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Schwerpunkt "Was bleibt von Corona"

Bitte den Stecker ziehen

Die Corona-Pandemie hat die Schulen gezwungen, stärker auf digitale Lösungen zu setzen. Dieser Ansatz kann aber nur scheitern. Ein pädagogischer Weckruf

Eine medizinische Maske liegt weggeworfen im Wald und verschmutzt die Umwelt
Foto: Adobe Stock

So hat das Homeschooling nicht geklappt und es klappt bis heute nicht. Kinder und Jugendliche sehnen sich danach, in die Schule zu gehen – und freuen sich selbst auf schlechten Unterricht, Hauptsache Präsenz. Keiner lernt gerne allein zuhause. Und egal wie die Videoplattform auch heißt: Beziehungen – das Bildungselexier schlechthin – lassen sich nicht auf Dauer digital pflegen, geschweige denn aufbauen. Vor diesem Hintergrund kann man deutsche Schlagzeilen zur Wirksamkeit von Homeschooling drehen und wenden, wie man möchte. Überzeugende Empirie kommt aus den Niederlanden, wo eine Forscher*innengruppe die Effekte des Homeschoolings untersuchte und feststellte, dass alle Schüler*innen weniger lernten, besonders wenig aber Kinder aus bildungsfernen Milieus. Bildungsungerechtigkeit nimmt also zu und Digitalisierung wird zu ihrem Treiber.

Mehr Technik kann auch schaden

Allein damit ist aber das ganze Ausmaß der Digitalisierung und ihrer Wirkung auf die Bildung noch nicht beschrieben. Denn Lernende hängen seit der Krise noch mehr an den digitalen Endgeräten, gerade auch in der Freizeit – und nein, sie lernen dabei nicht immer. Meistens verschwenden sie ihre Zeit, daddeln sinnlos herum, unterfordern sich kognitiv und schaden sich körperlich. Eine ifo-Studie hat diese Tendenz eindringlich offengelegt und zu Recht davor gewarnt. Es ist nicht nur empirisch zweifelsfrei, sondern für den gesunden Menschenverstand nachvollziehbar: Wer immer weniger Zeit mit Lernen verbringt, wird weniger lernen. Die notwendige Selbstständigkeit im Umgang mit digitalen Medien ist übrigens nicht eine Frage des Alters, sondern der Kompetenz.

Und in der Schule selbst? Das Ende der Kreidezeit ist längst eingetreten und Digitalisierung drängt immer weiter vor. Tafeln raus, Smartboards rein und die nächsten Schritte sind auch schon beschlossen: Lernende werden ein Tablet bekommen und Lehrpersonen natürlich ebenso. Bei alledem wird man den Eindruck nicht los, dass ein gewisser Aktionismus herrscht nach dem Motto: Hauptsache neuer Lack für den maroden Bildungstanker. Demgegenüber können viele Schüler*innen bestätigen, was mit Forschungen belegt wurde: Digitale Technik allein verbessert den Unterricht nicht. Erst wenn sie pädagogisch sinnvoll in den Unterricht integriert ist, kann sie wirken. Wenn nicht, nimmt Lernen sogar Schaden. Und so gibt es heute vielfach mehr PowerPoint, mehr Frontalunterricht, mehr Monotonie im Unterricht als jemals zuvor. Statt Feiern gibt es Filme, statt Diskussionen gibt es Erklärvideos und statt Sportfesten gibt es Robotik-Wettbewerbe.

Freude an der Schule entsteht so sicher nicht, und es ist kein Wunder, dass die Motivation, in die Schule zu gehen, mit jedem weiteren Schuljahr abnimmt und erst zum Ende hin wieder steigt – dann nämlich, wenn Licht am Ende des Tunnels ist. Wie angesichts über 40-jähriger Forschung zum Einsatz von digitalen Medien und dem damit verbundenen Ergebnis, dass sie nicht von sich aus wirken, immer noch geglaubt werden kann, dass sie Bildungsrevolutionen auslösen oder in Krisenzeiten zum Heilsbringer avancieren, zeugt mehr von pädagogischer Naivität als von gesundem Menschenverstand.

Für eine humanere Schule

Vielleicht ist der Anspruch aber auch zu hoch. Sinnhaftigkeit würde schon ausreichen oder zumindest Nützlichkeit. Wie machen wir uns also fit für die digitale Zukunft? Na klar: programmieren, am besten schon im Kindergarten. Wer inhaltlich auf die Angebote blickt, wird ernüchtert sein: Medienkritischer Tiefgang findet sich nur selten. Meistens wird gespielt. Selbst das langweiligste Gedicht bietet mehr Stoff zur Reflexion. Stattdessen noch mehr sitzen vor den Endgeräten – was die aktuelle Lage noch verschärft: Wer Musik, Kunst und Sport in der Krise aufgibt und mit dem Etikett der Entbehrlichkeit versieht, der wird dem Bildungsauftrag nicht gerecht und reißt der Schule die Seele aus dem Leib.

Der Digitalisierungsschub in Folge der Corona-Krise hat zu einer Transformation von Schule geführt: Sie ist heute kein Bildungsort mehr, sondern zu einem Lernort verkümmert, an dem nur noch das unterrichtet wird, was ökonomisch von Interesse ist. Während also der musische Bereich stirbt, nimmt der ökonomisch interessante Bereich Fahrt auf. Kurz gesagt: Ein enthumanisiertes Bildungssystem liegt vor uns. Eine Re-Humanisierung ist wichtiger denn je.

Was also tun? Keine Zauberei, ein Blick zur Seite hilft. Denn es gibt selbst in der Krise Schulen, die überzeugen. Sie meistern die Distanz, nutzen Technik sinnvoll und immer mit Augenmaß, schaffen es sogar, Beziehungen zu pflegen. Das Geheimnis des Erfolges liegt nicht im Strukturellen, sondern in der Art und Weise, wie das Kollegium über Schule denkt – richtig gehört: Das Denken bestimmt das Sein. In der Forschung wird von kollektiver Wirksamkeitserwartung gesprochen. Gelingt es einer Schule, eine gemeinsame Vision von Bildung zu entwickeln, Kriterien für Unterrichtsqualität zu bestimmen und als Richtschnur im Alltag zu nehmen, dann kann sie selbst in der Krise vieles bewirken. Dabei steht im Zentrum dieses Denkens nicht die Frage: Haben wir ausreichend Tablets? Sondern die pädagogische Frage schlechthin: Wer ist der Mensch? Wer aus pädagogischer Sicht erfolgreich durch die Krise kommen möchte und vor allem auch aus der Krise lernen möchte, der muss für eine Re-Humanisierung der Schulen eintreten.

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher