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Dirk Jordan: Orte, an denen man gebraucht wird

blz 03 - 04 / 2013

Orte, an denen man gebraucht wird

Wie können die Sekundarschulen in der ungleichen Konkurrenz erfolgreich sein?

von Dirk Jordan, ehemaliger Volksbildungsstadtrat des Bezirks Kreuzberg

Seit der Schulstrukturreform gibt es sie nun, die zwei Säulen. Gleichwertig, aber nicht gleichartig, sollen sie sein. Aber was ist die »nicht-gleiche«, die andere Art der Sekundarschule? Thomas Isensee hat zu Recht in der Januar-blz 2013 die Unzulänglichkeiten des Leitbildentwurfs der Bildungsverwaltung für die beiden Säulen bemängelt. Was aber ist das positive Leitbild der Integrierten Sekundarschule (ISS), das andere Konzept von Schule? Wollen sie nicht doch alle insgeheim Gymnasien sein? Zumindest wollen alle eine eigene Oberstufe haben. Und eine Reihe von Sekundarschulen hat längst den umliegenden Gymnasien den Rang abgelaufen. Aber kann das eine erfolgreiche Strategie für alle Sekundarschulen sein? Ich glaube es nicht.

Um sich erfolgreich als »andere Schule« zu entwickeln, brauchen die Sekundarschulen ein eigenes Schulkonzept und Leitbild für die Schulart. Dazu muss man gar nicht weit um sich schauen, vor allem muss man nicht auf das Gymna-sium schielen. Es gibt schon lange sehr erfolgreiche Sekundarschulen, entstanden zumeist als Gesamtschulen und häufig auch nur als Schulen der Sekundarstufe I. Die blz hat im Juni 2012 unter dem Titel »Integrierte Sekundarschule als Chance« über interessante Entwicklungen und Schulen in Berlin berichtet. Noch ist nur über Einzelfälle zu berichten, noch gibt es kein gemeinsames Verständnis, was die ISS als Schule der Sekundarstufe auszeichnen kann, aber das ist meines Erachtens nötig, um in der ungleichen Konkurrenz erfolgreich zu sein.

Schule als »Ort, an dem man gebraucht wird«

Was meint »Schule der Sekundarstufe«? Im Kern geht es meines Erachtens darum, Schule für Jugendliche nicht mehr so zu denken wie die Schule für Kinder, das heisst die Grundschule. Die Schule der Pubertät braucht ein anderes Konzept als das überkommene Konzept der »Humboldt-Pestalozzi-Schule« von »Bildung-durch-Unterricht« (v. Hentig), das vor allem das Gymnasium prägt und damit stilprägend für alle Schularten wurde. Die Bielefelder-Laborschule mit der Idee der »Schule als polis« ist solch ein Versuch einer anderen Schule. Die Schule als »Ort, an dem man gebraucht wird« ist das zentrale Leitbild.

Die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden hat für sich dieses Konzept mit dem »Lernen in Ernstsituationen« und der intensiven Theaterarbeit (»Bühne als Schule«) weiterentwickelt. In Berlin hatte sich die »Stadt-als-Schule« auf den Weg zur Entschulung des Lernens begeben, wurde aber leider im Zuge der Schulstrukturreform aufgelöst.

In Potsdam hat Ulrike Kegler eine Gesamtschule neuen Typs aufgebaut. In ihrem Buch beschreibt sie als eine zentrale Erkenntnis: »Mit der Zeit wurde deutlich, dass die Methoden der Grundschule und der Unterricht im Schulhaus nur ansatzweise für Sekundarschüler passen.« Gesucht haben auch sie nach einem »Ort, an dem man gebraucht wird«, und fanden ihn in einem ehemaligen Stasi-Gelände am Schlänitzsee, das die SchülerInnen aus Postdam und die der Heinrich-von-Stephan-Schule aus Berlin-Moabit allmählich rekultivieren.

Die Schule der Sekundarstufe muss von den Anforderungen der Adoleszenz her gedacht werden. Es geht um die Begleitung auf dem Weg zum Erwachsenwerden, das mit der Pubertät mit allen bekannten Heftigkeiten aufbricht. Die Grundschule ist zu Recht eine »Unterrichtsschule«, Bildung-durch-Unterricht ein passendes Konzept. In dieser Schule wissen die LehrerInnen vorher, was gelernt wird, sie kennen die Fragen und Antworten, auch wenn sie die SchülerInnen möglichst viele selber finden lassen. Mit dem Wechsel in die Sekundarschule wird es anders. Jugendliche können nur mit großer Mühe auf die Rolle des Schülers reduziert werden, sie müssen schrittweise die Chance haben, sich bewähren zu können. Das klassische Format des Unterrichts in der Klasse gibt ihnen dazu zu wenig Möglichkeiten.
Es gibt bereits »gute Schulen«

Schulen wie die Evangelische Schule Berlin Zentrum (ESBZ) zeigen, wie eine gute Schule der Sekundarstufe aussehen kann. Ihr Konzept hat im Wesentlichen drei Bausteine:

  • Lernen, (verantwortlich) zu handeln;
  • Lernen, (mehr) Wissen zu erwerben;
  • Lernen, zusammen zu leben.

Deutlich wird schon an den drei Säulen, dass das traditionelle »Kerngeschäft« von Schule, der Unterricht, sich in zwei andere Aufgabenstellungen einpassen muss und nicht mehr die Schule allein dominiert.

Das »Projekt: Verantwortung«, das sich zumeist auf das Feld »service learning« bezieht, und das »Projekt: Herausforderung« (drei Wochen am Schuljahresbeginn eine selbstgewählte Aufgabe außerhalb Berlins bestehen) sind zwei wesentliche Bausteine der Schule und Möglichkeiten für die Jugendlichen, Orte zu finden, »an denen man gebraucht wird«. SchülerInnen gehen als »Sprachbotschafter« in Grundschulen in Brennpunktgebieten und lernen so selbst noch einmal. Dies alles sind »nützliche Erfahrungen, nützlich zu sein« (v. Hentig), die Jugendliche in diesem Alter brauchen. Sie erfordern eine hohe Eigenverantwortung der Jugendlichen, die natürlich nicht selbstverständlich ist, die schrittweise entwickelt und begleitet werden muss. LehrerInnen sind also keineswegs überflüssig, aber es gibt eine andere Schulkultur.

Bezogen auf die geforderten Schulleistungen gehören die ESBZ in Berlin, die eine Gemeinschaftsschule ist, und die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden oder die Montessori-Schule in Potsdam zu den Sekundar-/Gesamtschulen, die bei den zentralen Schulleistungstests und Prüfungen mit Leistungen aufwarten, die an vielen Gymnasien nicht besser sind. Diese Schulen zeigen, wie »Schule der Adoleszenz« aussehen kann. Sie sind »gute Schulen«, aber keine »Unterrichts-Schulen« mehr. Sie sind Schulen des Lebens und nicht des Stoffs. In dieser Richtung kann und sollte sich die Integrierte Sekundarschule in Berlin entwickeln, sicher jeweils in einer eigenen Weise und Intensität, aber in diese Richtung. Ihre Aufgabe ist es, die Jugendlichen beim Erwachsenwerden zu begleiten und das ist viel mehr als »Bildung-durch-Unterricht«. Es ist aber auch mehr als »Praxisorientierung« oder Berufswahl-Unterricht!

Mit der Orientierung als Orte, an denen man gebraucht wird, würden sie als Schulen ein Profil gewinnen, das sie erkennbar neben das Gymnasium stellt, das in seinem ganzen Selbstverständnis eine »Unterrichts-Schule« bleibt, vielleicht eine gute, aber auch dann nur eine »gute Unterrichts-Schule«.

Für diese Entwicklung zu Orten, an denen man gebraucht wird, gibt es in Sekundarschulen in Berlin schon Ansätze, aber sie prägen nur in wenigen Fällen die Kultur einer ganzen Schule. In einem Artikel über die Heinz-Brandt-Schule berichtete der Tagesspiegel im September 2002(!) von dem Praxiseinsatz der 10. Klasse in einer Hausverwaltung: »Die Schüler aus der Zehn sind vor Ort Ansprechpartner, wenn sich neue Mieter vorstellen, überlegen sich, was zu tun ist, wenn etwas in Wohnungen kaputt ist. ... ›Wir werden richtig gebraucht, das macht total Spaß‹, sagt der 16-jährige Patrik Ziemer.« Wir werden richtig gebraucht – diese Botschaft ist klar, nur wird sie zuwenig gehört.

Seit dem ist einiges geschehen, aber weiterhin sind nur wenige Schulen insgesamt »Orte, an denen man gebraucht wird«, vielleicht ist das aber auch nur zu wenig bekannt. Der Erfahrungsbericht des Instituts für Produktives Lernen in Europa (IPLE) mit »Beiträgen zum Dualen Lernen« beschreibt einige von ihnen, unter anderem auch das Projekt »Verantwortung übernehmen«, das an 10 Schulen in der 7./8. Klasse begann.

»Sekundarschule als Chance« – so titelte die blz. Diese Vision braucht mehr, als bisher das »Duale Lernen« mit seinen einzelnen Elementen vorsieht. Nötig ist, dass Elemente wie das Produktive Lernen als Teil einer anderen Schulkultur verstanden werden und die Schule sich insgesamt zu einem Ort, an dem man gebraucht wird, entwickelt. In allen Teilen, auch dem Unterricht und schon in der 7. Klasse beginnend.

Ulrike Kegler zitiert in ihrem Buch Gedanken von Maria Montessori aus dem Jahre 1935: »Die höhere Schule, so wie sie heute existiert, hat kein anderes Ziel, als die Schüler für eine Laufbahn vorzubereiten, als ob die sozialen Bedingungen, unter denen wir leben, noch immer friedlich und stabil wären.« Das ist heute mehr als aktuell. Wir haben aber die Chance, eine andere »höhere Schule« in Berlin zu entwickeln, eine Integrierte Sekundarschule, die Jugendlichen in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit gerecht wird.