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OSZ - Schule mit ZukunftAbitur geht auch am OSZ

Die Konkurrenz zum beruflichen Gymnasium ist größer geworden und verstellt die Sicht auf seine Attraktivität. Eine echte Gleichwertigkeit und effektivere Öffentlichkeitsarbeit müssen angegangen werden.

08.03.2021 - von Uwe Schafranski

Einmal in der Woche bin ich als Vertreter eines Oberstufenzentrums an einer Integrierten Sekundarschule (ISS) unterwegs und berate innerhalb eines Berufsorientierungsteams (kurz BSO-Team) die Schüler*innen der letzten Jahrgangsstufen. Dabei stelle ich Schüler*innen und Eltern je nach Bedarf und Wunsch neben den 325 anerkannten Ausbildungsberufen auch die verschiedenen Bildungsgänge der Oberstufenzentren, wie zum Beispiel die berufsvorbereitenden Bildungsgänge oder das berufliche Gymnasium, vor.

Von den 34 Oberstufenzentren in Berlin haben 20 ein berufliches Gymnasium, auf die im vergangenen Schuljahr gut viereinhalbtausend Schüler*innen gingen. Das berufliche Abitur wird, wie auch bei den Integrierten Sekundarschulen, in der 13. Klasse mit dem Bestehen der Allgemeinen Hochschulreife erworben. Der Zugang zur beruflichen gymnasialen Oberstufe ist ebenso dem der ISS gleichgestellt, das heißt, das 20. Lebensjahr darf noch nicht vollendet sein und es muss eine gymnasiale Empfehlung nach Klasse 10 vorliegen.

Der Bildungsgang berufliches Gymnasium ist in vielerlei Hinsicht interessant und abwechslungsreich, denn man hat über die beruflichen Leistungs- und Grundkurse schon die Möglichkeit, in das spätere berufliche Leben »hineinzuschnuppern«. So kann man sich zum Beispiel am Oberstufenzentrum Lotis im Leistungskurs Wirtschaft mit dem Erstellen eines praxisnahen Werbeplans beschäftigen und dabei unter anderem auch die ethischen Grenzen von Werbung kennenlernen.

Historisch ist das im Oberstufenzentrum integrierte berufliche Gymnasium, wie auch das Oberstufenzentrum selbst, noch nicht so alt. Ende der 60er Jahre stand die neue sozialliberale Koalition unter Brandt für einen großen Bildungsaufbruch. Auch der deutsche Bildungsrat schloss sich dem Aufbruch an und forderte Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung sowie wissenschaftsorientiertes Lernen auch in beruflichen Schulen. Berufsorientierte Bildung sollte keine Bildung zweiter Klasse sein, bei der überspitzt formuliert die »einfachen Arbeiterkinder« im sozialen Aufstieg benachteiligt wären. Im Reformklima der 70er Jahre entstand die Idee der Oberstufenzentren als »Gemeinschaftsoberschulen«, in der alle Bildungsgänge der Sekundarstufe II konzentriert würden und in denen Durchlässigkeit kein Fremdwort sein sollte. Das berufliche Gymnasium spielte dabei eine besondere Rolle und ergänzte in der OSZ-Landschaft den Anspruch nach einem vollumfänglichen Bildungsangebot. Dabei wurde insbesondere der Blick auf die Schüler*innen aus allgemeinbildenden Schulen gerichtet, denen sonst kein studienqualifizierender Bildungsgang offenstand.

Falsche Bilder korrigieren

Über mehrere Jahre berate ich nun schon viele Schüler*innen an »meiner« ISS und stehe auch viel mit Beratungskolleg*innen aus anderen Schulen im Austausch. Dabei fällt mir besonders in der Übergangsberatung für die Sekundarstufe II auf, dass für viele Schüler*innen und auch Eltern das berufliche Abitur im Vergleich zum Abitur an einer allgemeinbildenden Schule als zweite Wahl wahrgenommen wird. Die Gründe dafür sind vielfältig. Es scheint, dass das bildungspolitische Signal eines gleichwertigen allgemeinen Abiturs an den OSZ noch nicht von allen Eltern und Schüler*innen gehört worden ist. Immer wieder muss ich in Gesprächen die formelle Gleichwertigkeit betonen und auch dem Irrglauben widersprechen, dass am Oberstufenzentrum nur ein Fachabitur möglich ist, sondern anschließend jedes Studium an einer Hochschule angestrebt werden kann. Klar kann ein*e Schüler*in mit dem Abitur des OSZ TIEM mit dem Leistungskurs Technische Informatik ein Studium zum Lehramt für Geschichte anstreben. Warum denn auch nicht?

Außerdem lehnen »bildungsorientierte« Eltern nicht selten den Übergang ihrer Kinder an ein Oberstufenzentrum aus Statusgründen ab. Besonders schreckt manche Eltern die sozial heterogene Mischung der Schüler*innen an einigen OSZ ab. Drittens bleiben viele Schüler*innen gerne an der Schule, an der sie sozial eingebunden sind. Viertens werden leistungsstarke Schüler*innen nicht selten zum Verbleib an den eigenen Oberstufen beworben. Welcher Schule ist dieses Handeln denn zu verdenken? Wer möchte nicht leistungsstarke Schüler*innen in die eigene Oberstufe hineinführen?

Meine kurze Beratungszeit als Vertreter der Oberstufenzentren von vielleicht 30 Minuten je Schüler-*in innerhalb eines Schuljahres erscheint in diesem Zusammenhang als meinungsbildendes Korrektiv zu Gunsten eines beruflichen Abiturs eher gering. Hier sei zudem angemerkt, dass wir nicht nur die 10. Klassen beraten. Sollte uns als BSO-Team noch verbleibende Beratungszeit zur Verfügung stehen, so sprechen wir bevorzugt mit Schüler*innen und deren Eltern, bei denen der Verbleib an der ISS nicht möglich sein wird und die dringend eine Anschlussperspektive benötigen. »Versorgte« und damit meist leistungsstarke Schüler*innen, die in die eigene Sekundarstufe II wechseln könnten, werden aus oben genannten Gründen weniger intensiv beraten. Gerade dies wäre jedoch wichtig, wenn man das berufliche Gymnasium vertieft vorstellen wollte.

Der Trend geht leider abwärts

Im letzten Jahr strebten 37.130 Schüler*innen die allgemeine Hochschulreife an. Davon gingen circa 12 Prozent auf die beruflichen Gymnasien, 35 Prozent auf die Sekundarstufen der ISS und Gemeinschaftsschulen und 53 Prozent auf Gymnasien.

Im Trend der letzten vier Schuljahre sehen wir bei den Schüler*innen an den ISS und Gemeinschaftsschulen einen deutlichen Zuwachs von sieben Prozent, wo hingegen sich die Schüler*innenzahlen an den Gymnasien um 12,5 Prozent und an den beruflichen Gymnasien um 15 Prozent verringerten. An den weiteren studienqualifizierenden Bildungsgängen der Oberstufenzentren war der Rückgang bei den Fachoberschulen um 23 Prozent und den Berufsoberschulen um 52 Prozent noch deutlicher.

Der geplante weitere Aufbau von Gemeinschaftsschulen und Oberstufen an Sekundarschulen wird den statistischen Trend aus oben genannten Gründen wahrscheinlich noch verstärken. Die beschriebenen statistischen Zeitreihen bestätigen die von mir in den letzten Jahren gemachten Erfahrungen aus meiner Beratung. Die studienqualifizierenden Abschlüsse an den Oberstufenzentren verlieren in der Breite, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, an Strahlkraft und damit auch an Nachfrage seitens der Schüler*innen.

Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass im vergangenen Schuljahr knapp 40 Prozent aller Schüler*innen am beruflichen Gymnasium nicht ihren Bildungsgang mit Erfolg beendeten wird deutlich, dass die Attraktivität der beruflichen Gymnasien deutlich gestärkt werden muss.

Berufliches Gymnasium attraktiver machen

Die Attraktivität und damit die »wirkliche« Gleichwertigkeit einer Schule zu anderen Schulen leitet sich nicht nur aus der Existenz und der Möglichkeit des Erwerbs eines formellen Bildungsabschlusses (beispielsweise des Abiturs) ab, sondern auch von der Nachfrage nach diesen Abschlussmöglichkeiten durch eine annähernd gleich leistungsgemischte Schüler*innenschaft. Das Oberstufenzentrum muss mit anderen Worten aus Sicht der Neunachfrager*innen (Eltern, Schüler*innen) und Absolventennachfrager (Betriebe, Universtäten) genauso attraktiv sein wie die studienqualifizierende Gemeinschaftsschule, Sekundarschule und das althergebrachte Gymnasium.

Warum sollte am beruflichen Gymnasium nicht ein gleicher Abiturschnitt wie am Gymnasium möglich sein, hinter dem sich auch ähnlich leistungsstarke  Schüler*innen verbergen? Damit es hierzu kommen kann, bedarf es jedoch nach meiner Auffassung einer wirklichen Kraftanstrengung. Zunächst muss politisch wie auch gewerkschaftlich der Wille zum Erhalt der beruflichen Gymnasien deutlicher artikuliert werden. Das bildungspolitisch wichtige Signal aus den 70er Jahren mit dem Aufbauziel von beruflichen »Gemeinschaftsoberschulen« erzwingt geradezu auch die Förderung der beruflichen Gymnasien. Was ließe sich verbessern? Hierzu einige Anregungen.

Zunächst sollte die Bewerbung der Oberstufenzentren professioneller werden. Warum nicht eine moderne ansprechende Website einrichten, die auch mit den neuen Medien (beispielsweise Film) spielt und Schüler*innen wie Eltern neugieriger auf die verschiedenen OSZ macht? Zudem sollten gemeinsame professionelle Werbetage aller Oberstufenzentren stattfinden, damit Eltern wie Schüler*innen sich einfacher informieren können und nicht lange Wege zu unterschiedlichen Orten an verschiedenen »Tagen der offenen Tür« gehen müssen.

Außerdem wäre eine Stärkung der Berufsorientierung in den ISS sowie den Gymnasien notwendig. An den Gymnasien gibt es bisher keine Beratung seitens von Lehrkräften der OSZ. Warum sollte ein*e Schüler*in nicht vom allgemeinbildenden in das berufliche Gymnasium wechseln wollen, wenn ein latentes berufsorientiertes Schüler*inneninteresse vorliegt? Vielleicht fehlt hier nur die persönliche Ansprache eines*r OSZ-Beraters*in vor Ort, um einen Wechsel zu veranlassen.

Zudem sollten die Oberstufenzentren angesichts der hohen Abbruchraten die Förderkapazitäten für ihre eigenen Schüler*innen deutlich erhöhen. Warum bietet man zum Beispiel nicht auch Brückenkurse vor dem Besuch eines beruflichen Gymnasiums an (beispielsweise in Mathematik)? Auch die Stärkung der mit dem Unterricht verzahnten, für die Schüler*innen kostenfreien und teilweise verpflichtenden Nachhilfe könnte ein zusätzliches Markenzeichen der Oberstufenzentren werden und für eine langfristig bessere Bildungsqualität sorgen. Hier bedarf es einer besseren finanziellen Unterstützung der OSZ, damit diese Angebote auch eingerichtet werden können.

Mittel- bis langfristig wird der »Wettbewerbsdruck« auf die beruflichen Gymnasien nicht nachlassen, sondern sich sogar erhöhen. Die Oberstufenzentren sind nun einmal die letzten in der Nahrungskette und müssen zum Befüllen ihrer beruflichen Abiturklassen an ISS oder Gemeinschaftsschulen um interessierte Schüler*innen werben. Dabei stoßen sie regelmäßig auf die »Konkurrenz« der allgemeinbildenden Oberstufen. Nur durch eine stärkere qualitative Attraktivität und eine professionellere Bewerbung ließe sich das Interesse der Schüler*innen und Eltern an den Bildungsgängen der beruflichen Gymnasien steigern und dadurch auch der Trend der sinkenden Schüler*innenzahlen umkehren.