigten zu erschließen.
Dies gestaltet sich zunehmend schwieriger, da die kulturellen und sozialen Erwartungen der Elternhäuser nicht mit denen der Schule korrespondieren und eine Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten häufig nicht oder nur schwierig zu bewerkstelligen ist.
Dies alles geschieht vor dem Hintergrund, dass einer erheblichen Anzahl von Kindern nicht nur im Anfangsunterricht basale Grundkenntnisse vermittelt werden müssen, die in anderen sozialen Gebieten die Schüler schon im vorschulischen Entwicklungsstadium eingeübt haben.

Die Rahmenbedingungen, in denen sich die schulische Arbeit in den sozialen Brennpunktgebieten vollzieht, erfordern nicht nur grundlegend neue Lernfelder, sondern auch die Entwicklung neuer Lernarrangements. Dieses muss sich auch in der räumlichen, materiellen und personellen Ausstattung dieser Schulen niederschlagen.

Um den Kindern aus den sozialen Brennpunktgebieten eine Chance auf Teilhabe an der gesellschaftlichen Entwicklung zu ermöglichen bedarf es sicherlich nicht nur einer angemessenen Schulausbildung. Aber ohne diese wird ihnen jegliche Chance vorenthalten.
Die Entwicklung drängt. In den sozialen Brennpunktgebieten finden sich die positiven Sozialdaten der Berliner Entwicklung nur in deutlich abgeschwächter Form wieder. Es ist zu befürchten, dass sich mit dem wirtschaftlichen Abschwung die Situation der Kinder und Jugendlichen in den Brennpunktgebieten weiter verschlechtern wird. Deshalb darf es ein „Weiter so!“ in dem Umgang mit den dortigen Schulen nicht geben.
Damit die Grundschulen in den sozialen Brennpunkten ihren pädagogischen und sozialen Aufgaben gerecht werden können, fordern wir eine deutlich verbesserte Ausstattung:

Grundschulen im sozialen Brennpunkt – 14 unabdingbare Punkte:

  1. Bildung ist eine unabdingbare Investition für die soziale und ökonomische Zukunft Berlins. Deshalb müssen die Schulen entsprechend der sozialen Umgebung so ausgestattet werden, dass sie ihren Beitrag zur Integration ihrer Schüler/innen in unsere Gesellschaft erfüllen können. Entsprechend dem Sozialstrukturatlas müssen Schulen hinsichtlich ihrer räumlichen, materiellen und personellen Ausstattung unterschiedlich bemessen werden. Für Schulen im sozialen Brennpunkt muss ein Nachteilsausgleich erfolgen.
  2. Zügige Ausweitung des gebundenen Ganztagsbetriebs auf alle Brennpunktschulen.
  3. Die Raumausstattung muss eine Mensa, eine Bibliothek mit Leseraum, Räume für Ruhe, Sport und Spiel sowie einen für handwerkliche Tätigkeit ausgestatteten Technikraum beinhalten.
  4. Verstärkte Einstellung von Lehrkräften mit Migrationshintergrund. Im Rahmen schulbezogener Ausschreibungen müssen zusätzlich als vorrangig zu berücksichtigende Anforderungen umfangreiche Kenntnisse in der entsprechenden Sprache und Kenntnisse über Problemkreise von Personen mit Migrationshintergrund aufgeführt werden. Lehrkräften ohne volle Lehrbefähigung, die einen in Berlin anerkannten Hochschulabschluss besitzen, muss eine verpflichtend wahrzunehmende berufsbegleitenden Weiterbildung angeboten werden.
  5. Die Personalausstattung der Schulen muss eine Vertretungsreserve von 10 % enthalten.
  6. Wiedereinführung der niedrigen Klassenfrequenzen bei Anteil von lernmittelbefreiten Kindern (Lmb) und Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache (ndH) von mehr als 40 % für Jg. 1 – 3: 20 Schüler, für Jg. 4 – 6: 22 Schüler; Neueinführung der Absenkung der Klassenfrequenzen bei Lmb- u. ndH-Anteil um je 1 weiteren Schüler pro Klasse bzw. Lerngruppe bei weiteren 20 % Lmb - u. ndH -Anteil.
  7. Bereits vor Schuleintritt sollten die Kinder – entweder in der Kita oder im Rahmen der schulärztlichen Untersuchung - auf sonderpädagogischen Förderbedarf überprüft werden. Von Schulbeginn an muss den Kindern, bei denen Förderbedarf diagnostiziert wurde, eine entsprechende Förderung in Form von Integrationsstunden gewährt werden.
  8. Es muss 1/2 weitere Teilungsstunde/Klasse zur Bildung eines Pools zugewiesen werden, über den die Schule zur Verstärkung einzelner Maßnahmen verfügen kann.
  9. Die Zuweisung von ErzieherInnen ist so zu verändern, dass als Grundausstattung eine ErzieherIn/Klasse bzw. Lerngruppe vorhanden ist.
  10. Um die notwendige Teamarbeit in der Schule zu fördern müssen 1 Unterrichtsstunde sowie 1 Erzieherstunde als Kooperationsstunde festgelegt werden.
  11. An allen Schulen müssen regelfinanzierte Schulstationen eingerichtet und mit Sozialarbeiterstellen ausgestattet werden, so dass die Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe institutionalisiert und mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet wird.
  12. In Schulen mit einem Anteil von 50 % ndH-Anteil muss eine SozialarbeiterIn mit Migrationshintergrund beschäftigt werden.
  13. Die Schulpsychologie muss wieder mit festen Stunden in den Schulen präsent sein und für Einzelfallarbeit zur Verfügung stehen.
  14. Die Möglichkeit, auf begründeten Antrag hin in der Schulanfangsphase von der jahrgangsübergreifenden Organisation abweichen zu können, muss weiterhin gegeben sein.

Grundschulen im sozialen Brennpunkt – 14 unabdingbare Punkte
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