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arme Kinder, reiches LandArmut erkennen und bekämpfen

Armut hat viele Gesichter. Kinder sind immer die Leidtragenden.

05.07.2018 - von Sabine Bresche

In Berlin lebt jedes dritte Kind in Armut, seine Familie erhält Transferleistungen. Die Armutsquote der Hauptstadt hat mit über 22 Prozent den stärksten Anstieg im bundesweiten Vergleich.

Im Schulalltag zeigt sich Armut unterschiedlich stark, je nachdem, ob in einer homogenen oder heterogenen Gruppe unterrichtet wird. Das heißt, Armut wird Fachkräften in einer Brennpunktschule in Wedding anders begegnen als in einem Gymnasium in Steglitz-Zehlendorf.

Schauen wir auf die Arbeit in einer sogenannten Brennpunktschule, treffen wir auf das Phänomen, dass Fachkräfte sich mit Fragen auseinandersetzen müssen, die zuallererst nicht unbedingt den Unterricht betreffen. Kinder kommen zu spät oder unregelmäßig in die Schule, manchmal ohne Frühstück. Jede*r weiß, wie schwer es fällt, sich mit hungrigem Magen oder weil man müde ist, zu konzentrieren. Unangenehm wird es, wenn die notwendigen Materialien für den Unterricht, wie Stifte, Zirkel oder Hefte, nicht vorhanden oder einfach kaputt sind. Dann gibt es den kritischen Hinweis darauf, dass wieder etwas fehlt. Das macht weder Spaß, noch regt es zum Lernen an.

Familien in sozialen Brennpunkten kämpfen ständig dagegen an, nicht als arm zu gelten. Ein typisches Beispiel hierfür ist, wenn zu Elterngesprächen eingeladen wird und Eltern, obwohl sie ALG II beziehen, kaum freie Termine haben. Das macht die gemeinsame Terminfindung schwierig, lässt Fachkräfte verzweifeln und macht wütend. Dahinter steht die Angst vor der Ausgrenzung aus unserer Leistungsgesellschaft und die Scham, sich mit der eigenen Armut auseinanderzusetzen. Wer berufstätig ist und einen vollen Kalender hat, muss sich hierfür nicht rechtfertigen.

Die Folgen von Armut sind für Kinder verheerend. Sie erleben sich selbst als »wertlos«. Ihre Eltern verlieren sie aus dem Blick, weil sie mit ihrer eigenen Bedürftigkeit beschäftigt sind und in der Schule fallen sie negativ auf. Dann passiert es schnell, dass Fachkräfte die Verantwortung übernehmen, obwohl es nachhaltiger wäre, Eltern einzubeziehen und sie zu befähigen, Lösungen zu finden. Entscheidend ist es, Kinder nicht aus dem Sichtfeld zu drängen und sich selbst zu überlassen. In einer aktuellen Bertelsmann Studie, die sich mit dem Forschungsstand zu Kinderarmut beschäftigt hat, wurde deutlich, »dass Kinder aus sozioökonomisch belasteten Familien bei gleicher Schulleistung schlechtere Noten bekommen, als Kinder aus höher gestellten Familien«. Das heißt für Fachkräfte, dass das Wissen um die familiäre Situation von Kindern ihre Einschätzung über deren Möglichkeiten und Leistungsfähigkeit zum Negativen beeinflussen kann.

Wer arm ist, schämt sich oft dafür

Für Schulen in sozialen Brennpunkten stellt sich die Frage, was wird benötigt, um die Kinder in ihrem Selbstbewusstsein und der Selbstwirksamkeit unterstützen zu können. Dafür braucht es Fachkräfte, die sich mit dem Thema Armut und ihren Folgen für die Kinder auskennen, um den Kindern Möglichkeiten zu schaffen, beim Lernen Spaß und auch Erfolgserlebnisse zu erfahren. Kreative Methoden oder die Ausrichtung auf bestimmte Schwerpunkte wie beispielsweise Soziale Medien oder Theaterpädagogik können dann die Kinder auf eine Art ansprechen, die sie darin motiviert, sich selbst auszuprobieren.

Hinter der Armut stehen immer auch die Scham und die Angst vor Ausgrenzung. Angst macht oft sprachlos. Für arme Kinder in heterogenen Gruppen ist die Situation besonders schwierig. Ein armes Kind an einem Gymnasium in Steglitz-Zehlendorf beispielsweise steht vor dem Problem, dass seine Armut auffällt. Zwar kann es eher auf eine bessere Ausstattung in der Schule treffen, aber die Anforderungen, auch finanziell mitzuhalten sind hoch. Es gibt mancherorts Finanztöpfe, aus denen Zuschüsse gezahlt werden können. Aber um diese in Anspruch nehmen zu können, muss man sich »als arm outen«. AG-Angebote, die beispielsweise durch die Schule eingekauft werden, müssen mit einem regelmäßigen Beitrag gezahlt werden. Oder es wird überlegt, Klassenfahrten zu organisieren, die wesentlich teurer sind, als unbedingt notwendig, weil man den Kindern ein besonderes Erlebnis bieten will. In einer Elternversammlung dann die Kosten für die Fahrt kritisch zu hinterfragen, braucht ein starkes Selbstbewusstsein. Im schlimmsten Fall kann es dazu führen, dass Eltern von anderen beim Thema finanzielle Möglichkeiten eher »mitleidig« angesprochen werden. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Eltern, sondern auch auf ihre Kinder.

Bildung sollte nicht davon abhängig sein, wie viel Geld jemand hat, sondern sich daran orientieren, wie Kinder gefördert werden können. Davon sind wir leider oftmals noch weit entfernt.

Pädagog*innen brauchen Armutskompetenz

Das Thema Kinderarmut muss stärker in den Ausbildungsplänen und Studiengängen verankert werden, um angehenden Fachkräften das Wissen über Armut und ihre Folgen zu vermitteln.

Auch Schulen und andere Bildungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche in sozialen Brennpunkten müssen besser ausgestattet werden, zum einen materiell, zum anderen aber auch mit hochmotivierten Fachkräften, die sich durch Armutskompetenz auszeichnen. Gleichzeitig ist ein reflektierter Umgang mit dem Thema Armut wichtig, um sensibel mit Eltern und ihren Kindern umzugehen.

Insbesondere für arme Kinder sind Bildungsinstitutionen, wie Kita und Schule, besonders wichtig, weil dort kompensiert werden kann, was manchen Eltern nicht möglich ist. Hier kann zumindest der Versuch auf Chancengleichheit gewagt werden. Die Schere zwischen Arm und Reich wird konstant größer, ohne dass dieser Zustand in der politischen Diskussion ausreichend wahrgenommen und behoben wird. Der Deutsche Kinderschutzbund hat durch vielfältige Aktionen bundesweit auf das Thema Kinderarmut hingewiesen. Die Lage ist ernst und die daraus resultierenden Folgen verheerend. Ein schnelles Handeln ist nötig!