GEW - Berlin
Du bist hier:

InterviewArbeitszeit und Arbeitsbelastung – was tun die Gewerkschaften?

Zu dieser Frage führte Thomas Schmidt ein Gespräch mit Elke Gabriel, GEW-Frauenvertreterin in Tempelhof-Schöneberg und Alexander Klimmey, stellvertretender Vorsitzender des Fachausschusses der Gewerkschaft der Polizei.

07.04.2020 - Thomas Schmidt im Interview mit Elke Gabriel und Alexander Klimmey

Welche besonderen Belastungsfaktoren gibt es in Eurem Arbeitsbereich?

Gabriel: Die größte Belastung für Lehrkräfte ist die Entgrenzung der Arbeit. Nach der Tätigkeit in der Schule muss der Unterricht vor- und nachbereitet werden. Beratungsgespräche mit Eltern und Kolleg*innen haben aufgrund der Inklusion zugenommen. Aufwendig sind die vielen Vergleichsarbeiten. Gymnasiallehrkräfte hatten vor 20 Jahren 21 Unterrichtsstunden. Heute sind es 26. Viele Lehrkräfte arbeiten wöchentlich über 50 Stunden. Als besonders belastend benennen Erzieher*innen meist den hohen Lärmpegel sowie die geringe Bezahlung und die mangelnde Wertschätzung.

Klimmey: Die Berliner Polizei hat neben den Beamt*innen zahlreiche Tarifbeschäftige, die auch im Schichtdienst arbeiten, so dass sich eine Belastung aller Arbeitsbereiche nicht einheitlich beschreiben lässt. Hervorzuheben ist aber, dass durch die ständig wachsenden Aufgaben die Arbeit verdichtet wird. Bei oft kurzfristig angesetzten Großeinsätzen kommen schnell 20.000 Überstunden zusammen. Diese können leider kaum durch Freizeit abgegolten werden. Für viele war das Wochenende ursprünglich gesicherte Zeit, die ihrer Erholung und der Gesunder-haltung diente. Deren Wegfall führt zu erhöhten Krankenständen, die wiederum zu Nachalarmierungen von in der Freizeit befindlichen Kräften führen. Auch die besonderen Belastungen durch Nachtdienste und Gewalt gegen die Kolleg*innen beeinträchtigen die Gesundheit.

Welche Forderungen hat Eure Gewerkschaft? Wie wird unter den Beschäftigten über Entlastung diskutiert?

Gabriel: Junge Arbeitnehmer*innen aller Branchen wünschen mehr Zeitsouveränität sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Besonders Teilzeitbeschäftigte brauchen Flexibilität bei der Stunden- und Dienstplangestaltung. Freie Tage müssen gewährt werden sowie die Anteiligkeit von außerunterrichtlichen Tätigkeiten. Wir können den Prozess mitgestalten, indem Gesamtkonferenzbeschlüsse zur Teilzeitregelung gefasst werden, wie sie im Frauenförderplan und Landesgleichstellungsgesetz verankert sind. Die Zeitbedürfnisse und Lebensentwürfe der Beschäftigten und Menschen in Aus-, Fort- und Weiterbildung müssen wieder eine zentrale Rolle spielen. Wenn die Arbeitszeit nicht endlich gesenkt wird, dann schließen wir eine ganze Generation vom gewerkschaftlichen Engagement aus, da sie aufgrund der Belastung keine Kraft mehr dazu haben, insbesondere Menschen mit kleinen Kindern und mit pflegebedürftigen Angehörigen.

Klimmey: Von Zeitsouveränität kann nicht die Rede sein. Die Einsatzkräfte sind überwiegend komplett fremdbestimmt. Dem kann nur durch Personalaufwuchs begegnet werden. Unsere Forderungen sind daher: Mehr Personal, bessere Einstiegseinkommen, Anhebung auf Bundesbesoldung, Aufgabenkritik, bessere Arbeitsplatzgestaltung und Unterkünfte.

Welche Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung zwischen den verschiedenen DGB-Gewerkschaften siehst Du?

Gabriel: Der Wunsch nach Arbeitsentlastung muss bei allen Gewerkschaften wieder in das Zentrum der tarifpolitischen Auseinandersetzungen und der politischen Kampagnen gerückt werden. Wir haben auch gesellschaftspolitisch den Auftrag die Familien zu schützen. Gewerkschaftsarbeit bedeutet auch immer sich zu solidarisieren. Wenn sich Pflegekräfte für einen gesetzlichen Personalschlüssel einsetzen, dann ist es wichtig, dass auch Ärzt*innen, Medizinstudierende sowie andere Gewerkschaften diese politische Forderung unterstützen. Genauso wünsche ich mir, dass wir uns solidarisch für einen höheren Mindestlohn einsetzen. Und natürlich sollten wir uns noch stärker über die sozialen Medien vernetzen sowie gemeinsam Großkundgebungen zur Reduzierung der Arbeitsbelastung organisieren.

Klimmey: Unser Informationsaustausch kann die Grundlage für eine bessere Zusammenarbeit der Gewerkschaften werden, in der Hoffnung gemeinsam Verbesserungen für alle zu erreichen. Eine Solidaritätsbekundung der verschiedenen Gewerkschaften sollte zur Selbstverständlichkeit werden, so dass sie Ausdruck der Verbundenheit und der gemeinsamen Forderungen wird.

 

Zurück