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Passworthilfe

Viola B. Georgi u.a.: Vielfalt im Lehrerzimmer

blz 01 / 2012

Vielfalt im Lehrerzimmer

Diskriminierungserfahrungen von Lehrenden mit Migrationshintergrund im Referendariat

von Nurten Karakas,

Bislang gibt es kaum aussagekräftige Studien und repräsentative Statistiken über die Situation von Lehrenden mit Migrationshintergrund in Deutschland. Unbestritten ist dennoch ein deutliches Missverhältnis zwischen der Anzahl der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund und Lehrenden mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen. So haben in Nordrhein-Westfalen 30 Prozent der Schüler, aber nur etwa ein Prozent der Lehrkräfte einen Migrationshintergrund (Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW 2007).

Als erste explorative Studie untersuchte ein Forschungsteam der Freien Universität Berlin die Situation der Lehrenden mit Migrationshintergrund. Die Ergebnisse sind unter dem Titel »Vielfalt im Lehrerzimmer« erschienen (Karakas, 2011). Sowohl quantitative Daten als auch qualitative Daten aus biografischen Interviews bilden die empirische Basis der Untersuchung.

Prägende Erfahrungen

Als ein wichtiges Ergebnis der Interviews mit Lehrenden mit Migrationshintergrund treten dabei ihre Diskriminierungserfahrungen hervor. Sie umfassen nahezu alle Stadien ihrer Biografie von der Schulzeit bis in die berufliche Praxis und nehmen in vielen biografischen Erzählungen der Lehrkräfte eine zentrale Rolle ein, die häufig als einschneidende Erlebnisse, als Wendepunkte in der Selbstwahrnehmung und als Motivation für politisches Engagement beschrieben werden. Die Befunde der Studie zeigen, dass die Befragten in ihrem beruflichen Umfeld in unterschiedlicher Ausprägung, Akzentuierung und Intensität und zumeist im Lehrerzimmer weiterhin Diskriminierung erleben, und zwar in allen in der Studie untersuchten Diskriminierungsformen im Kontext Schule. Dazu gehören: Diskriminierung aufgrund phänotypischer Merkmale, aufgrund des ethnischen-kulturellen Hintergrundes, aufgrund von Sprache (Sprachbeherrschung, Akzent), aufgrund von Religionszugehörigkeit (insbesondere islamfeindliche Erfahrungen) sowie strukturelle oder institutionelle Diskriminierung. Dabei ist Diskriminierung aufgrund ethnisch-kultureller Herkunft die am häufigsten vorfindbare Diskriminierungsform. Die Lehrkräfte schildern immer wieder Situationen, in denen sie im Laufe ihrer Schulzeit auf dem Gymnasium oder im Referendariat mit Diskriminierungen, Stereotypisierungen, Vorurteilen, Kulturalisierungen und Exotisierungen aufgrund ihrer ethnisch-kulturellen Hintergründe konfrontiert werden.

Auch im Rahmen der quantitativen Untersuchung wurden Diskriminierungserfahrungen von Lehrenden mit Migrationshintergrund in unterschiedlichen Lebensphasen abgefragt.
Die Ergebnisse des Fragebogens (siehe Tabelle) decken sich mit den Schilderungen der biografischen Interviews dahin gehend, dass in den beiden benannten Phasen der Bildungsbiografie (auf dem Gymnasium und im Referendariat) Diskriminierung offenbar stärker erlebt wird als in den anderen Phasen der Ausbildung. Die Diskriminierungserfahrungen im Referendariat werden häufig mit der Abhängigkeit von Fachseminarleitungen und Schulleitungen sowie den hohen Leistungsanforderungen in Zusammenhang gebracht.

Beispielsweise wird eine Referendarin mit türkischem Migrationshintergrund bereits am ersten Tag ihres Referendariats vom Schulleiter mit der Frage nach der Herkunft ihrer Eltern begrüßt und später gefragt, ob sie »Mohammedaner« sei. Sie bringt folgendes Gefühl zur Sprache: »Ich musste mich immer beweisen. Die haben ihre Wand, die musst du erst mal durchbohren«.

Eine andere Referendarin mit türkischem Hintergrund schildert, dass sich ihr Fachseminarleiter, der gerade einen Döner mit Knoblauchsoße verzehrt hatte, sich mit der Begründung: »Ich setze mich mal neben Frau Gülen, sie ist wohl Knoblauchgeruch gewohnt« neben sie setzt.

Einer Kopftuch tragenden Referendarin wird von einer Lehrerin die Hospitation im Unterricht verwehrt: »In der letzten Woche wollte mich eine Lehrerin nicht mehr bei sich hospitieren lassen, weil sie meinte, ich wäre unterdrückt. In dem Moment habe ich mich eigentlich eher von ihr unterdrückt gefühlt als von sonst jemand«. Wiederum eine andere Referendarin mit deutsch-kamerunischem Hintergrund wird von ihrem Fachseminarleiter mit: »Sie sprechen schon wirkliches Negerfranzösisch« rassistisch diskriminiert.

Diese Beispiele veranschaulichen die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Diskriminierung, denen sich die Lehramtsanwärterinnen aufgrund ihrer sprachlichen, ethnisch-kulturellen und religiösen Hintergründe ausgesetzt sehen.

Vorbild werden

Die Referendarinnen reagieren auf diese Situationen mit Ohnmacht und Sprachlosigkeit, die sie mit ihrer unterlegenen Rolle begründen. Die mehrdimensionale Hierarchie, die als Machtasymmetrie im Schüler-Lehrer-Verhältnis, im Verhältnis Jung-Alt und auf gesellschaftlicher Ebene im Verhältnis Mehrheitsangehörige-Minderheitenangehörige zum Ausdruck kommt, führt bei unfairer Behandlung zu Ohnmachtsgefühlen aufseiten der befragten Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund. Die von Diskriminierung betroffenen Referendarinnen und Referendare mit Migrationshintergrund erfahren kaum institutionelle Unterstützung. Erfahrungen von Diskriminierung können aber auch dazu führen, dass Lehrende mit Migrationshintergrund als sogenannte »change agents« in der Schule agieren. Sie präsentieren sich in den Interviews häufig als kritische Beobachter und Ankläger von Rassismus und betätigen sich als Akteure interkultureller Schulentwicklung.

Das Potenzial von Lehrenden mit Migrationshintergrund, ihr Beitrag zur Gestaltung von inklusiven, Mehrsprachigkeit reflektierenden und interkulturell orientierten Bildungsprozessen und ihre Rolle als Vorbilder für Bildungskarrieren von jungen Migrantinnen und Migranten, scheint zunehmend erkannt zu werden. Aktuelle integrations- und bildungspolitische Maßnahmen haben das Ziel, den Anteil von Lehrenden mit Migrationshintergrund in den nächsten Jahren deutlich zu erhöhen (Zweiter Nationaler Integrationsgipfel der Bundesregierung Juli 2007). Ob sich dieses Ziel erfüllt, hängt in entscheidendem Maße davon ab, dass Institutionen wie Schulen, am Abbau von Diskriminierung von Lehrenden mit Migrationshintergrund mitwirken.


Weitere Informationen erteilt Ihnen gern Nurten Karakas,. E-Mail: karakas@ash-berlin.eu