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Über Diskriminierung sprechenArmut als Makel

Die Lebensqualität der Menschen in Deutschland weicht sehr weit voneinander ab. Die Höhe des finanziellen und sozialen Kapitals der Herkunftsfamilie prägt immer noch die Lebensläufe. Daher ist Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft leider keine Seltenheit.

09.11.2020 - von Sanem Kleff

Die Ungleichheit der Verteilung der privaten Vermögen ist in Deutschland die höchste in der Eurozone. Laut Umfragen der Europäischen Zentralbank besitzen die oberen zehn Prozent knapp zwei Drittel des gesamten privaten Nettovermögens. Gleichzeitig verfügen 40 Prozent der Bevölkerung praktisch über kein Nettovermögen. Sie können auch keins aufbauen, weil sie ihr monatliches Einkommen komplett für ihren Lebensunterhalt benötigen. Dies diskriminiert Menschen. Dennoch wird über Armut und Reichtum in ökonomischen, politischen oder sozialen Zusammenhängen, kaum aber im Kontext der Antidiskriminierungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen gesprochen.

Ein vorbestimmter Lebensweg

Dabei ist der Klassismus, die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position, eine typische Ideologie der Ungleichwertigkeit. Die finanziellen Ressourcen der Herkunftsfamilie ordnen Personen einer sozialen Schicht zu. Diesen werden tatsächliche oder vermeintliche, positive wie negative, Merkmale zugeschrieben, um die Behauptung zu legitimieren, Menschen aus verschiedenen Schichten seien mehr oder weniger wert. Statt von Schicht und Klasse wird oft lieber von Lebenslagen und sozialen Milieus gesprochen. Neben dem Kontostand bestimmen verwandtschaftliche wie soziale Netzwerke, in die wir geboren werden, unseren Lebensweg. Bieten sie reichhaltige Ressourcen und Einflussmöglichkeiten, optimieren sie Lebensperspektiven.

Der Soziologe Pierre Bourdieu definiert soziales Kapital als: »…die Gesamtheit der aktuellen und potenziellen Ressourcen, die mit der Teilhabe am Netz sozialer Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens verbunden sind. Es entsteht ein Netz von Beziehungen, die dazu beitragen, dass Karrieren, Macht und Reichtum nicht nur auf individuellen Leistungen basieren, sondern auch auf herkunftsbedingten Gruppenzugehörigkeiten und anderen vorteilhaften Verbindungen im Sinne des ›Vitamin B‹.« Soziales Kapital vermag sogar fehlendes Finanzkapital und fehlende Bildung auszugleichen und ein hohes Einkommen und hohen Sozialstatus zu sichern.

Wer weder Vermögen noch eine Zugehörigkeit zu machtvollen sozialen Kreisen erbte, kann sich, zumindest theoretisch, immer noch geistiges Kapital in Form von Bildung aneignen. Bildung ist eine Ressource, die ich selbst vermehren und somit sogar den Mangel an finanziellem und sozialem Kapital, ausgleichen kann. Formale Abschlüsse können genauso hilfreich sein, wie informelle Kompetenzen wie Mehrsprachigkeit oder musische Fähigkeiten.

Die internationalen PISA-Studien der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit, OECD, belegen seit dem Jahr 2000 immer wieder aufs Neue, dass in keinem der untersuchten Länder die Bildungschancen der Schüler*innen so stark von der sozialen Schicht ihrer Herkunftsfamilien abhängen, wie in Deutschland. Armut erschwert oder verhindert den Bildungsaufstieg. Unser Bildungssystem führt trotz formaler Chancengleichheit zur Bildungsbenachteiligung. Ob durch vorsätzliche Diskriminierung oder nicht, entscheidend ist die statistisch belegbare Benachteiligung beim Erreichen von Bildungszielen von Gruppen, die über geringes finanzielles und soziales Kapital verfügen.

Wächst ein Kind nicht mit Deutsch, sondern einer anderen Sprache auf, wirkt sich dies zusätzlich nachteilig auf den Bildungserfolg aus, obwohl dies heute auf jedes dritte schulpflichtige Kind zutrifft. Als »Normalfall« gelten Kinder, die über eine altersgemäße Kompetenz in der deutschen Sprache verfügen. Ob sie Spanisch, Arabisch oder Portugiesisch sprechen ist nicht relevant. In der Klasse wird Deutsch gesprochen und geschrieben. Wer Deutsch als Zweitsprache spricht, muss zusätzlich sprachliche Hürden überwinden.

Menschen »niedriger sozialer Herkunft« fehlt am Ende nicht alleine ein attraktiver Arbeitsplatz mit einem guten Einkommen, und damit finanzielles Kapital, sondern sie haben es schwer, auch geistiges oder soziales Kapital zu akkumulieren. Obendrein steigt in einer Nachbarschaft mit hoher Arbeitslosenquote die Quote der Schüler*innen ohne Abschluss.

Der Armutsforscher Christoph Butterwegge weist darauf hin, dass Kinder aus armen Familien keine höhere Schule besuchen oder sie ohne Abschlusszeugnis verlassen: »Armut in der Herkunftsfamilie führt bereits unmittelbar nach der Grundschule zu Bildungsdefiziten der betroffenen Kinder.« Schon dreijährige Kinder aus der Mittelschicht verfügen in der Regel über einen sehr viel größeren Wortschatz als Kinder aus der Unterschicht. In Berlin kommt jedes dritte Kind aus einer Familie, die von Sozialtransferleistungen lebt.

Die Bildungsforscher*innen Jutta Allmendinger und Stephan Leibfried unterscheiden zwischen Bildungsarmut oder absoluter Bildungsarmut. Um diese objektiv zu beschreiben, greifen sie auf die Kriterien der Kompetenzstufen der internationalen PISA-Studien der OECD zurück. Demnach ist von relativer Bildungsarmut die Rede, wenn immerhin Bildungsabschlüsse erreicht werden, deren Niveau aber unter dem Durchschnitt der Leistungsstandards in der Gesellschaft liegt. Absolute Bildungsarmut liege vor, wenn die unterste Kompetenzstufe in der Skala der PISA-Studien nicht erreicht wird und ein funktionaler Analphabetismus vorliegt. Auf dieser niedrigsten Kompetenzstufe sind keinerlei Bildungszertifikate zu erreichen.

Eine Reihe von migrationsspezifischen Phänomenen hat Einfluss auf die Bildungschancen. Zu oft sind es Rassismus und stereotype Vorstellungen die bei Pädagog*innen wie auch Schüler*innen diskriminierende Haltungen oder Handlungen begründen und damit zusätzliche Hürden auf dem Bildungsweg schaffen. Allerdings wirken sogar derartige Phänomene je nach Schichtzugehörigkeit sehr unterschiedlich auf die von Diskriminierung Betroffenen, zum Beispiel jeweils unterschiedlich auf die Kinder des japanischen Bankers, der griechischen Köchin oder des italienischen Arztes.

Gehen sie aber, wie durch die Migrationsgeschichte Deutschlands bedingt, oft in der Kombination mit knappen Bildungs- und Finanzressourcen einher, wirken sie sich besonders negativ auf die Bildungslaufbahn aus.

Obwohl die Schulabschlussquoten der Schüler*innen aus Familien mit Migrationsgeschichte sich positiv entwickeln, sind weitere Maßnahmen notwendig, um diese weiter zu verbessern. In Berlin machen zwar knapp die Hälfte der Jugendlichen ohne Migrationsgeschichte Abitur, aber nur ein Drittel der Jugendlichen aus eingewanderten Familien. Der Faktor Migration wirkt sich noch in der vierten Generation nachteilig auf ihren Bildungserfolg und die sozialen Aufstiegschancen aus.

»Eine Lehrerin hat an mich geglaubt«

Pädagog*innen können entscheidend stärken, motivieren, unterstützen. Aber nicht alle zeigen die notwendige Empathie mit Kindern aus sozial schwachen Schichten. Manche Lehrkraft lässt sich sogar vom eigenen Klassismus treiben und bescheinigt der Unterschicht entstammenden Schüler*in pauschal eine bildungsferne Zukunft. Wenn Vorurteile dominieren, erhält der Sohn der Anwältin eher eine Gymnasialempfehlung als der Sohn des Änderungsschneiders.

In diesem Zusammenhang wird vom Pygmalion-Effekt gesprochen. Haben sich Pädagog*innen erst einmal eine Meinung über eine*n Schüler*in gebildet, so wird sich diese wahrscheinlich bestätigen: »Max macht bestimmt Abitur.«, »Jaqueline schafft das nie.«, »Fatma wird bestimmt bald heiraten.« Diese subjektiven Erwartungen müssen nicht laut ausgesprochen werden, sie vermitteln sich auch nonverbal allein durch die Art der Zuwendung, den Umfang der persönlichen Ansprache, durch Häufigkeit und Stärke von Lob und Tadel oder durch niedrige oder hohe Leistungsanforderungen. Die meisten Lehrkräfte schätzen ein Mittelschichtskind als besser ein, als ein Kind der Unterschicht und verursachen selbsterfüllende Prophezeiungen.

Wie sehr der familiäre Bildungsstatus die Bildungskarriere des Kindes bestimmt, zeigt, dass von 100 Kindern mit studierten Eltern fast vier Fünftel einen Hochschulabschluss erreichen, aber nur jedes vierte von denen, deren Eltern nicht studierten. Um die Potentiale aller Schüler*innen erkennbar zu machen, führen Universitäten inzwischen an Schulen Talentscouting durch und unterstützen die Studierenden aus nicht akademischen Familien beim Studium. Initiativen wie »Arbeiterkind« wollen dem Trend entgegenwirken. (siehe bbz 10/2020)

Auf Schulhöfen wird Klassismus täglich hemmungslos ausgelebt: »Was hat denn die an? Wohl im Supermarkt gekauft. Schaut, meine neuen Markenjeans!« Die Zugehörigkeit zu einer sozial schwachen Schicht wird zum Mobbing genutzt: Bist du arm, wirst du diskriminiert. Kinder übernehmen die Kriterien der Erwachsenen, verfügen sie über wenig Geld, imitieren sie das Äußere der Wohlhabenden auf übertriebene Art. Die Goldkette ist aus Blech, der Kaschmirpullover 100 Prozent Nylon, die Diamanten am Ohr, auch nur Glas, dafür aber groß. Im Schulalltag wird all dies nicht offen angesprochen, oft belächelt oder führt zur erneuten Herabwürdigung.

Um einen kritischen Blick auf die ungleich verteilten gesellschaftlichen Ressourcen zu entwickeln, muss das Thema eine größere Rolle in der Schule spielen. In allen Fächern kann an geeigneter Stelle das Thema aufgegriffen werden. Ein gerechtes Bildungssystem misst sich daran, wie weit der Bildungserfolg unabhängig von den Ressourcen gelingt, die uns in die Wiege gelegt wurden.

Wir brauchen eine unabhängige öffentliche Beschwerdestelle

Gemeinsam mit dem Berliner Netzwerk gegen Diskriminierung in Kita und Schule setzt sich die GEW BERLIN seit vielen Jahren dafür ein, dass es für Kitas und Schulen eine unabhängige öffentliche Beschwerdestelle geben soll. Die Erfahrung vieler Antidiskriminierungsorganisationen in freier Trägerschaft, die Ratsuchende beraten, haben die Erfahrung gemacht, dass sie als externe Akteur*innen häufig an Grenzen stoßen. Es muss Expert*innen geben, die beim Land Berlin angestellt sind, unabhängig von der Senatsverwaltung arbeiten können und die Befugnis haben, Diskriminierungsfälle in Bildungseinrichtungen ausführlich zu untersuchen und Empfehlungen abzugeben.

www.gew-berlin.de/eine-schule-fuer-alle/diskriminierungsschutz