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Schule

Das Windhundrennen hat ein Ende

Jedes Jahr verlassen 50.000 Schüler und Schülerinnen die Schule ohne Abschluss. Ein radikales Umdenken ist nötig, weg von veralteten Strukturen hin zu individualisiertem Lernen und Chancengleichheit.

Foto: IMAGO

Rund 50.000 junge Menschen verlassen die Schule jährlich ohne Abschluss, die letzte PISA-Studie lieferte die Erklärungen dazu, wobei sich zwei Haupttendenzen als besonders problematisch herausstellen: Ein Viertel aller deutschen Fünfzehnjährigen weist im internationalen Vergleich gravierende Schwächen in Mathematik, Naturwissenschaften und im sinnverstehenden Lesen von Texten auf, was nationale Studien des »Bildungstrends« der Kultusminsterkonferenz bestätigen. Außerdem stellt die hohe Korrelation zwischen qualifiziertem Schulabschluss und dem Bildungs- und Sozialstand der jeweiligen Eltern ein politisch brisantes Problem dar. Kinder von Akademikereltern haben bei gleicher Intelligenz eine viermal höhere Chance, ein Studium zu absolvieren. Nach Untersuchungen von Jan Skopek von der Uni Bamberg aus dem Jahre 2021 entstehen zwei Drittel der unterschiedlichen Kompetenzen schon vor Schuleintritt. Diese primären Herkunftsunterschiede verändern sich danach kaum und bleiben über die gesamte Bildungszeit bestehen. Die Frage nach einer wirksamen Reaktion darauf wird von der Linken mit der Schwächung des Gymnasiums und von der Rechten mit verschärfter Auslese beantwortet, was beides komplett am Problem vorbeigeht. Die Mischung aus beiden untauglichen Ideen besteht in der Senkung des Niveaus bei gleichzeitig deutlich besseren Abschlussnoten. Strukturdebatten ohne durchgreifende inhaltliche Veränderungen verbessern nichts – sagte übrigens schon Hattie 2015. Auch die Diskussion um die Notenproblematik ist letztlich irrelevant. Einzig die privaten Nachhilfeinstitute profitieren von der Misere.

 

Lernen angstfrei gestalten

 

Wenn man die Zahl der jungen Menschen ohne Schulabschluss verringern und den gesellschaftlich fatalen Zusammenhang von Herkunft und Schulerfolg ernsthaft abmildern will, ist »Individualisierung des Lernens« der Schlüsselbegriff, es lernt nicht mehr jedes Kind alles, und alle lernen nicht mehr dasselbe. Das ist kein Programm für das nächste Schuljahr, aber ohne Leitidee von einer Schule der Zukunft dreht sich die öffentliche Diskussion weiter um veganes Schulessen und die Probezeit am Gymnasium. Inhaltlich kann die »andere« Schule hier nur in Ansätzen skizziert werden. Sie beginnt mit der frühkindlichen Förderung, die verbindlich gemacht werden und entsprechend personell ausgestattet werden muss. Also Kindergartenplätze für alle, Kitas werden spielerisch gestaltete Lernorte, keine Aufbewahrungsanstalten. An deren Besuch sollte ab dem vierten Lebensjahr das Kindergeld gekoppelt sein. Wer seine Erziehungspflichten nach Artikel 6 Grundgesetz nicht erfüllt, verliert den Anspruch auf staatliche Hilfen, ersatzweise greift das Jugendamt zum Schutz des Kindes ein, das personell dazu in der Lage sein muss. Die Vorschule wird wieder eingeführt, ihr Besuch ist Teil der Schulpflicht. Eltern müssen in das schulische Lernen eingebunden werden, das erfordert eine aktive Willkommenskultur für Eltern mit wirksamen Beteiligungsmöglichkeiten, die auch Eltern erreichen, die nicht aus der deutschen Mittelschicht kommen.

In der Oberschule werden die jahrgangsgebundenen Rahmenrichtlinien ersetzt durch kompetenzorientierte Pläne, aus denen für jeden Schüler und jede Schülerin ein individueller Bildungsplan erstellt wird, der regelmäßig unter Einbeziehung der Eltern angepasst wird. Es gibt einen Vorrat an gemeinsamen Basis­inhalten, aber der Hauptteil wird den Fähigkeiten des Kindes angepasst, das Windhundrennen hat ein Ende. Lernen geschieht vorrangig in Gruppen und prozessorientiert. Schule findet im Ganztagsbetrieb statt, die Schulformen werden aufgelöst, es gibt nach der Grundschule keine Aufteilung nach Gesamtschule, ISS und Gymnasium mehr, alle besuchen eine Schule, die in sich hochdifferenziert sein kann. Das Lehrpersonal wird einheitlich bezahlt, also nicht mehr nach dem Grad der wissenschaftlichen Ausbildung. Prüfungen sind Lernstandserhebungen, die den individuellen Fortschritt feststellen und würdigen, was die Schule angstfreier macht. Die Lehrkräfteausbildung ist ausgerichtet auf das veränderte schulische Angebot, auf das individuelle Lernen und die anderen Prüfungsformate. Der Umgang mit Medien stellt eine Schlüsselkompetenz für Lehrkräfte wie Schüler und Schülerinnen dar. Das Handy ist im Unterricht nicht der Feind aller Lehrkräfte, es wird gezielt eingesetzt, um das Wissen der Welt in den Klassenraum zu holen. KI wird genutzt zur Erstellung maßgeschneiderter Aufgaben in allen Bereichen, auch zur Erweiterung und Vertiefung des Lernangebots, denn es muss weiterhin auch Spitzenleistungen geben, soviel zur Beruhigung aller Gymnasialanhänger. Der körperlichen und emotionalen Gesundheit wird weit mehr Beachtung geschenkt als bisher durch Zusammenarbeit sozialer, psychologischer und medizinischer Institutionen in der Schule. Und quer zu all diesen Überlegungen müssen Anreize geschaffen werden, wieder genügend qualifizierte Lehrkräfte zu gewinnen, ohne sie kann Schule nicht gelingen, denn die persönliche Begegnung ist die Basis aller Pädagogik.

 

Bildung ohne soziale Ausgrenzung

 

Die Veränderungen treffen das Gymnasium am meisten, es wird nämlich überflüssig. Im gegliederten Schulsystem bildet es ein notwendiges und sinnvolles Angebot für schnell lernende Schülerinnen und Schüler, die allerdings mehrheitlich aus sozial privilegierten Elternhäusern kommen. Der unschätzbare Vorteil des individualisierten Lernens besteht darin, dass man die Spitzenleistungen weiter als Ziel verfolgen kann, ohne gleichzeitig eine soziale Ausgrenzung vorzunehmen. Eine 15-Punkte-Schülerin kann problemlos mit einem 4-Punkte-Schüler gemeinsam in einem Projekt arbeiten, Sport haben, im Chor singen, auf Klassenfahrt gehen. Und in Mathematik bearbeiten sie Aufgaben, die drei Schuljahre auseinander liegen, Gleiches gilt für andere Fächer.

Warum hilft nur noch ein radikales Umsteuern weiter? Das bisherige Bildungssystem löst die Grundgesetzgarantie auf freie Entfaltung der Persönlichkeit nicht ein, es produziert strukturell zu viele Verlierer, deren Lebensperspektive von Anfang an in schlecht bezahlter Arbeit und Transferleistungen besteht. Diese Menschen haben oft Angst vor Modernität, Globalisierung und Migration, generell vor allem Fremden, sie sind anfällig für einfache Parolen aus dem rechten und rechtsextremen Spektrum. Sie stehen dem Arbeitsmarkt nur sehr eingeschränkt zur Verfügung und verschärfen den Fachkräftemangel, was die gesamte Infrastruktur Deutschlands und den bisherigen Wohlstand massiv gefährdet. Das Ergebnis könnte dann in wenigen Jahren ein verarmtes Deutschland mit einer legal an die Macht gekommenen rechtsradikalen Regierung sein, was fatal an die letzten Jahre der Weimarer Republik erinnert, mit einem Ende, das wir uns und der Welt ersparen müssen.

Einen Lichtblick gibt es: Ab dem nächsten Jahr stellt das »Startchancenprogramm« der Bundesregierung 20 Milliarden Euro bereit, die über zehn Jahre hinweg an 4000 Brennpunktschulen gehen. Das sind pro Schule fünf Millionen, damit kann man eine Schule baulich, inhaltlich und personell erneuern. Aber was ist mit den 28.660 anderen allgemeinbildenden Schulen? Ach, ich würde so gerne mal positiv enden!

 

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Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher
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