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SenioRita

Bergwandern und Kultur

Die Jungen Alten suchen neue Herausforderungen in Bayern.

Foto: privat

Eine Bergwanderung mit Gewerkschaftsmitgliedern, das ist doch was! Und der September ist perfekt für solch eine Unternehmung. Vom 12. bis zum 19. September 2021 wollten wir unterwegs sein. Acht Menschen packten ihre Rucksäcke, schwerer als 8 kg sollten sie nicht sein. Jedes Stück wurde gewogen. Reiner Brettel, Urgestein der GEW, Junger Alter, Schauspieler, Musiker, Initiator von Wanderungen und Museumsbesuchen in Berlin, 82 Jahre, hatte für uns diesen Aufenthalt langfristig vorbereitet. Wenn er nicht »über alle Berge« sei, wolle er uns in die Kunst der entspannteren Bewältigung eines felsigen Untergrunds einweisen.

Nach Oberbayern wegen der Kultur

Wassily Kandinsky und Gabriele Münter kamen im Sommer 1908 gemeinsam mit anderen Künstlern nach Murnau. Angeregt von der großflächigen, im Süden von der Alpensilhouette gerahmten Landschaft mit ihren klaren Farben, dem intensiven Licht und dem darin ruhenden Ort, fanden sie zu einer neuen expressiven Malerei. Hier entstanden zahlreiche Landschafts- und Ortsansichten, Portraits und Stillleben, die nicht mehr dem Naturvorbild folgten, sondern subjektive Eindrücke erfassten und die vorangegangene impressionistische Malweise hinter sich ließen. In den zahlreichen Museen dieser Gegend werden Werke von Kandinsky, Marc, Münter, Campendonk, August und Helmuth Macke präsentiert.

Die erste Begegnung mit diesen Kunstwerken fand nach entspannter Bahnfahrt im Museum von Penzberg statt, einer ehemaligen Bergarbeiterstadt. Erstaunlich, was dieser kleine Ort alles bietet:

Die weltweit größte Sammlung der Werke von Heinrich Campendonk, Werke von Gabriele Münter –, darunter auch beeindruckende Hinterglasmalerei, eine alte Volkskunst, die von den Expressionisten neu interpretiert wurde.

Außerdem kann man eine Bergarbeiterwohnung ansehen, bestehend aus Stube und Küche, in der bis zu 12 Personen lebten.

Für uns besonders beeindruckend war die Ausstellung über die Mordnacht von Penzberg am 28. April 1945, in der 16 Einwohner und Einwohnerinnen von schon besiegt geglaubten Nazis grausam ermordet worden waren. Kirsten Boies Jugendbuch »Dunkelnacht« erzählt davon aus der Sicht von drei Jugendlichen.

Die erste Nacht verbrachten wir im Ort Lenggries in einem Jugendgästehaus, dessen Betreiber nach 18-monatiger Kommunikationsabstinenz zu diversen interessanten pädagogischen Inhalten Diskussionsbedarf hatte.

Am nächsten Morgen besuchten wir die Solidarische Landwirtschaft (Solawi) im Ort, sachkundig geführt durch Reiner Brettels Tochter Claudia. Der Hof erinnert an Bilderbücher »Leben auf dem Land«. Die 425 Genossenschafter*innen haben mit ihren Anteilen eine Fläche von rund 4,3 Hektar erworben und erhalten mit ihrem monatlichen Beitrag jede Woche eine Gemüsekiste. Auf dem Gelände des Projektes arbeiten drei Gärtnerinnen und eine Azubi. Ein Geschäftsführer mit ökonomischen und kommunikationswissenschaftlichen Fachkenntnissen organisiert mit seiner vollen Stelle den Betrieb und bindet die GenossenschafterInnen regelmäßig ein. Die anderen Mitarbeitenden arbeiten, um die Arbeitsfreude zu erhalten, mit halber Stelle. Rituale wie Gemeinschaftsgärtnern, Besprechungen und Kinderfeste fördern die Bindung und das Interesse der Genossenschafter*innen an das Projekt.

Von nun an ging es bergauf

Danach kam der »Weg zum Einlaufen«: Durch einen Wald bergauf, aber obwohl sich die Bäume lichteten und man den Sonnenschein immerhin erahnen konnte, hatten wir keineswegs unser Ziel erreicht. Doch immerhin kamen wir an Berggasthaus, mussten uns dann aber sputen, denn wir hatten im Ort einen Termin in einem Restaurant gebucht. Das lag allerdings auf dem Berg jenseits des Ortszentrums. Danach waren wir ziemlich eingelaufen!

Der dritte Tag präsentierte sich erneut mit blauem Himmel und Sonnenschein. Die Seilbahn brachte uns auf das Brauneck und wir stiegen zum Rotöhrlsattel auf und von dort zur Tutzinger Hütte ab. Der Weg erforderte volle Konzentration, denn es ging über Felsstufen auf- und abwärts, teilweise über feuchten Stein. Unsere Hütte erreichten wir nach vielstündiger Wanderung und konnten dann beim Abendessen entspannen und den Tag besprechen. Danach ging es dann ins Achtbettzimmer! Trotzdem haben alle gut geschlafen.

Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur unzweckmäßige Kleidung. So trotzten wir dem nächsten Tag, der nebelig begann, sich aber doch noch positiv entwickelte. Eine Gruppe verfolgte den Weg zur Staffelalm, dort lockten zwei Fresken von Franz Marc und das Gerücht, die Wirtin serviere auch warmen Käsekuchen. Die zweite Gruppe begann den 950m-Abstieg nach Benediktbeuern. Treffpunkt war dann abends das Hotel »Schmied von Kochel«.

Der Regen am fünften Tag kam uns gerade recht. Wir fuhren mit dem Bus nach Murnau und gingen während einer Regenpause in das Schlossmuseum, wo wir Werke der Künstler des »Blauen Reiter« bewundern konnten. Weiter gab es eine Ausstellung zum Thema »Kinderzeichnung und der Expressionismus« und eine Sonderausstellung zu Ödön von Horvath und seine Zeit in Murnau. Horvath musste vor den Nazis fliehen und verarbeitet in seinem Roman »Jugend ohne Gott« Erinnerungen an die Murnauer Zeit. Das Haus, in dem Gabriele Münter lebte, war ein weiterer Anziehungspunkt an diesem Tag, der im »Schmied von Kochel« am eckigen Tisch endete.

Auf zum Walchensee, hieß es am nächsten Tag! Ziel war der Berggasthof »Herzogstand«. Aber vorher stand noch der Besuch im Franz-Marc-Museum an. Das Haus wurde 1986 gegründet, um Marcs Werk in der Landschaft darzustellen, die ihn als Meister geprägt hat. Das Museum zeigt neben der Kunst des »Blauen Reiter« Werke des Brücke-Expressionismus, sowie Arbeiten Paul Klees und Gemälde der abstrakten Malerei nach dem zweiten Weltkrieg.

Anschließend ging es 750 Meter aufwärts – mit der Seilbahn oder zu Fuß. Bei der Ankunft stellten wir fest: Wir werden immer besser. Denn die vom Alpenverein angegebene Zeit von 3 1/2 Stunden hatten wir gut eingehalten. Was sicherlich auch an unserem Coach Reiner lag, der den Aufstieg spielerisch mit einem Training zur Felsbezwingung verband. Oben dann Nebel, später Sterne, wir konnten nur alle bemitleiden, die sich so weit unter uns durch das Leben schlagen müssen.

Der Samstag begann mit Hochnebel, doch schon bald setzte sich wieder strahlende Sonne durch. Wir wollten heute zum Heimgarten wandern, der vom Herzogstand auf einem Grat erreichbar ist. Der Weg war felsig und ständig bergauf und bergab, teilweise mit Seilsicherung, aber immerhin dazu viele freundliche und flotte Wandernde. Na ja: Auf der Hütte stellten wir fest, dass alle jünger sind als wir. Na und? Die 1000 Meter Abstieg gestalteten sich dann unproblematischer als wir gedacht hatten: Ein freundlicher Waldbesitzer ersparte uns den allerletzten Rest des Weges und kutschierte uns zur Bushaltestelle.

Letzter Abend, morgen fahren wir nach Bernried am Starnberger See ins Buchheim-Museum, das malerisch am Ufer des Starnberger Sees liegt. Lothar Günther Buchheim war ein begabter Mensch, der seine Begabung durch journalistische Beiträge und das Zeichnen heroischer Soldaten- und Kampfszenen, in den Dienst der Nationalsozialisten stellte. Er schrieb als Teilnehmer des U-Boot-Krieges den Weltbestseller »Das Boot«, der auch erfolgreich verfilmt wurde. Die Ausstellung »Die Farben der Avantgarde« war sehenswert, wurde jedoch geschmälert durch die ebenfalls gezeigten Kriegsgemälde Buchheims.

Die Deutsche Bahn brachte uns dann, 66 die Jüngste und 82 der Älteste, wieder zurück nach Berlin. Es hat sich wirklich gelohnt! Wir danken Reiner Brettel für diese großartige Idee.

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher