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Norbert Böhnke: Dr. Knabe sieht rot

blz 03 / 2012

Dr. Knabe sieht rot

Die Bildungsarbeit der Gedenkstätte Hohenschönhausen ist völlig aus der Zeit gefallen

von Norbert Böhnke, Landesausschuss multikulturelle Angelegenheiten (LAMA)

Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen schreibt über ihre Bildungsarbeit: »In dem ehemaligen Gefängnis können sich junge Leute auf anschauliche Weise mit der SED-Diktatur auseinandersetzen.« Sicher eine notwendige und verdienstvolle Aufgabe. Doch nun bietet der Direktor der Gedenkstätte, Dr. Hubertus Knabe, Berliner Schulen ein neues Projekt an – Thema: »Alles Geschichte? Linksextremismus – eine Gefahr für die Demokratie«.

Die vier Themenfelder

Das erste von vier geplanten Themenfeldern lautet: »Macht kaputt, was euch kaputt macht«. Knabe möchte die SchülerInnen dafür sensibilisieren, »wie man durch Musik zu einer linksextremistischen Gesinnung verführt werden kann«.

Das Lied wurde ursprünglich von der Theatergruppe Hoffmanns Comic Theater geschrieben. Es schloss sich an eine Szene an, in der der junge Arbeiter Paul im Fernsehen einen Kommentar des Springer-Journalisten Matthias Walden sieht und vor Wut den Fernseher auf den Boden wirft. Später hat die Band Ton-Steine-Scherben (TTS) das Lied populär gemacht. »Radios laufen, Platten laufen, Filme laufen … Häuser kaufen, Möbel kaufen. Wofür?« Nach diesen kritischen Fragen an den Medien- und Warenkonsum zur Zeit der 68er Studentenbewegung folgt eine Antikriegslyrik, die von einem Bob Dylan-Song inspiriert wurde, in dem es heißt: » bombs are falling, tanks are rolling, soldiers dying, men are crying…« Nach der Anklage: »Bomber fliegen, Panzer rollen (…) die Chefs schützen, die Aktien schützen, das Recht schützen, den Staat schützen – vor uns« singen TSS »Macht kaputt, was euch kaputt macht«. Das Lied ist eine leidenschaftliche Anklage gegen den Vietnamkrieg, der mit der Lüge vom Tonking-Zwischenfall von den USA begonnen wurde, durch den die Aktien der Rüstungskonzerne in die Höhe schnellten, der unzählige Menschen das Leben kostete und der bis zum Schluss von der Springer-Presse unterstützt wurde. Das Lied, ein aktuelles Lehrbeispiel für linksextremistische Verführung? Henry Kissinger und Le Duc Tho bekamen für das Abkommen zur Beendigung des Vietnamkriegs den Friedensnobelpreis.

»Die Linke – eine extremistische Partei?« heißt das zweite Themenfeld. » Unter den fünf für die Demokratie in Deutschland relevanten Parteien wird nur Die Linke vom Verfassungsschutz überwacht. Warum ist das so? Ist die Partei linksextremistisch?« Dies fragt Knabe ungeachtet der Proteste aus allen demokratischen Parteien angesichts der skandalösen Bespitzelungspraktik des Verfassungsschutzes. Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Berliner SenatorInnen – allesamt Linksextremisten? Knabe verfährt nach der Kabarettnummer: »Du, Erna komm mal gucken. Bei Müllers nebenan ist die Polizei.« »Mensch, Willi. Das sind doch ehrbare Leute.« »Aber Erna, dann wär’ doch die Polizei nicht dort…«

»Revolutionäre Gewalt – ein Weg zu einer besseren Gesellschaft?« ist der Titel des dritten Themenfeldes. »Seit Karl Marx halten Linksextreme Gewalt für ein sinnvolles Mittel der Politik.« »Die Teilnehmer sollen die Frage beantworten, ob Gewalt zu einer besseren Gesellschaft führen kann.« Nun, zumindest ist die bürgerliche Republik nicht aus friedlichen Debatten, sondern aus einer blutigen Revolution hervorgegangen. »Zu den Waffen Bürger! Schließt die Reihen – Vorwärts, marschieren wir! Das unreine Blut tränke unser Äcker Furchen!« Diesen Text der Marseillaise singen die Franzosen bis heute als ihre Nationalhymne. Ein Fall für den Linksextremismus-Experten Knabe? Oder dann lieber doch gleich die Karl-Marx-Straße in Berlin umbenennen? Vollends schräg, aber auch gefährlich wird es beim vierten Themenfeld. »Antifa heißt Angriff – Hilft Gewalt gegen Rechtsextremismus? Der Kampf gegen Rechts ist eines der Hauptaktionsfelder linksextremer Gruppen. «Wäre dies auch ein Hauptaktionsfeld der staatlichen Organe inklusive des Verfassungsschutzes gewesen, die zehn Mordopfer der Zwickauer Terrorzelle könnten heute noch am Leben sein. »Zudem will sie (die Antifa, N.B.) den Kapitalismus beseitigen, der für den Faschismus verantwortlich sei.« Hätte Knabe in seinem Geschichtsstudium besser aufgepasst, so wären ihm wohl auch die folgenden Sätze aus dem »Ahlener Programm« der CDU von 1947 bekannt: »Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund auf erfolgen. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein.«

Knabes Verdienste

Ein Verdienst der Antifa und vieler AntifaschistInnen und DemokratInnen ist es jedenfalls, dass die Neonazis zurzeit nicht mehr wie noch 2009 mit mehr als 7000 Kameraden weitgehend ungestört durch Dresden und andere deutsche Städte marschieren können, rechtsradikale Bands unbeachtet ihre Hasslieder auf Konzerten spielen und Läden Kleidung mit Nazisymbolen verkaufen können. Die Stiftung der Gedenkstätte des Dr. Knabe musste 2007 dagegen erst durch öffentliche Proteste daran gehindert werden, einen Stiftungspreis nach dem NSDAP-Mitglied und Beauftragten für die Arisierung jüdischer Unternehmen bei der Industrie- und Handelskammer Walter Linse zu benennen. Dass Knabe mit seinem sogenannten Bildungsangebot auch ungeniert Schleichwerbung an Schulen für Firmen macht – »Das Modellprojekt soll die Einsatzmöglichkeiten von iPads für außerschulische Lernorte überprüfen und entwickeln« – ist angesichts des politischen Unsinns dagegen noch als lässliche Sünde zu werten. »Auch 2012 wollen wir uns als außerschulischer Lernort weiter profilieren«, schreibt Knabe und hat mit seinem neuen Seminarangebot wohl auch neue Fördertöpfe aus dem Familienministerium im Blick.

Die Berliner Schule kann jedenfalls auf diese ideologische Berieselung wie in der Zeit des Kalten Krieges gerne verzichten.