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Erich Ribolits: Wer bitte ist hier bildungsfern?

blz 11 / 2011

Wer bitte ist hier bildungsfern?

Warum das Offensichtliche zugleich das Falsche ist

von Erich Ribolits, Bildungswissenschaftler

Wer heute schwerwiegende Mängel in den Grundkompetenzen des Lesens, Schreibens, Rechnens sowie der Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien hat, gehört zu den programmierten Verlierern des Arbeitsmarktes. Denn zum einen haben die technologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte den Großteil jener Tätigkeiten zum Verschwinden gebracht, bei denen derartig gehandicapte Personen früher problemlos eingesetzt werden konnten, zum anderen haben die erreichten Produktivitätsfortschritte den Bedarf an menschlicher Arbeitskraft generell verringert. Das dadurch bedingte Überangebot an Arbeitskräften erlaubt Arbeitgebern heute auch schon, bei der Besetzung anspruchsloser beruflicher Positionen wählerisch zu sein. Die Grenzqualifikation für das Ergattern eines Erwerbsarbeitsplatzes steigt auf diese Weise sukzessive an – zunehmend rückt schon der »bloße« Pflichtschulabschluss in die Nähe des Analphabetentums.

Arbeitslosigkeit bei gering Qualifizierten

Der deutsche Soziologe Ulrich Beck beschrieb dieses Phänomen, das zwischenzeitlich allerdings noch deutlich an Dynamik gewonnen hat, schon vor mehr als 20 Jahren in seinem Buch »Risikogesellschaft«: »Im achtzehnten Jahrhundert war es noch selbstverständlich, ohne Kenntnis des Alphabets seinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts wird die Beherrschung des Lesens und Schreibens mehr und mehr zur Einstiegsvoraussetzung in das expandierende industrielle Beschäftigungssystem. Im letz-ten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts reicht schließlich sogar der Hauptschulabschluss allein immer weniger hin, um arbeitsmarktvermittelt die materielle Existenz zu sichern.«

Auch die Statistik spricht hier eine ganz eindeutige Sprache: Von der nachlassenden Fähigkeit des Kapitalismus zur Vernutzung menschlicher Arbeitskraft sind – logischerweise – an erster Stelle diejenigen betroffen, die am Arbeitsmarkt das relativ geringste Verwertungspotenzial einbringen können. Auf der Strecke bleiben die »Verwertungsgehandicapten« – Behinderte, Alte, zum Teil Frauen und in besonderem Maße Personen, die nicht oder nur gering qualifiziert sind. Zwischen der Höhe des Bildungsabschlusses, den jemand nachweisen kann, und seinem statistisch gegebenen Arbeitslosigkeitsrisiko besteht eine enge Korrelation. So waren in Österreich im September 2007 13,3 Prozent jener Personen arbeitslos, die über maximal einen Pflichtschulabschluss verfügen, was bedeutet, dass sich aus dieser Bevölkerungsgruppe nahezu die Hälfte aller Arbeitslosen rekrutiert. Und selbstverständlich sind innerhalb dieser Risikogruppe jene Personen, die nicht einmal das letzte Pflichtschuljahr positiv abgeschlossen haben, noch um ein Vielfaches mehr gefährdet, arbeitslos zu werden. Trotzdem liegt es auf der Hand, dass diese Menschen bloß »Symptomträger« eines gesamtgesellschaftlichen Problems sind. Gelingt es ihnen, sich von ihrem Verwertungshandicap zu befreien, kann das ihre persönliche Situation zwar verbessern, am allgemein stagnierenden Arbeitskräftebedarf ändert sich dabei jedoch gar nichts – es sind dann bloß andere, die wegen irgendeiner Verwertungseinschränkung vom System der Arbeitskraftvernutzung ausgesondert werden.

Bildungsferne und kultureller Nimbus

In diesem Sinn müssen auch die kolportierten Prozentsätze von – funktionalen – Analphabeten in den Industrie-ländern interpretiert werden. Sie ergeben sich nicht in Relation zu einem aus dem kulturellen Status quo abgeleiteten Standard, sie spiegeln bloß die relative »Unbrauchbarkeitsrate« des Arbeitskräfteangebots im Verwertungsprozess wider. Mit dem Begriff »Grundbildungsmangel« wird nicht ein kulturelles, sondern ein arbeitsmarktspezifisches Handicap angesprochen. Schwierigkeiten, einen kom-plexen Text sinnverstehend zu lesen, haben wahrscheinlich wesentlich größere Teile der Bevölkerung als jene, die in der Statistik als funktionale Analphabe-ten ausgewiesen werden. Dennoch gelten derartig um ihre »kulturellen Teil-habemöglichkeiten« geprellte Menschen noch lange nicht als Analphabeten. Mit diesem Etikett werden sie erst gebrandmarkt, wenn sie den aktuellen Verwertungsbedingungen nicht ausreichend entsprechen. Das heißt letztlich, dass der (Arbeits-)Markt definiert, wer Analphabet ist oder was als (Grund-)Bildungsmangel zählt – und somit auch, was überhaupt als Bildung gilt.

Bei den diversen Schulleistungsvergleichsuntersuchungen schneiden häufig solche Heranwachsende schlecht ab, deren Eltern über keinen oder nur über einen sehr niedrigen Schulabschluss verfügen. In diesem Zusammenhang hat der Begriff »Bildungsferne« in den letzten Jahren verstärkt Eingang in die bildungspolitische Diskussion gefunden: Da bildungsferne Eltern das in weiterführenden Bildungsgängen vermittelte Wissen sowie die dort für ein erfolgreiches Bestehen notwendigen Einstellungen selbst nicht besitzen, sei es für sie auch nicht möglich, ihren Kindern das für das »höhere« Bildungssystem nötige Wissen und die dort herrschenden Praktiken und Möglichkeiten zu vermitteln, was dazu führt, dass deren Schulleistungen auf niedrigem Niveau stagnieren. Damit wird die Schuld für die Benachteiligung von Kindern aus niedrigen sozialen Schichten klammheimlich auf deren Eltern abgewälzt und von Übervorteilungsmechanismen in der Gesellschaft und im Bildungssystem abgelenkt. Gleichzeitig transportiert der Begriff »Bildungsferne« auch eine aus der lnteressenslage sozial Benachteilig-ter äußerst problematische Sichtweise von Bildung: Bildung wird gleichgesetzt mit dem Erreichen höherer Schulabschlüsse und dem Nachweis der im Rahmen von Schulleistungsvergleichsuntersuchungen getesteten funktionalen Kompetenzen: Als gebildet gilt, wer den – oftmals mit kulturellem Nimbus verbrämten – Brauchbarkeitsvorgaben des Verwertungssystems entspricht.

»Geschichte ist Mumpitz«

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass der Begriff Bildungsferne so neu gar nicht ist. Er wurde schon vor etwa einem Dreivierteljahrhundert im Roman »Schöne neue Welt« von Aldous Huxley verwendet, wenn auch mit einer weitgehend anderen Sinnzuschreibung. Bei Huxley beschränkt sich Bildung auf einen pragmatischen, eindimensional aus den Erfordernissen des Funktionierens innerhalb der gegebenen Gesellschaft abgeleiteten Wissenserwerb. Bildung im Sinne einer bewussten Ausein-andersetzung mit Überliefertem (Geschichte, Kultur) wird systematisch unterdrückt. Konsequenterweise lautet einer der Leitsätze der »Weltregierung«. der »Schönen Neuen Welt« auch: »Geschichte ist Mumpitz« – übrigens ein bekannter Ausspruch von Henry Ford, der in Huxleys Roman nicht zufällig als allgemein verehrter godfather fungiert.
Der Begriff Bildungsferne bei Huxley korreliert somit stark mit dem, was Theo-dor W. Adorno viele Jahre später mit dem Begriff »Halbbildung» umschrieben hat. Diese äußert sich nach Adorno nicht in irgendwelchen gravierenden Wissensmängeln, sondern darin, dass jemand, der möglicherweise sogar sehr viel gelernt hat, sein Wissen – im Gegensatz zu jemandem, auf den die Bezeichnung Bildung zurecht angewandt wird – bloß in verdinglichter, domestizierter Form gebraucht. Es dient ihm nicht dafür, das »gute Leben« anzustreben, sondern stellt nur ein Überlebensmittel im Rahmen vorgegebener Verhältnisse dar. Indem Wissen bloß strategisch eingesetzt und nicht in Relation zu einem selbst erkannten Sinn gesetzt wird, ist der Mensch diesem ausgeliefert. Als Prozess der Aneignung von Kultur darf sich in Adornos Sinne dann auch Bildung nur solange als solche bezeichnen, als sie den Doppelcharakter von Widerstand und Anpassung aufrechterhält.

Würde man Bildung derart als die Befähigung fassen, sich gegenüber den aus den aktuellen Machtverhältnissen resultierenden Systemzwängen der Gesellschaft behaupten zu können, bekäme auch der Begriff »Bildungsferne« eine völlig andere Konnotation. Denn sich gegen die totalitäre Ausrichtung des Lebens an einer möglichst erfolgreichen Performance in Arbeit und Konsum zu stellen, würde implizieren, die Natur nicht bloß als Ausbeutungsobjekt und Mitmenschen nicht nur als Konkurrenten wahrzunehmen.

Bildungsferne als Massenphänomen

Menschen, die in einem derartigen Sinn gebildet wären, würden es nicht zulassen, dass die Zahl der Ausgesonderten und Überflüssigen in der Gesellschaft immer mehr anwächst und die soziale Kluft zwischen den in beispiellosem Euphemismus zu Gewinnern und Verlierern Schöngeredeten immer größer wird und dabei immer mehr Menschen um jene Lebensmöglichkeiten betrogen werden, die aufgrund des aktuellen Standes der Produktivkraftentwicklung möglich wären. Dann dürften aber auch nicht jene als »bildungsfern« bezeichnet werden, die aufgrund eines niedrigen Schulabschlusses oder unzureichender Grundbildung nur eingeschränkt verwertbar sind. Tatsächlich würde offensichtlich, dass Bildungsferne ein Massenphänomen ist, das einen bestimmenden Faktor der gegenwärtigen Gesellschaftsformation darstellt und von dieser systematisch produziert wird. Wenn Kultur in der oben angedeuteten Form als eine Gestaltung der Welt nach humanen Gesichtspunkten gesehen und der Zusammenhang von Kultur und Bildung im Sinne von zwei Seiten ein- und derselben Medaille ernst genommen wird, dann ist Bildungsferne nämlich nichts anderes als Ausdruck kultureller Verarmung, die sich darin zeigt, dass soziale Ausgrenzung und Inhumanität in einer Gesellschaft stillschweigend hingenommen werden.

Weniger Arbeit für alle

Solche Verhältnisse zu überwinden und Bedingungen zu schaffen, in denen sich Produktivitätsgewinne in Form erweiterter Lebensmöglichkeiten und weniger Arbeit für alle niederschlagen, bedarf es gebildeter Menschen. Solcher nämlich, die ein Bewusstsein über die wirklichen Verhältnisse der Gesellschaft erworben haben und sich – aufgrund ihres unverstellten Konnex zu ihren Lebensbedürfnissen – mit den Surrogaten des Kapitalismus im Tausch für reale Lebendigkeit nicht zufriedengeben. Und dazu bedarf es einer Überwindung der tatsächlichen gesellschaftlich geförder-ten Bildungsferne, indem – wie es Hartmut von Hentig ausdrückt – Menschen durch »Belebung und authentische Erfahrungen Selbstfindung und Selbstbestimmung gegenüber dem Systemcharakter der Gesellschaft ermöglicht« werden. 

Prof. Dr. Erich Ribolits ist Bildungswissenschaftler und Privatdozent an mehreren österreichischen Universitäten, Forschungsschwerpunkt: Verhältnis von Arbeit, Bildung und Gesellschaft. Letzte Buchveröffentlichung: »Bildung ohne Wert. Wider die Humankapitalisierung des Menschen«. Der Artikel erschien zuerst in der Zeitung der hessischen GEW, Nr. 9/10 2011.