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Gewerkschaft26 Stunden sind mehr als eine volle Stelle

Ein großer Teil der Lehrkräfte unterrichtet in Teilzeit. Gründe dafür gibt es viele.

05.03.2018 - von Michael Rau

Mein Beitrag ist subjektiv. Es ist ein Versuch, meine Erfahrungen aus knapp 20 Jahren Tätigkeit an einer Berliner Berufsschule zusammenzufassen. 1999 bin ich als Quereinsteiger in einer sonderpädagogischen Berufsschule eingestellt worden. Damals war die Unterrichtsverpflichtung 22 Stunden, an den Oberstufenzentren waren es zum gleichen Zeitpunkt 23.

Ich habe immer viel mehr als nur Unterricht gemacht: Schulentwicklung, Gremienarbeit, einige Jahre IT-Administration an meiner Schule, Fortbildungen, auch als Anbieter, Projekte – aktuell die Leitung einer Online-Akademie, an der Schüler*innen IT-Zertifikate erwerben können. Das soll ihre Berufschancen verbessern. Es gibt in Berlin einige Schulen, die solche Projekte betreiben.

Am Anfang habe ich meine Arbeitszeit notiert und bin auf circa 48 Stunden die Woche gekommen. Wenige Jahre danach hatte ich 25 Unterrichtstunden statt 22. An den Oberstufenzentren sind es entsprechend 26. Das sind 13,5 Prozent mehr, also auf 39 Stunden umgerechnet hieße das eine Erhöhung auf etwas mehr als 44 Stunden. Schnell habe ich gemerkt, dass 25 Stunden mehr als eine volle Stelle sind.

Ich bin auf Teilzeit gegangen, um die bisherige Qualität von Unterricht und Betreuung aufrechterhalten zu können und um gesund zu bleiben. Es gibt viele andere Gründe für Teilzeit, aber ich kenne an meiner Schule einige, die aus dem gleichen Grund in Teilzeit arbeiten. In Berlin gibt es eine große Zahl von Kolleg*innen, die aus genau diesen Gründen in Teilzeit arbeiten.

Ich bin froh, dass die Senatsverwaltung dieses Jahr so viele Lehrkräfte einstellen konnte. Das wird auch noch nächstes und vielleicht übernächstes Jahr nötig sein, um die Abgänge zu kompensieren, aber danach kann eine derart große Zahl von Einstellungen auch Entlastungen ermöglichen.

Die Forderung nach mittelfristiger Absenkung der Unterrichtsverpflichtung um drei Stunden ist daher nicht unerhört oder unrealistisch, sondern eine Rückkehr zu einem früheren Stand, nachdem die Lehrkräfte in der Zwischenzeit 14 Jahre lang in Vorleistung getreten sind. Eine Reduzierung wäre eine Maßnahme zur wirklichen Qualitätsverbesserung in der Schule.

Es wäre auch ein nachhaltiger Ausdruck der Wertschätzung gegenüber den Lehrkräften. Und umgekehrt: Wenn Senatorin Scheeres und die Senatsverwaltung eine Reduzierung unterstützen würden, wäre ihnen dauerhaft eine hohe Wertschätzung der Lehrkräfte an den Schulen sicher.      

Der Text ist die überarbeitete Fassung eines Beitrags auf der Personalversammlung des pädagogischen Personals der zentral verwalteten und berufsbildenden Schulen im November 2017.