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Klaus Will: Ein Buch gegen das Vergessen

blz 05 / 2013

EIN BUCH GEGEN DAS VERGESSEN

von Klaus Will

Zufällig, bei einer Recherche 2003 im Internet, stößt Falkenstein auf den Namen ihrer Tante als »Person murdered by German medical doctors between 1939 and 1948«. Diese Tante, eine Schwester ihres Vaters, war zwar in der Familie erwähnt worden, nicht jedoch ihr Schicksal. Falkenstein lässt das keine Ruhe und sie fängt an nachzuhaken, Archive aufzusuchen, Personen zu befragen. Die Ergebnisse dieser Recherche über Annas Schicksal, die Geschichte der Familie, über das »Euthanasie«-Programm der Nazis und die lang ausbleibende Aufarbeitung erzählt sie in Form eines langen Briefes an Anna, die 1940 im Alter von 24 Jahren ermordet wurde. Falkensteins Erinnerung an die Opfer des "Euthanasie"-Programms ist äußerst lesenswert: Information und Emotion, Familiengeschichte und Politik, Tod und Weiterleben verbindet Falkenstein behutsam-einfühlend zu einem berührenden Porträt. Anna und mit ihr die über 200.000 Opfer des NS-Massenmords sind nicht vergessen.

Anna Lehnkering wird 1915 geboren, eine schwere Zeit für ihre Eltern, die eine Gaststätte im Ruhrgebiet führen. Anna entwickelt sich zunächst normal, wird aber ab dem vierten Lebensjahr verängstigt und schreckhaft. Sie schafft die Volksschule nicht und kommt im Alter von sieben Jahren auf die Hilfsschule, die sie mit 14 verlässt. Bei einer Untersuchung im Herbst 1931 in einer Bonner Kinderanstalt stellen die Ärzte »Schwachsinn erheblichen Grades« bei ihr fest, angeblich verursacht durch die Alkoholkrankheit ihres Vaters, der 1921 an Leberzirrhose gestorben war. Als die Nazis an die Macht kommen, wird daraus »erblicher Schwachsinn«: Anna wird sterilisiert und schließlich in ein Heim gebracht, wo die kontaktscheue junge Frau mit vielen anderen in einem großen Schlafsaal untergebracht wird. Sie wolle ständig nach Hause, sei »albern«, «läppisch« und »lästig« steht in der Heim-Patientenakte. Im März 1940 wird sie nach Grafeneck gebracht und dort ermordet.

Die schwierige soziale Lage der Familie – die zweite Ehe der Mutter scheitert, die Gaststätte muss aufgegeben werden – und die propagierte »Reinhaltung der arischen Rasse« der Nazis führen wohl dazu, dass die Familie die Einweisung Annas in ein Heim hinnimmt, zumal sie mit ärztlicher Autorität angewiesen wird. Möglicherweise schämen sich Mitglieder der Familie auch, jedenfalls wird nicht mehr darüber geredet. Annas Mutter will sich nach Kriegsende mehrmals das Leben nehmen und kommt schließlich in eine Nervenklinik. Ist das der Preis für das Verdrängen? Dieses Hinnehmen und das jahrelange Beschweigen stehen mit im Zentrum des Buches: »Die bis heute existierenden gesellschaftlichen Vorurteile gegenüber psychisch kranken Menschen werden von vielen Angehörigen nach wie vor als Stigmatisierung empfunden und nicht selten sind Unsicherheit, Scham und Schuldgefühle die Folge«, schreibt Falkenstein. Als die Autorin zusammen mit anderen ein Gedenkbuch mit den Namen der Opfer fordert, wird das zunächst aus datenschutzrechtlichen Gründen abgelehnt, denn es gelte auch hier die ärztliche Schweigepflicht! Die Initiative ließ nicht locker und erreichte 2009 die Veröffentlichung eines Gedenkbuches, in dem auch der Name Annas steht.

Im selben Jahr bekannte Annas Bruder Fritz, der Vater der Autorin, erstmalig öffentlich bei der Verlegung eines »Stolper-steins« für Anna: »Ich hatte eine Schwester, die geistig behindert war.« 


Sigrid Falkenstein: Annas Spuren. Ein Opfer der NS-»Euthanasie«. München 2012