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Bernhard Eibeck: ErzieherIn - ein Beruf mit Zukunft

blz 06 / 2011

ErzieherIn – ein Beruf mit Zukunft

Der Personalbedarf ist größer als das Angebot an ErzieherInnen

von Bernhard Eibeck, Referent für Jugendhilfe und Sozialarbeit beim GEW-Hauptvorstand

Mit einer bundesweiten Initiative »Profis für die Kita« beteiligt sich die GEW gemeinsam mit den am »Runden Tisch« engagierten Gewerkschaften und Berufsverbänden an einer Werbekampagne für den Erzieherberuf.

Eine heikle Aufgabe, hat die GEW doch erst kürzlich mit der Veröffentlichung einer von ihr in Auftrag gegebenen Studie die schlechten Arbeitsbedingungen in Kindertagesstätten angeprangert.

Dennoch: Wenn der qualitative Standard in den Einrichtungen gehalten und der Ausbau an Plätzen für unter dreijährige Kinder weitergehen soll, brauchen wir mehr Erzieherinnen und Erzieher. So stellt sich der Beruf der Erzieherin in doppeltem Sinne als Mangelberuf dar: mit erheblichen Mängeln und zu wenig Nachwuchs, insgesamt aber ein Traumjob mit Zukunftspotenzial.

Bundesweit braucht es mehr Fachkräfte

Der Ausbau der Plätze für unter dreijährige Kinder in Kindertagesstätten hat einen erheblichen Fachkräftebedarf ausgelöst. Damit einher geht eine Debatte darüber, wie auf einem Arbeitsmarkt, in dem besonders attraktive Branchen um den besten Nachwuchs werben, die Qualität der Profession gesichert werden kann.

Alle Beteiligten – Politik, Träger, Eltern, Berufsverbände – sind sich darin einig, dass an der erreichten Qualität der pädagogischen Angebote keine Abstriche gemacht werden dürfen. Im Gegenteil: Es muss alles unternommen werden, das Fachkraftniveau durch Ausbildung, Studium und Weiterbildung weiter zu steigern. Die Personalakquise führt in regional unterschiedlicher Ausprägung zu Problemen auf dem Arbeitsmarkt.

Dabei sind verschiedene Problemkonstellationen festzustellen: Im Osten gibt es – bei höherem Durchschnittsalter der beschäftigten ErzieherInnen – einen hohen Ersatzbedarf für aus dem Dienst Ausscheidende. In einigen Regionen steigen die Geburtenzahlen wieder an und lösen neuen Bedarf aus. Zugleich gibt es kaum Nachwuchs, weil die Kapazitäten der Fachschulen bei Weitem nicht ausreichen.

Im Westen gibt es hohen Bedarf an neuen Plätzen für unter dreijährige Kinder. Ebenso gibt es eine steigende Nachfrage nach Ganztagsplätzen und nach ErzieherInnen in Grundschulen. Außerdem entsteht zusätzlicher Personalbedarf durch, wenn auch geringe, Verbesserungen beim Personalschlüssel.

Insgesamt werden bundesweit in den nächsten fünf Jahren mehr als 120.000 neue Erzieherinnen und Erzieher gesucht. Es ist zu befürchten, dass bis zu 40.000 Stellen unbesetzt bleiben, weil es nicht genügend Nachwuchs gibt.

Ausbildung an Hochschulen

Die Ausbildungslandschaft ist im Umbruch. Gab es früher eine Dominanz der Fachschulen und der Berufsfachschulen, so sind in den letzten Jahren rund 70 Studiengänge entstanden, die man unter dem Begriff »Kindheitspädagogik« zusammenfassen kann. Damit wird auf die Forderung reagiert, den Erzieherberuf und das Arbeitsfeld Kindertagesstätten stärker zu akademisieren.

Auf der anderen Seite gibt es Bemühungen, gering Qualifizierte und Personen mit schlechten Schulabschlüssen aus der Arbeitslosigkeit heraus in das Arbeitsfeld zu führen. Die GEW warnt davor, die Qualitätsstandards der Erzieherausbildung aufzuweichen, um so auf die Schnelle Personal zu gewinnen.

Bei zurückgehenden Schülerzahlen, die die allgemeinbildenden Schulen verlassen, wird der Wettbewerb um »gute SchülerInnen« schärfer. Das Image, die gesellschaftliche Wertschätzung und die Attraktivität des Berufs »ErzieherIn« müssen aufgewertet werden.

Eine besondere Herausforderung ist die hohe Zahl von Kindern mit Migrationshintergrund. Bundesweit – und in einigen Regionen besonders stark – steigt ihr Anteil. Bei den unter Dreijährigen lag er im Jahr 2010 bei 16 Prozent (West: 21 Prozent, Ost: 3,4 Prozent), bei 3- bis 6-jährigen Kindern bei 27 Prozent (West: 31 Prozent, Ost: 6 Prozent). Den höchsten Anteil haben 3- bis 6-jährige Migrantenkinder in Offenbach mit 70,7 Prozent.

Danach folgt Heilbronn mit 63,2 Prozent vor Frankfurt am Main mit 62,2. In den Stadtstaaten führt Bremen mit einem Anteil von 44 Prozent, gefolgt von Hamburg mit 40 und Berlin mit 37 Prozent. Demgegenüber liegt der Anteil der ErzieherInnen mit Migrationshintergrund in Berlin bei 3,6 Prozent.

Die kulturelle und ethnische Vielfalt muss sich auch in der Zusammensetzung des pädagogischen Personals widerspiegeln. Dazu muss man gezielt auf SchulabgängerInnen mit Migrationshintergrund zugehen und sie für den Beruf werben.

Eine in gleicher Weise in Kindertagesstätten unterrepräsentierte Gruppe sind Männer. Sie sind nach wie vor eine Minderheit. In Berlin hat man zwar eine doppelt so hohe Quote wie im Bundesdurchschnitt, es gibt aber dennoch gerade mal 9,4 Prozent männliche Erzieher.

Ernüchternde Realität

Für einen Beruf kann man nur dann überzeugend werben, wenn man ihn mit all seinen Facetten, mit Licht und Schatten darstellt und die Probleme klar benennt. Von einem attraktiven Beruf, für den man nur genug werben muss, um den enormen Arbeitskräftebedarf zu decken, kann keine Rede sein.

Der Nachwuchs findet überwiegend nur noch zeitlich befristete Stellen, mit der weitverbreiteten Teilzeitbeschäftigung landet man auf Hartz-IV-Niveau und mit 54 Jahren ist man so ausgepowert, dass man frühzeitig in Rente geht. Und das mit einer Rente, die häufig Altersarmut bedeutet.

Dies ist das Ergebnis einer von der Max-Träger-Stiftung der GEW in Auftrag gegebenen Studie zur beruflichen, familiären und ökonomischen Situation von Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen.

Mit Burnout in die Rente und dann ein Leben in Armut

Dr. Kirsten Fuchs-Rechlin von der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik an der Technischen Universität Dortmund hat die aktuellen Daten des Mikrozensus 2008 ausgewertet und in einem 60-seitigen Bericht zusammengefasst.

Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen gehen insgesamt im Durchschnitt mit 59 Jahren in den Ruhestand. Ein Viertel davon gibt als Grund für den vorzeitigen Ruhestand gesundheitliche Gründe an. Diejenigen, die wegen Krankheit den Beruf aufgeben, gehen bereits mit 54 Jahren in Rente.

Nach einer Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) vom April 2011 liegen Erzieherinnen unter den zehn Berufen mit dem höchsten Burnout-Risiko an siebenter Stelle. Auf 1.000 AOK-Versicherte kommen 149 Krankheitstage, eine Erzieherin ist also im Durchschnitt 15 Tage im Jahr wegen Burnout arbeitsunfähig.

Eine Erzieherin, die seit dem 21. Lebensjahr bis zum 59. Lebensjahr ununterbrochen Vollzeit gearbeitet hat, kommt bei einem Bruttoeinkommen von 2.500 Euro auf eine Monatsrente in Höhe von rund 876 Euro.

Dass eine Erzieherin das Renteneintrittsalter von 67 Jahren erreicht, ist angesichts der Belastungen in diesem Beruf aber nicht zu erwarten. Somit werden alle Beschäftigten in Kindertagesstätten mit erheblichen Rentenabschlägen rechnen müssen.

Kein Auskommen mit dem Einkommen

Das Nettoeinkommen von Erzieherinnen liegt 224 Euro unter dem Durchschnitt aller Erwerbstätigen. Bei den Kinderpflegerinnen beträgt der Abstand 392 Euro.

Von den Beschäftigten mit frühpädagogischer Ausbildung schaffen es knapp 90 Prozent, mit dem Verdienst ihren Lebensunterhalt zu sichern. Erzieherinnen liegen mit 92 Prozent etwas darüber, Kinderpflegerinnen jedoch erheblich unter dieser Quote.

Nur 71 Prozent der in diesem Beruf Beschäftigten verdienen so viel, dass sie damit ihren Lebensunterhalt decken können. Acht Prozent der Kinderpflegerinnen erhalten zusätzlich zu ihrem geringen Verdienst Transfergeldleistungen nach Hartz IV.

Viele Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen, die nur eine Teilzeitbeschäftigung haben, erzielen ein so geringes Einkommen, dass sie ihren Lebensunterhalt damit nicht bestreiten können. Nur 65 Prozent derer, die we-niger als 21 Stunden arbeiten, reicht das Einkommen zur Existenzsicherung.

Bei denjenigen, die bis zu 34 Stunden arbeiten, sind es 82 Prozent. Besonders betroffen sind alleinerziehende Erzieherinnen. Insbesondere Kinderpflegerinnen haben ein hohes Armutsrisiko.

Bei einem Einpersonen-Haushalt gilt als armutsgefährdet, wer weniger als 786 Euro im Monat verdient. 12 Prozent der Kinderpflegerinnen sind armutsgefährdet.

Bei den BerufsanfängerInnen sind es 18 Prozent, also hat fast jede fünfte frühpädagogische Fachkraft zu Beginn ihres Berufslebens ein Nettoeinkommen von unter 786 Euro.
Pädagogik befristet und in Teilzeit.

Ein das Arbeitsfeld seit Langem prägendes Strukturmerkmal ist die hohe Teilzeitbeschäftigung. Die Hälfte der Erzieherinnen und nur 30 Prozent der Kinderpflegerinnen haben eine Vollzeitstelle.

Im Westen geht die Vollzeitquote bei beiden Berufsgruppen kontinuierlich zurück: von 65 Prozent in den 1990er-Jahren über 56 Prozent im Jahr 2000 auf 50 Prozent im Jahr 2008. Im Osten liegt die Zahl der Vollzeitstellen weit darunter, erholt sich aber langsam.

So ist dort die Vollzeitquote von 37 Prozent im Jahr 2000 auf 44 Prozent im Jahr 2008 gestiegen. Die wenigen Männer, die in diesem Arbeitsfeld tätig sind, haben zu 62 Prozent eine Vollzeitstelle.

Zu den Strukturmerkmalen von Arbeitsverhältnissen gehört auch die Sicherheit des Arbeitsverhältnisses. Hier gibt es einen neuen Befund: Zwar haben 85 Prozent der Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen eine zeitlich unbefristete Stelle, von den unter 25-jährigen Fachkräften aber nur 49 Prozent. Auffällig ist auch, dass die Befristungsquote bei FrühpädagogInnen mit Migrationshintergrund um zehn Prozentpunkte höher liegt als bei Personen ohne Migrationshintergrund (24 Prozent gegenüber 14 Prozent).

Die Quote der befristeten Beschäftigungsverhältnisse bei FrühpädagogInnen ist damit doppelt so hoch wie im Durchschnitt aller Berufe. Unter diesen Umständen, so zeigen regionale Studien, verlassen viele junge Fachkräfte das Arbeitsfeld Kindertagesstätte nach kurzer Zeit wieder, weil sie in anderen Tätigkeitsbereichen eine höhere Arbeitsplatzsicherheit finden.

Berlin: 5.200 Neueinstellungen bis 2015 nötig

Die Zahl der Plätze für unter dreijährige Kinder in Kindertagesstätten und Tagespflege ist seit dem Jahr 2006 um 7.500 gestiegen. Die jetzt erreichten 39.908 Plätze entsprechen damit der Quote von 42 Prozent, die die Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendhilfestatistik, die gemeinsam mit dem Deutschen Jugendinstitut und dem Statistischen Bundesamt die Entwicklung beobachtet, als bundesweit bedarfsdeckende Quote errechnet hat.

Für Berlin rechnet die Fachstelle allerdings mit einer Nachfragequote von 55 Prozent. Diese Steigerung der Quote von 42 auf 55 Prozent wird einen zusätzlichen Personalbedarf von 2.600 Vollzeitstellen auslösen.

In den nächsten fünf Jahren werden in Berlin rund 2.600 Personen aus dem Dienst ausscheiden. Somit ergibt sich aus den beiden Faktoren Ausbau »U 3« und »Ersatz für vorhandenes Personal« ein Einstellungsbedarf von mehr als 5.200 Fachkräften.

Die Verbesserung des Personalschlüssels, der Vor- und Nachbereitungszeit und der Freistellung der Leitungen wird weiteren, hier noch nicht berechneten Personalbedarf nach sich ziehen. Hinzu kommt die weiter steigende Nachfrage nach ErzieherInnen an Grundschulen. 


VIER FORDERUNGEN DER GEW

Die GEW hat ein Vier-Punkte-Programm vorgeschlagen, um die Situation der Fachkräfte zu verbessern und den Bereich der sozialpädagogischen Berufe aufzuwerten.

  1. Unbefristete Vollzeitstellen, insbesondere für Berufsanfänger. Diese sind mit zusätzlichen Finanzzuweisungen der Länder an die Kommunen und Kitaträger abzusichern.
  2.  Eine Ausbildung, die den Beruf der Erzieherin auch für Abiturienten attraktiv macht. Dazu ist der weitere Ausbau grundständiger Studienangebote an den Hochschulen für Soziale Arbeit notwendig.
  3. Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Verminderung der Krankheitsquote und Erhöhung der Verbleibsdauer im Beruf, insbesondere durch Anrechnung eines Drittels der Arbeitszeit für Vor- und Nachbereitung sowie ein Personalschlüssel für Gruppen mit Kindern, die jünger als drei Jahre sind, von 1:4 und bei den drei- bis sechsjährigen von 1:10.
  4. Anhebung der Bezahlung, damit jede Erzieherin und jeder Erzieher von dem Gehalt leben kann.

Materialien zur Berufsinformation
Die GEW hat gemeinsam mit dem »Runden Tisch Gewerkschaften und Berufsverbände« im Februar 2011 mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) eine Reihe von Broschüren, Flyern und Plakaten herausgegeben, mit denen vor allem in den Abgangsklassen der Schulen und in der Berufsorientierung über den Beruf informiert werden kann. Die Materialien können – gerne auch für die ganze Klasse – kostenlos bestellt werden unter:
http://www.gew.de/kita/profis-fuer-die-kita/