GEW - Berlin
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Position der GEW BERLIN zur Berufsausbildungsvorbereitung für Jugendliche „mit besonderem Förderungsbedarf“

26.05.2005

Beschluss der Frühjahrs-LDV 2005

Letzte Aktualisierung: 28.05.2005

Eckpunkte und Forderungen der GEW

Die GEW Berlin hält es für dringend geboten, dass die derzeitigen Regelungen ab sofort nach fachlich-pädagogischen Kriterien evaluiert und nach einer entsprechenden Auswertung modifiziert werden. In diese Evaluierung sollten auch die anderen Instrumente der Benachteiligtenförderung - außerbetriebliche Ausbildungen, berufsqualifizierende Lehrgänge im 11. Schuljahr, die einjährige Berufsfachschule, ausbildungsbegleitende Hilfen (AbH) - einbezogen werden; das Gesamtergebnis sollte in ein alle bisherigen Maßnahmen umfassendes und zwischen den einzelnen Akteuren abgestimmtes Konzept für die berufliche Integration von benachteiligten jungen Menschen einfließen.

Im folgenden werden Eckpunkte zur Weiterentwicklung und notwendigen Modifikation der beiden aktuellen Neuregelungen - im Berufsbildungsreformgesetz und im Fachkonzept der Bundesagentur für Arbeit - genannt:

  1. Grundsätzlich fordert die GEW Berlin, dass Jugendliche, die auf Grund des Ausbildungsstellenmangels nicht in eine Ausbildungsstelle einmünden können, nicht mit berufsvorbereitenden Maßnahmen "versorgt", sondern dass für sie vollqualifizierende Ausbildungsgänge (vollzeitschulisch mit Praxisanteilen, an außerbetrieblichen Einrichtungen, Verbundmodelle etc.) als gleichwertige Ergänzungen der dual-betrieblichen Lehrstellen bereit gestellt werden. Das Berufsbildungsreformgesetz sowie die Förderpolitik der Länder, der Bundesagentur für Arbeit und des Bundes sind entsprechend zu modifizieren. Das mit dem Ausbildungspakt neu eingeführte Instrument der Einstiegsqualifizierung lehnen wir ab, weil damit keine zusätzlichen Ausbildungsstellen geschaffen und die notwendigen grundsätzlichen Reformen (auch der Finanzierung) verhindert werden. Solange sie existieren, sind sie nach den Vorgaben der §§ 68 ff. Berufsbildungsreformgesetz (Qualifizierungsbausteine/QBS) zu strukturieren.
  2. Auf der Grundlage umfassenden profilings sind entsprechende Förderpläne zu erarbeiten und es ist festzustellen, welche Berufsausbildungsvorbereitung (Fachkonzept der Bundesagentur für Arbeit) und Qualifizierungsbausteine für den jeweiligen Jugendlichen angebracht sind. Dabei ist von den Kompetenzen (den Stärken) der Jugendlichen auszugehen und jede Segmentierung in Kategorien wie ausbildungsfähig/nicht ausbildungsfähig zu vermeiden, die leicht zur Ausgrenzung vermeintlich Nicht-Vermittelbarer und zur Steuerung bzw. Reduzierung von Bewerberzahlen instrumentalisiert wird und zur womöglich lebenslangen Stigmatisierung führen kann.
  3. Da die Praxis, wonach in die BAV auch Marktbenachteiligte aufgenommen werden, wahrscheinlich fortgesetzt wird, muss die Zielsetzung der QBS je nach Adressatengruppe differenziert werden, wobei eine wirklich trennscharfe Abgrenzung angesichts komplexer Vorgeschichten und Kompetenzprofile der einzelnen Jugendlichen in der Praxis nicht immer möglich sein wird:
    Für originär Benachteiligte sollen sie vor allem die Ausbildungsfähigkeit fördernde Kompetenzen, für sog. Marktbenachteiligte eher der Ausbildung entnommene Bausteine vermitteln, die ggf. auf diese anzurechnen sind, also zu einer Verkürzung der Ausbildung führen. Damit die Jugendlichen den Anspruch auf Anrechnung auch faktisch einlösen können, muss er im Berufsbildungsreformgesetz verankert werden.
  4. Eine bundesweit einheitliche Gestaltung der QBS ist nicht sinnvoll, da sie den unterschiedlichen regionalen Bedingungen und der Heterogenität der Zielgruppen nicht gerecht würde. Erforderlich ist aber die Verständigung auf bundesweit verbindliche Standards für zeitlichen Umfang, Zielsetzung und didaktische Strukturierung der QBS.
  5. Den praktisch-organisatorischen Problemen beim Besuch der Berufsschule ist mit flexiblen Lösungen einschließlich der Bereitstellung der notwendigen Ressourcen zu begegnen. Außerdem sollten die berufsbildenden Schulen selbst unter Berücksichtigung der lokalen Bedingungen QBS vorhalten.
    Als Lernorte für die BAV und QBS sind daher gleichberechtigt Betriebe, Bildungsträger und Berufsschulen vorzusehen. QBS an Berufsschulen und Bildungsträgern sollten mit betriebspraktischen Phasen ergänzt werden.
  6. Die Funktionen von QBS und BAV nach Berufsbildungsreformgesetz einerseits und nach Landesrecht andererseits sind neu zu bestimmen und aufeinander abzustimmen; das mehrfache Durchlaufen von Maßnahmen ohne Abstimmung und Sicherung eines sinnvollen Anschlusses ist zu vermeiden. Eine grundsätzliche Klärung des Verhältnisses der beiden Systeme der BAV ist aus pädagogischen, bildungspolitischen, aber auch volkswirtschaftlichen Gründen überfällig.
  7. Die Modalitäten und Rahmenbedingungen des Neuen Fachkonzeptes der Bundesagentur für Arbeit sind im Sinne der Zielsetzung der "Entwicklungsinitiative: Neue Förderstruktur" zu verbessern.
    Der Ansatz und die bildungspolitisch-pädagogische Intention des Fachkonzepts ist als förderrechtliches Äquivalent der QBS nach BBiG diesen anzupassen. Zu fordern sind im einzelnen:
  • Vorrang der Vermittlung in Ausbildung (vor der in eine Arbeitsstelle) und entsprechende Ausschreibung der Leistungen. Der Erfolg bzw. die Integrationsleistung der BAV darf nicht allein an der kurzfristigen Vermittlung und Entlastung der Arbeitslosenstatistik, sondern an am einzelnen Individuum orientierten Kriterien für eine längerfristige soziale und berufliche Integration gemessen werden.
  • Die dezentrale Ausschreibung von Losen, d.h. die Berücksichtigung lokaler Bedingungen und ortnaher, für Qualität stehender Bildungsträger bei der Vergabe der Maßnahmen. Statt der Förderung von Billiganbietern muss die pädagogische Qualität einschließlich bestimmter Standards für den Status des Personals, die auch in der Leistungsbeschreibung bzw. Qualitätskatalogen festzuschreiben sind, vorrangiges Vergabekriterium sein.
  • Statt der zentralen Festlegung flexible Gestaltung des Schlüssels für die Gewichtung der Wertungsbereiche der Leistungsbeschreibung. Dabei sind regionale Besonderheiten und die Erfordernisse der unterschiedlichen Zielgruppen zu berücksichtigen.
  • Verbesserung des Personalschlüssels, ausreichende Qualifizierung des beteiligten Personals (Berufsberater, Lehrkräfte, sozialpädagogische Fachkräfte und Bildungsbegleiter). Die Bildungsbegleiter müssen ihre Unterstützung der Jugendlichen bei Bedarf nach der Beendigung der Maßnahme, also auch während der Ausbildung, fortsetzen können.
  • Flexiblere zeitliche Gestaltung der einzelnen Fördersequenzen, insbesondere die Möglichkeit des Überschreitens der Unterjährigkeit.
  • Verbindliche Festlegung der lokalen Kooperation der Bildungsträger, sodass das gesamte Spektrum der lokalen Angebote für den einzelnen Jugendlichen im Sinne flexibler Übergänge zur Verfügung stehen kann.
  • Gleichzeitig fordert die GEW BERLIN für Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarfeine in sich geschlossene Konzeption zur Eingliederung in die Arbeitswelt, auch diese Jugendlichen haben ein Recht auf gesellschaftliche Teilhabe.