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TendenzenAuf der Flucht

Lutz van Dijks neuester Roman »Kampala – Hamburg« erzählt in einer Mischung aus wahren Begebenheiten und fiktionalen Elementen die Geschichte des 16-jährigen schwulen Davids aus Kampala in Uganda und seiner Internetbekanntschaft David aus Hamburg.

01.11.2021 - von Alexander Lotz und Albrecht Barthel

Können sich Menschen selbstbestimmt ineinander verlieben, ohne dafür bestraft zu werden? Diese Frage ließe sich im Jahr 2021 in Deutschland nahezu selbstverständlich mit »Ja« beantworten. Warum kann dann die Lektüre eines Jugendromans, der sich mit vermeintlich verbotener Liebe beschäftigt, eine Bereicherung für den Deutschunterricht darstellen?

Hamburg und Kampala, die Hauptstadt Ugandas, sind die beiden äußeren Enden des Fluchtfadens, der zwei Jugendliche mit Namen David durch eine Internetbekanntschaft zusammenbringt. Die beiden Davids, deren Leben von den gleichen Sehnsüchten vieler Jugendlicher geprägt ist, unterscheiden sich dennoch stark in der Art, wie sie ihr – queeres – Leben gestalten können. Während in Hamburg zwar auch safe spaces, also sichere Orte, nötig sind, um selbstbestimmt leben zu können, wird durch Davids Leben in Kampala sichtbar, dass er dort als junger schwuler Mann extrem gefährdet ist, weshalb er sich zur Flucht nach Europa entscheidet. Ob diese Flucht über viele Zwischenstationen gelingen kann, entscheidet sich immer wieder neu und ist von Rückschlägen geprägt. Die Verbindung zwischen David und David wird dabei mit Unterbrechungen durch eine Dating-Plattform gehalten. Das Buch nimmt die Leser*innen mit auf die Selbstfindung zweier junger Menschen und lässt sie teilhaben an deren Sorgen und Wünschen.

Jugendbücher, die queere Themen behandeln, sind nach wie vor dünn gesät. Da jedoch Themen wie Selbstfindung und Lebensweltbezug im 9. Jahrgang im Deutschunterricht beim Lesen einer Ganzschrift genannt werden, bietet sich dieses Buch als Lektüre sowohl dort, als auch in anderen Fächern gut an, sind doch diese Themen nicht auf Menschen mit queerer Geschichte beschränkt. Zudem ist es verständlich geschrieben und mit einem Anmerkungsapparat im Anhang versehen, der aufkommende Fragen nachvollziehbar beantwortet.

Der herausgebende Querverlag stellt Lehrkräften eine umfangreiche Handreichung mit vielfältigen Unterrichtsanregungen für die Sekundarstufe I und II kostenlos zum Download bereit. Die Materialien werden der Diversität der Themen – neben Armut als Grund für Migration steht auch der der geschlechtlichen Identität – immer wieder gerecht. Dadurch, dass der Roman nicht nur chronologisch abgearbeitet wird, sondern thematisch vielfältige Anknüpfungspunkte bietet, schafft er Identifikationsangebote und Anlässe zur Reflexion. Lehrkräfte, für die LSBTIQ* noch ein unklares Akronym ist, finden durch diese Hilfestellungen schnell einen Zugang, ohne vorher viel recherchieren zu müssen. Bei den Materialien wird zudem der Fokus auch auf die Frauen gelenkt, die von entscheidender Bedeutung für das Leben der Protagonisten sind.

Selbst wenn dieses Buch in erster Linie im Deutschunterricht gelesen werden dürfte, bieten sich doch immer wieder Überschneidungen mit Politik, Ethik, Geschichte oder Erdkunde an. Eine szenische Umsetzung ist ebenso vorstellbar wie eine Diskussionsveranstaltung zum Thema »Menschenrechte«.

Lutz van Dijks Roman »Kampala – Hamburg« wurde 2020 veröffentlicht und 2021 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Seine Lektüre im Deutschunterricht kann insbesondere Kompetenzen im Bereich der Debatte und des Perspektivwechsels fördern. Darüber hinaus bietet sie Anknüpfungspunkte für fächerübergreifenden Unterricht und stellt eine Möglichkeit dar, die Vorgaben des neuen Orientierungs- und Handlungsrahmens für Sexualerziehung/Bildung zu sexueller Selbstbestimmung umzusetzen (siehe Seite 38-39).      

Die Handreichung mit Unterrichtsanregungen findet ihr unter: www.querverlag.de/kampala-hamburg

Queer ist ein Sammelbegriff für Menschen, deren geschlechtliche Identität nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde oder deren sexuelle Orientierung nicht hetero-sexuell ist. Häufig wird queer als Überbegriff für Lesben, Schwule, Bisexuelle sowie trans* und inter* Menschen verwendet.

LSBTIQ*: Lesbisch-Schwul-Bi-Trans-Inter-Queer