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Thomas Schmidt: Schulen als Rekrutierungsfeld der Bundeswehr?

blz 10 / 2013

Schulen als Rekrutierungsfeld der Bundeswehr?

Das Robert-Blum-Gymnasium in Berlin hat den Aachener Friedenspreis erhalten

von Thomas Schmidt, GEW-Vertrauensmann am Robert-Blum-Gymnasium

Wieso bekommen Schulen in Friedenszeiten einen Friedenspreis? Ist ein Land denn überhaupt im Frieden, wenn seine Armee in 12 Ländern im Einsatz ist, wenn Soldaten töten und getötet werden oder traumatisiert zurückkehren? Ist ein Land im Frieden, wenn diese Armee vermehrt für den Kriegsdienst wirbt: an Schulen, auf Jugendmessen, Berufsveranstaltungen, in Publikationen? Halten wir es als PädagogInnen für richtig, wenn diese an Minderjährige verteilt werden und an SchülerInnen, die selber aus Kriegsregionen stammen? Passt dies zum Trainieren gewaltloser Konfliktlösung in der Schule?

Passt dies zum Bildungsziel der Völkerverständigung und Friedenserziehung? Das sind Fragen, die unabhängig von der Einstellung zur Bundeswehr gestellt werden müssen. Die Ausgaben der Bundeswehr für Nachwuchswerbung wurden in den letzten 14 Jahren auf 29 Millionen Euro fast verdreifacht. Die Möglichkeiten von Friedensgruppen, den SchülerInnen auch andere Positionen nahezubringen, sind vor diesem Hintergrund verschwindend gering, weil es sich hierbei hauptsächlich um nebenamtlich Tätige handelt.

Von einer Ausgewogenheit kann also keine Rede sein! Mehrere Schulen in Deutschland wollen sich deshalb diesem Trend entgegenstellen und haben sich gegen Bundeswehr-Werbung auf dem Schulgelände ausgesprochen. Dafür haben stellvertretend zwei Schulen den Aachener Friedenspreis erhalten. Hierbei handelt es sich um unsere Schule, das Robert-Blum-Gymnasium in Berlin-Schöneberg, und um die Käthe-Kollwitz-Berufsschule in Offenbach. In Berlin hat außerdem die August-Sander-Berufsschule in Berlin-Friedrichshain ein Werbeverbot beschlossen.

Preisverleihung in Aachen

Zum historischen Datum, dem Antikriegstag am 1. September, wurden VertreterInnen aller Preisträger nach Aachen eingeladen. Darunter befand sich auch die Internationale Schule aus dem irakischen Kurdistan (Nordirak). Sie erhielt den Preis für das dort einmalige Konzept ihrer Schule, in der gemeinsames und gleichberechtigtes Lernen von Jungen und Mädchen, von unterschiedlichen Religionen, Glaubensrichtungen und Volksgruppen tagtäglich gelebt wird. In der voll besetzten Aula Carolina fand die Preisverleihung statt, bei der neben den Vertretern des Vereins Aachener Friedenspreis auch der Bürgermeister Björn Jansen und die nord-rheinwestfälische GEW-Vorsitzende Dorothea Schäfer die Preisträger würdigten.

Wer steckt eigentlich hinter dem »Aachener Friedenspreis«? Handelt es sich um eine linke »Gurkentruppe«, wie es unlängst in der »Welt« hieß? Eine kurze Recherche hätte deren Berichterstattung mehr Seriosität verliehen: Der Aachener Friedenspreis e.V. hat circa 400 Mitglieder, darunter etwa. 350 Einzelpersonen und etwa 50 Organisationen: unter anderem die Stadt Aachen, der regionale Deutsche Gewerkschaftsbund, katholische Organisationen im Bistum Aachen, der evangelische Kirchenkreis sowie zahlreiche weitere kirchliche und politische Organisationen. Die Presseberichterstattung, aber auch die Zuschriften an unsere Schule zeigen viel Zustimmung für unseren Beschluss. Es gibt jedoch auch Kritik und Fragen. Das ist in einer Demokratie normal. Zum Beispiel, ob nicht die Lehrfreiheit der einzelnen Lehrkraft dadurch eingeschränkt wird. Dass dies nicht mit dem Beschluss gemeint ist, sondern dass er appellativ zu verstehen ist, haben wir als Schule deutlich gemacht. Dieser Appell richtet sich gegen die Rekrutierung von Soldaten an der Schule, nicht gegen die Institution. Es stimmt auch nicht, dass eine kontroverse Diskussion über die nationale Sicherheitspolitik verhindert werden soll. Diese Debatte muss geführt werden, aber auf der politischen Ebene und nicht mit Vertretern der operativen Ebene, die auf Befehl eine bestimmte Sicherheitspolitik vertreten müssen!

Böse Beschimpfungen

Befremdlich sind andererseits die Aufgeregtheiten und bösen Beschimpfungen. Gerade deshalb ist die Verleihung des Friedenspreises eine wertvolle und dankenswerte Unterstützung der Schulen. Der Bürgermeister Björn Jansen hat in seiner Rede hervorgehoben, dass es wichtig ist, anzuecken und sich gegen den bellizistischen Mainstream zu wenden. Nachvollziehbar, dass dies Interessen von Bundeswehrangehörigen (übrigens nicht allen) oder der Rüstungslobby widerspricht. Wir müssen aber dem daraus folgenden Druck standhalten und dürfen uns nicht einschüchtern lassen, auch mit Blick auf die Jugendlichen. Ich halte es für sinnvoll, wenn andere Schulen breit darüber diskutieren und ähnliche Beschlüsse fassen: in Gesamt- und Schulkonferenzen.  


Der Beschluss kann eingesehen werden unter: http://www.robert-blum-schule.de/2011/04/schule-ohne-militaer/ und http://www.aachener-friedenspreis.de/preistraeger