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Gewerkschaft

Lasst euch nix gefallen

Die Band »Die Schmetterlinge« war Teil der Protestbewegungen in den 1970er Jahren und eng mit der GEW BERLIN verbunden.

Foto: privat

Willi Resetarits, Frontmann der österreichischen Band »Die Schmetterlinge«, auch bekannt als Dr. Kurt Ostbahn alias Ostbahn-Kurti ist mit 73 Jahren viel zu früh am 24. April 2022 gestorben. Die »Proletenpassion« von den »Schmetterlingen« wurde 1976 in der Arena in Wien uraufgeführt. Sie beginnt, die »Fragen eines lesenden Arbeiters« von Bertolt Brecht fortführend, mit den Worten: »Was sind das für Schulen, die so viele Fragen nicht beantworten? Ist nicht die heutige Berichterstattung ähnlich der Geschichtsschreibung? Wem nützt das Ganze? Wem müssen wir da misstrauen?« Die Arena sollte wenige Tage nach der Uraufführung abgerissen und einem profitablen Projekt Platz machen. Am letzten Spieltag sagte Willi Resetarits am Ende: »Bleibt‘s doch alle da, wir besetzen jetzt das Gelände.« Im Laufe der Besetzung traten viele internationale Künstler*innen wie zum Beispiel Leonhard Cohen auf den Solidaritätskonzerten auf. Bis heute gilt die Proletenpassion in der Musikszene als »großes Werk«. Die Gruppe war gerade wegen ihrer politischen, basisdemokratischen Aktionen in deutschen Gewerkschaftskreisen ziemlich bekannt.

Der DGB in Berlin, der bis dahin den 1. Mai nie auf der Straße, sondern immer am Vorabend im Saale gefeiert hat, lud – folgerichtig – »Die Schmetterlinge« zur 1. Mai Feier 1977 ein. Die Veranstaltung wurde live im Fernsehen übertragen. Willi Resetarits ließ die Veranstaltung in gewissem Sinne »hochgehen«, in dem er die Maikundgebung am nächsten Tag von einer »aus dem DGB ausgeschlossenen Lehrer- und Erziehergewerkschaft«, der GEW BERLIN, auf dem Klausenerplatz ankündigte und zur Teilnahme aufrief. Die DGB Funktionär*innen saßen mit versteinerter Miene im Saal, darunter war auch ein Journalist des Guardian, der einen Artikel veröffentlichte: »Wie Willi den 1. Mai rot gefärbt hat«. Das Ganze wurde über Nacht zu einem Medienereignis, das es bis in die Nachrichten schaffte – und die Kundgebung bekannt gemacht hat. Die 1. Mai-Demonstration der GEW BERLIN forderte damals: »Keine Klasse über 25! – 40-Stunden-Woche für alle Lehrerinnen und Lehrer! – Einstellung aller arbeitslosen Lehrerinnen und Lehrer! – Für freie politische und gewerkschaftliche Betätigung in Ausbildung und Beruf! – Die Berufsverbote müssen fallen! – Für jede*n Auszubildende*n eine Lehrstelle! – Ersatzlose Abschaffung des Numerus clausus! – Für die Wiederaufnahme der GEW in den DGB! – Gegen den Unvereinbarkeitsbeschluss!«

Am nächsten Morgen kamen 25.000 Teilnehmer*innen zur Maikundgebung der ausgeschlossenen GEW BERLIN nach Charlottenburg, doppelt so viele, wie die GEW Mitglieder hatte. Darauf war zwar niemand vorbereitet, die Redner*innen standen mit einem Megaphon auf der Ladefläche eines Kleinlasters, aber für die GEW BERLIN war es Ausdruck des Überlebenswillens, auch wenn sie aus dem DGB und der GEW Bund ausgeschlossen war.

GEW gleich zwei Mal in Berlin

Die GEW BERLIN stand damals im Konflikt mit dem DGB und der Bundesorganisation der GEW. Es war die Zeit, in der die Berufsverbote gegen vorwiegend linke zukünftige Lehrkräfte durchgesetzt werden sollten. Parallel dazu beschlossen DGB und GEW die Unvereinbarkeitsbeschlüsse (UVB). Als die Berliner GEW die UVB nicht in die Satzung übernehmen wollte, wurde der Landesverband ausgeschlossen. Eine neue GEW wurde gegründet, was dazu führte, dass es in Berlin plötzlich zweimal die GEW gab: die »GEW im DGB« und die GEW BERLIN. Denn den Namen konnte man dem ausgeschlossenen Verband nicht nehmen. Weil aber nicht einmal ein Viertel der Mitglieder in den neuen Verband wechselte, war dessen Aufbau von vornherein sehr fraglich und scheiterte schließlich nach einigen Jahren. Die Solidarität zwischen den »Schmetterlingen« und der GEW BERLN blieb jedoch lange Jahre bestehen.

Die GEW BERLIN war in den Endsiebziger Jahren Teil der Protestbewegungen in Berlin. Sie war vor allem Teil einer Kultur, die diese Bewegungen hervorgebracht hatte. In Berlin waren bis zum Jahr 1980 immerhin über 160 Häuser besetzt und vor Brokdorf, Grohnde und Malville in Frankreich tobte der Kampf gegen die Atomkraftwerke. Es war ein Kampf für das Leben, gegen den Krieg, für eine neue Wohnungspolitik, für eine neue Kultur, die in erster Linie Protestkultur war, sich aber dann auch auf neue Lebens- und Wohnformen stürzte. Die Schmetterlinge mit Willi Resetarits waren Teil dieser Kultur und immer wieder gern gesehene Gäste. So spielten sie am Vorabend des 1. Mai 1979 in einem Konzert zusammen mit Gruppen der Chile-Solidarität. Und sie spielten am 1. Mai 1980 vor 12.000 Teilnehmenden in der 2011 abgerissenen Deutschlandhalle für das neu entstandene Bündnis »Rock gegen Rechts«. Die GEW BERLIN organisierte auch weiterhin die Demonstrationen am 1. Mai zusammen mit den vielfältigen sozialen Bewegungen und eben auch politischen Gruppen, was nicht immer konfliktfrei verlief. Die GEW BERLIN wurde 1981 schließlich wieder in den DGB und die GEW-Bundesorganisation aufgenommen.

Kritische Texte mit Wiener Schmäh

Die Schmetterlinge vertonten das wunderbare Kinderbuch von Mira Lobe: »Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel«, das fortan auf den Delegiertenversammlungen der GEW BERLIN verkauft wurde. Und: Ein von GEW Mitgliedern gegründeter Kinderladen wurde nach den Schmetterlingen benannt, die die Patenschaft übernahmen.

Die Schmetterlinge traten 1977 auch als Vertreter Österreichs auf dem European Song Contest auf – unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen der Sendeanstalten, um für den Fall, dass die Schmetterlinge überraschend doch zur Weltrevolution aufrufen würden, die Sendung sofort unterbrechen zu können. Sie wurden Vorletzter. 2013 kam mit dem Tod von Erich Meixner, Mitbegründer und Texter der Band, auch das Ende der Schmetterlinge.

Seit Mitte der 80er Jahre fand eine parallele Karriere statt, die Willi Resetarits schon zu Lebzeiten zur Legende werden ließ. »Ostbahn-Kurti und die Chefpartie« betraten die Bühne, eine »basisdemokratische Band mit einem starken Demokraten an der Spitze«, so Kurti. Markenzeichen waren neben eigenen Liedern und Texten ins Österreichische übertragene Fassungen von Liedern beispielsweise von Bruce Springsteen wie »Feia« und »A Schritt vire«, von vielen als besser gehalten als die Originale. Das Publikum liebte ihn auch wegen seiner genialen Zwischenmoderationen, die häufig so begannen: »Also des wa a ganz blede Gschicht ….«. Im Radio Wien moderierte er jeden Sonntag eine hinreißende Sendung: »Trost und Rat von und mit Dr. Kurt Ostbahn«. In Berlin trat Ostbahn-Kurti mehrmals im Quasimodo auf. 2003 schickte Willi Resetarits nach dem Tod vom »Trainer Brödl« den Ostbahn-Kurti »in die Pension«, und trat danach nur noch im Rahmen von als »Familientreffen« deklarierten großen Konzerten auf, die von Kurtologen immer wieder gefordert wurden. Auftritte beendete er meist mit: »Und lasst‘s aich nix gfoin.«

Sein ganzes Leben hat er sich in der Geflüchtetenarbeit engagiert. Er war Mitbegründer von »Asyl in Not« und »SOS Mitmensch« und war Obmann des Projektes Integrationshaus, in dem inzwischen 250 schutzbedürftige Personen leben. Am Vorabend seines Todes eröffnete er noch den Wiener Flüchtlingsball.

Die Bühne war seine Welt, da fühlte er sich »dahaam«. Gute Musik zu machen und sie für einen guten Zweck einzusetzen – das war Willi Resetarits. Er wurde in einem Ehrengrab der Stadt Wien beigesetzt.          

Das Album Proletenpassion zum Nachhören: https://www.youtube.com/watch?v=4OJQtwJQLvo

Kontakt
Markus Hanisch
Geschäftsführer und Pressesprecher