GEW - Berlin
Du bist hier:

Kinder,- Jugendhilfe und SozialarbeitAlles beim Alten

Wie stereotype Denkmuster eine Neubewertung der frühkindlichen Bildung verhindern.

16.09.2021 - von Willi Dittrich

In den ersten sechs Lebensjahren entwickelt sich das menschliche Hirn in einem später nie mehr erreichten Tempo, werden Weichen für das künftige Leben gestellt. Schon diese Erkenntnis müsste ausreichen, um eine qualitativ hochwertige Erziehung von Kindern vor dem Schuleintrittsalter als Aufgabe von höchster gesellschaftlicher Priorität zu erkennen. Der Elementarbereich der bis Sechsjährigen wird dennoch nachrangig behandelt. Das legt die Vermutung nahe, dass der immer noch viel zu geringe Stellenwert der Erziehung auf einem veralteten Berufsbild beruht, auf stereotypen Vorstellungen und tradierten Denkgewohnheiten, die sich hartnäckig behaupten und wirksam sind, obwohl die meisten von uns diese rational als überholt einstufen würden.

Allen Emanzipationsbestrebungen und erfolgreichen Frauenkarrieren zum Trotz leben archaische Rollenvorstellungen weiter, die den Mann als Ernährer der Familie sehen und der Frau in erster Linie die Sorge um Haushalt und Kinder zuweisen. Nur auf den ersten Blick ist die Zubilligung besonderer weiblicher Kompetenz in Fragen der Erziehung Ausdruck von Anerkennung. Eine Mutter folgt instinktiv ihrer naturgegebenen Aufgabe, wofür sie eigentlich keiner fundierten Ausbildung bedarf. Deswegen glaubte man auch in Bayern, mit Zahlung eines Erziehungsgeldes an die Mütter eine den Kitas gleichwertige, wenn nicht bessere Erziehung gewährleisten zu können.

Erziehung ist Frauensache

Seit 2007 können auch Väter Elternzeit nehmen und dafür eine Lohnersatzzahlung in Anspruch nehmen. Dennoch nutzen vergleichsweise wenige die Chance, mit ihrem Kind eine intensive, die Beziehung prägende Zeit zu verbringen. Die Vorstellung missfällt, zu Hause Windeln zu wechseln, Körperwärme und Fläschchen zu geben, während die Frau für den Unterhalt der Familie sorgt und die Kolleg*innen mit einem Konkurrenten weniger an ihrer Karriere basteln. Erzieher*in war und ist ein Frauenberuf. So wie die Frau es dem Mann durch Übernahme von Hausarbeit und Kinderbetreuung ermöglicht, sich beruflich zu verwirklichen und der Familie ein Auskommen sichern, so ermöglichen es Erzieher*innen als Berufsgruppe heute Eltern und damit auch Frauen, beruflich erfolgreich zu sein. Überspitzt könnte man sagen: Sie übernehmen damit die Rolle von Steigbügelhalter*innen für die Karriere anderer. Denn sie entbinden diese von der Notwendigkeit, sich tagsüber um ihre Kinder kümmern zu müssen. Die latente Geringschätzung der Erziehungsarbeit der Frau setzt sich damit in der Geringschätzung des Berufes fort.

Erziehen kann jede*r

Was ist das Wesen der Erziehung und was machen Erzieher*innen eigentlich? Wir sehen Erzieher*innen inmitten einer Schar quirliger Kinder in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf Spielplätzen. »Das könnte ich nicht« sagen viele, aber sie meinen nicht Erziehung in ihrer Komplexität und auch nicht den frühkindlichen Bildungsauftrag, sondern den anscheinend zu einer Kindergruppe gehörenden Lärm und das unruhige Gewusel der Kleinen. Noch immer verbreitet ist die Vorstellung, dass Erzieher*innen in Kindertageseinrichtungen ausschließlich spielen, basteln, die Kinder betreuen und versorgen. Erzieher*innen unterstützen heute jedoch den frühkindlichen Bildungsprozess, stehen den Eltern als Erziehungsratgeber*innen zur Verfügung, dokumentieren den Entwicklungsverlauf der Kinder, führen vorschulische Sprachtests durch, müssen die Qualität ihrer Arbeit intern in Eigenregie und extern durch eigens dafür geschaffene Organisationen evaluieren lassen.

Erzieher*innen erziehen, Lehrer*innen lehren

Diese Aussage klingt simpel und stimmig, ist jedoch irreführend. Bildung beginnt mit der Geburt und Erziehung endet nicht mit dem Schuleintritt. Wenn wir heute von Bildung sprechen, verwenden wir den Begriff in einer eingeschränkten Bedeutung, denken an Zuwachs und Vernetzung von Wissen, an den Ausbau kognitiver Fähigkeiten, an etwas, das der beruflichen Karriere von Nutzen ist. Herausgenommen ist die Charakterbildung, also das Heranreifen sozialer Kompetenz als vielleicht wichtigster Aufgabe der Erziehung. In einigen europäischen Nachbarländern hat man aus der Tatsache, dass die Lehrer*innen der Schuleingangsphase eine den Erzieher*innen vergleichbare Arbeit leisten, entsprechende Konsequenzen gezogen. In Italien beispielsweise kann man nach fünfjährigem Studium der Erziehungswissenschaften Erzieher*in werden und ist den Grundschullehrer*innen gleichgestellt. In Deutschland reicht der Nachweis einer dreijährigen Ausbildung an einer Erzieher*innenfachschule.

Die Wertigkeit eines Berufes wird in unserer Gesellschaft im Wesentlichen von zwei Parametern bestimmt: dem Bildungsgrad und der Eingruppierung bei der Bezahlung. Eine qualitative Aufwertung des Erzieher*innenberufes wäre die Anhebung zum Studiengang. Mit einer Akademisierung würde der Erkenntnistransfer und -austausch zwischen universitärer Erziehungswissenschaft und Erziehungspraxis erleichtert. Derzeit ist das Studieren der Fachrichtung Erziehung und Bildung an Hochschulen die Ausnahme und deren Absolvent*innen finden sich des niedrigen Gehaltes wegen später nur selten in den Niederungen des Kitas-Alltags wieder. Gegen eine Akademisierung des Berufes wird zurecht eingewandt, es käme im Kita-Alltag weniger auf Wissensfülle, denn auf Vorbildcharakter im Allgemeinen und Empathie im Besonderen an. Denkbar wäre eine Zweigleisigkeit des Ausbildungsweges. Eine diesbezügliche Durchmischung im Erzieher*innen-Team wäre für Kinder durchaus von Vorteil. Eine Zwei-Klassen-Erzieher*innenschaft ließe sich vermeiden, indem auch die Zugangsvoraussetzungen und die Ausbildungsmodule für eine Fachschulausbildung höheren Anforderungen gerecht werden müssen. Damit ließe sich auch eine Bezahlung auf gleichem Niveau rechtfertigen.

Eine bessere Ausbildung lohnt sich

Es ist schwer nachvollziehbar, warum beispielsweise das gesellschaftlich bedeutsame und alltagsrelevante Thema Inklusion in der Ausbildung derart unterrepräsentiert ist, dass Erzieher*innen sich nach der Ausbildung zu Integrationserzieher*innen weiter qualifizieren müssen. Nötig ist eine breit angelegte Debatte, die die Bedeutung einer qualitativ hochwertigen Erziehung als gesellschaftlich existenzielle Aufgabe bewusst werden lässt. Erziehung und frühkindliche Bildung ist eine volkswirtschaftliche Aufgabe im staatlichen Interesse, die sich langfristig rechnet, weshalb der Staat gefordert ist, den Ländern bei der Finanzierung ihrer Bildungsaufgaben zu helfen. Es hat jedoch jenseits von Kompetenzrangeleien zwischen Bund und Ländern leider den Anschein, als fehle in unserer auf schnellen Profit und Erfolg geeichten Zeit das politische Interesse an Weichenstellungen, deren volkswirtschaftlich günstige Auswirkungen erst in der Folgegeneration zu erwarten sind.

Sind sozial kompetente Kinder das Ziel, erfordert dies bildungsnahe und sozial kompetente Erzieher*innen. Diese künftig für den Erzieher*innenberuf zu gewinnen, dürfte immer schwieriger werden, wenn eine nachhaltige Aufwertung des Berufsbildes ausbleibt und die Erzieher*innen selbst sich ihrer geringen Entlohnung wegen, letztlich als soziale Verlierer*innen erleben müssen.   

Willi Dittrich, Autor pädagogischer Schriften: Reihe »Elterncoach to go«, Cornelsen 2020, »Kleine Hefte«, Verlag an der Ruhr 2021, Zeitschrift »klein & groß«, Klett-Kita