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bbz 07-08 / 2016»Auch mit fünf Prozent mehr Lehrkräften würde sich nichts ändern«

Siegfried Arnz war der ranghöchste Beamte der Senatsbildungsverwaltung. In verschiedenen Positionen prägte er den Umbau des Berliner Schulsystems. Im Interview mit der bbz spricht Arnz über Erfolge und Misserfolge seiner Amtszeit, über gute Schule und sein Verhältnis zur GEW.

01.07.2016 - Interview geführt von Markus Hanisch und Caroline Muñoz del Rio

bbz: Fast zeitgleich zu deiner Pensionierung hat die Senatsbildungsverwaltung den Abschlussbericht zum Modellprojekt Gemeinschaftsschule vorgestellt. Die Gemeinschaftsschule hast du viele Jahre intensiv begleitet und maßgeblich geprägt. War der Bericht der krönende Abschluss deiner Berufslaufbahn?

Arnz: Zunächst einmal bin ich sehr erfreut darüber, dass der Bericht bestätigt, dass der Weg unserer Gemeinschaftsschulen erfolgreich ist. Unser Modellprojekt hat gezeigt, dass individuelle Förderung tatsächlich zu besseren Ergebnissen führt – und zwar unabhängig von den sozialen Voraussetzungen. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass die im Modellprojekt begleiteten Gemeinschaftsschulen Schulen sind, die sich freiwillig auf den Weg der individuellen Förderung und inneren Differenzierung begeben haben. Das ist natürlich nicht bei allen Gemeinschaftsschulen der Fall. Es gibt auch Schulen, die den Weg gegangen sind, weil sie beispielsweise Angst hatten, sonst abgewickelt zu werden. Diese Schulen sind in der Regel nicht erfolgreich.

bbz: Lässt sich daraus schließen, dass es die Gemeinschaftsschule für alle gar nicht geben kann?

Arnz: Ich meine nur, dass es kein Selbstläufer ist. Vor dem Start des Modellprojekts haben wir uns intensiv darum bemüht, dass sich Schulen freiwillig bewerben und wir von vornherein eine Akzeptanz für diese neue Schulform haben. Im Jahr 2008 sind wir mit elf Schulen gestartet. Wir waren uns einig, dass das Projekt nur Erfolg hat, wenn diese elf Schulen erfolgreich sind. Und erfolgreich sind sie nur, wenn sie das Projekt zu ihrem eigenen machen.

bbz: Ist der Erfolg einer solchen Reform also in erster Linie eine Einstellungsfrage?

Arnz: Schule kann nur funktionieren, wenn alle Beteiligten eine ernsthafte Rolle spielen. Und das sind zu allererst die Schülerinnen und Schüler. Für den Grundgedanken der Partizipation habe ich mich immer ganz besonders stark gemacht. An meiner alten Schule, der Werner-Stephan-Oberschule, ist es gelungen, eine umfassende Beteiligungskultur zu etablieren – auch mit den Eltern, aber natürlich vor allem mit den Lehrkräften. Dabei geht es darum, dass sich die Lösungen für Probleme nicht die Schulleitung oder Verwaltung ausdenkt, sondern dass die Lösungen gemeinsam mit allen Betroffenen entwickelt werden. Wenn eine Schule mit Graffitis vollgeschmiert ist, dann sollten nicht die Lehrkräfte allein überlegen, wie sie das verhindern können, sondern sie sollten mit den SchülerInnen gemeinsam überlegen. Dann kommen gute Ideen. Und nur dann funktionieren Lösungen. Schulleitungen können nicht erfolgreich sein, wenn sie ihre Ideen der Schule einfach aufpfropfen. Meine feste Überzeugung ist, dass wir in sehr vielen Schulen nach wie vor viel zu wenig Demokratie haben.

bbz: Was konntest du aus deiner führenden Position in der Senatsverwaltung denn dazu beitragen, diesen Grundgedanken in den Schulen zu verankern?

Arnz: Das Modellvorhaben »Eigenverantwortliche Schule« hatte genau diesen Ansatz. Der Begriff Eigenverantwortung ist eng mit dem Begriff der Partizipation verknüpft. Partizipation bedeutet immer auch, Verantwortung zu übernehmen. Für eine Schule heißt das konkret: Verantwortung übernehmen für den Erfolg der Schülerinnen und Schüler. Dafür die Bedingungen zu schaffen ist wiederum Aufgabe der Senatsverwaltung. Die Personalkostenbudgetierung zum Beispiel ist im Rahmen dieses Modellvorhabens entstanden. Unser Grundgedanke war, den Schulen freies Geld in die Hand zu geben und so Handlungsfreiräume zu schaffen. Das Geld sollte da sein, um Projekte zu gestalten, die sonst an Schulen nicht funktionieren. Das hat sich bis ins Bonusprogramm und in den Verfügungsfond fortgesetzt.

bbz: Diese Programme sind in der GEW umstritten. Viele KollegInnen halten sie für einen Tropfen auf dem heißen Stein. Anstatt die Schulen insgesamt besser auszustatten, versucht der Senat mit Bonus-Zusatzprogrammen Lücken zu füllen.

Arnz: Die Frage der Ausstattung ist ein Dauerthema. Natürlich ist mehr wünschenswert. Aber wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben. Jetzt gerade ist ja wieder Wahlkampf; wenn keine der für eine Regierung in Frage kommenden Parteien die Forderung nach mehr Ressourcen in ihr Wahlprogramm aufnimmt, dann wird es auch nicht mehr Ressourcen geben.

bbz: Aber wie sollen die Lehrkräfte mehr Verantwortung übernehmen und zusätzliche Projekte gestalten, wenn sie völlig überlastet sind? Unter anderen Bedingungen würden viele KollegInnen bereitwillig Eigenverantwortung übernehmen.

Arnz: Ich wage mal eine provokante These: Angenommen wir würden fünf Prozent mehr Lehrkräfte in die Berliner Schule schicken – es würde sich grundsätzlich nichts ändern! Die Entlastung würde irgendwo versickern und zu keiner spürbaren Veränderung führen. Im Rahmen der Strukturreform haben wir die Reduzierung der Unterrichtsverpflichtungen der damaligen Haupt- und Realschullehrkräfte um eine Stunde beschlossen. Das kostet jedes Jahr fast fünf Millionen Euro. Die betroffenen Lehrkräfte berichten aber, dass sie keinerlei Entlastung erfahren haben. Das Bonusprogramm und der Verfügungsfond eröffnen hingegen Möglichkeiten, die mit einer besseren Ausstattung nicht zu erreichen sind. Wenn man noch so viele Lehrkräfte in die Schule stecken würde, würde die Schule deshalb nicht automatisch besser werden.

bbz: Wovon wird die Schule dann besser?

Arnz: Die Schule braucht zum Beispiel Kooperationspartner wie die freien Träger der Jugendhilfe. Erfolgreiche Schulen holen zur Unterstützung Leute von außen in die Schule. Ob das dann auch als Entlastung wahrgenommen wird, hängt vom Prozess der Unterrichts- und Arbeitsgestaltung in der Schule ab. Ist das ein partizipativer Prozess oder wird nur von der Schulleitung entschieden? Ist es ein Prozess, in den sich Lehrkräfte mit ihren Themen einbringen können? Wie wird mit Teamarbeit umgegangen? Wenn wir die Mittel, die wir jetzt in die Schule geben, stattdessen in mehr Lehrkräfte investiert hätten, hätten wir nichts bewirkt. Davon bin ich überzeugt.

bbz: Über die von dir beschriebenen Mittel entscheiden die Schulleitungen. Sie erhalten also noch mehr Macht. Inwiefern hilft das dem Kollegium?

Arnz: Partizipative Kultur gekoppelt mit mehr Eigenverantwortung in der Schule ist der Weg. Es nützt natürlich nichts, wenn eine Schulleitung die komplette Entscheidungsgewalt hat. Aber irgendwo müssen die Entscheidungen getroffen werden. Wir müssen Schulleitungen also so qualifizieren, dass sie ihre Aufgabe als eine partizipative auffassen. Da liegt für mich eine wesentliche Aufgabe der Schulaufsicht. Übrigens: Auch die Schulaufsicht sollte dem Gedanken Dialog und Unterstützung folgen und nicht top-down arbeiten. Die eigenverantwortliche Schule braucht nämlich keine Schulaufsicht, die bloß Vorgaben macht, sondern sie braucht eine Schulaufsicht, die unterstützt. Die Senatsverwaltung kann selbst nur erfolgreich sein, wenn sie gemeinsam mit den Schulen versteht, was die SchülerInnen brauchen. Mein Anliegen über die letzten zwölf Jahre war immer, innerhalb der gesamten Schulhierarchie Strukturen zu schaffen, in denen Partizipation realisiert wird – übrigens ein Anliegen, das der Senatorin Sandra Scheeres besonders wichtig ist. Ich muss heute aber auch selbstkritisch sagen, dass die Überlegungen aus dem Modell der Eigenverantwortlichen Schule nicht tiefgreifend genug umgesetzt worden sind. Das Modellprojekt Gemeinschaftsschule hingegen ist für mich ein gutes Beispiel, wie Reformen von oben möglich werden: Indem diejenigen an der Basis, die sie umsetzen sollen, von vornherein aufs Engste beteiligt werden. Dort ist uns das gut gelungen.

bbz: Kommen wir also zurück zu unserem Ausgangsthema: Die Gemeinschaftsschule war schon in deinen früheren Jahren als Schulleiter und GEW-Funktionär eines deiner zentralen Themen. Konntest du dir in der Senatsverwaltung denn immer treu bleiben, was deine bildungspolitischen Überzeugungen angeht?

Arnz: Ich habe mich in meiner Rolle in der Senatsverwaltung nie verraten. Aber natürlich habe ich auch Entscheidungen vertreten, beispielsweise zum Thema Ausstattung, die ich mir anders gewünscht hätte. Ich war immer ein Verfechter der einen Schule für alle. In verantwortlicher Position in der Senatsverwaltung musste ich dann im Dialog mit dem damaligen Senator Zöllner erkennen und akzeptieren, dass der Gemeinschaftsschulprozess nicht allein durchführbar war, sondern nur gleichzeitig mit der großen Schulstrukturreform, die ja viele VertreterInnen der Gemeinschaftsschule als Tod der einen Schule für alle angesehen haben. Das war keine einfache Entscheidung für mich, aber ich stehe zu ihr. Ich habe mich nicht verbogen, aber ich habe ein stückweit meine Auffassung davon, was machbar ist, korrigiert.

bbz: Du hättest gerne mehr »Eine Schule für alle« gehabt?

Arnz: Ich war und bin bis heute davon überzeugt, dass eine Schule bis Klasse 10 für alle eine erfolgreiche Schule sein kann. Um zu sehen, dass das erfolgreich gelingen kann, muss man nur ins Ausland schauen. Aber wir mussten uns fragen, was konsensfähig in unserer Gesellschaft ist. Und da gilt für Deutschland insgesamt: Wenn wir die eine Schule für alle als Weg weiter verfolgt hätten, hätten wir heute gar nichts. Dann hätten wir zwar eine Gemeinschaftsschule als Modell, aber daneben die zersplitterte Struktur mit Haupt- und Realschulen. Und besonders problematisch an der alten Struktur waren ja die Haupt- und Realschulen, über die die Selektion und Segregation funktionierte. Von daher war es richtig, die Zweigliedrigkeit zu erreichen und die Gemeinschaftsschule als Modell weiterzuführen. Es ist ein großer Erfolg, dass die Gemeinschaftsschule nicht in den entstandenen Sekundarschulen subsumiert wurde. Wir sind mit dem Modell Zweigliedrigkeit plus Gemeinschaftsschule als besonderes Modell der Integrierten Sekundarschule (ISS) strukturell erfolgreich – wenn auch nicht in jeder einzelnen Schule.

bbz: KritikerInnen sagen, dass die Reform an der Dreigliedrigkeit des Systems nicht wesentlich etwas verändert hat. Erst kommt das Gymnasium, dann folgt die ISS mit eigener Oberstufe und die ISS ohne Oberstufe ist die neue »Restschule«. Sie hat große Probleme, eine gute Durchmischung der SchülerInnenschaft zu erreichen. Im Vergleich zur Hauptschule sind allerdings die Klassen in der ISS noch größer geworden.

Arnz: Ich kann an jeder einzelnen Berliner Schule nachweisen, dass das so nicht stimmt. Die Zusammensetzung hat sich in allen Schulen geändert. Die Hauptschulzusammensetzung von früher haben wir an keiner Schule mehr, mit Ausnahme von maximal fünf Schulen. Aber mal abgesehen davon: Das Entscheidende an unserer Schulstrukturreform war der Anspruch der Gleichwertigkeit nach oben, der freie Weg bis zum Abitur oder zu einem qualifizierten Schulabschluss, der in eine Berufsausbildung führt. Hier haben wir einen Riesenschritt gemacht. Allerdings ging es auch darum, die Leistungen, die die Hauptschule vorher erbracht hat, in der ISS weiter zu erbringen. Die SchülerInnen, die keiner mehr will, die unmotiviert kommen, oft aus sozial schwierigen Verhältnissen, zu erreichen. Das ist in der Summe bisher noch nicht gelungen. Wir haben die Zahl der SchulabgängerInnen ohne Abschlüsse bisher nicht senken können. Insgesamt denke ich aber trotzdem, dass wir mit der Schulstrukturreform auf dem richtigen Weg sind.

bbz: Ist dir die GEW in der Frage der Schulstrukturreform zu pessimistisch?

Arnz: Den eben skizzierten Weg der Strukturreform haben in der GEW zunächst viele kritisch gesehen. Die Linie war lange: Eine Schule für alle muss sein. Mich stört sehr, dass die GEW BERLIN immer wieder Kritik »von oben herab« geübt hat, ohne ein Verständnis dafür, welche Möglichkeiten eigentlich in bestimmten Maßnahmen liegen. Ich mach es mal an einem anderen Beispiel fest: Die Position der GEW zu den drei Präsenztagen am Ende der Sommerferien finde ich absurd und kontraproduktiv. Diese drei Präsenztage sinnvoll zu nutzen, könnte in so vielen Schulen zu einem erheblichen Schub führen, der viel Entlastung mit sich bringt. Und wenn mir jemand ernsthaft erzählt, bei über zwölf Wochen Schulferien im Jahr drei Tage festzulegen, an denen gemeinsam in der Schule gearbeitet wird, das habe etwas mit Arbeitszeitverlängerung zu tun, dann kann ich das nicht nachvollziehen. Die GEW hält hier an Prinzipien fest, ohne zu reflektieren, welche Chancen eigentlich an dieser Stelle liegen. Und das passiert häufig. Die GEW als bildungspolitische Gewerkschaft hat sich für mich zu stark zu einer alleinigen Interessenvertretungsgewerkschaft entwickelt.

bbz: Von der GEW würdest du dir eine stärkere bildungspolitische Ausrichtung wünschen. Was erhoffst du dir von deinem Nachfolger in der Senatsverwaltung?

Arnz: Ich würde mir wünschen, dass er den Weg, den wir zum Beispiel mit der Gemeinschaftsschule und der Schulstrukturreform gegangen sind, fortsetzt und schaut, welche Unterstützung die Schulen brauchen, um den Weg zu guter Schulentwicklung noch erfolgreicher gehen zu können. Und ich hoffe, dass an dem Prozess festgehalten wird, eine Kultur des Dialogs und der Beteiligung in den Schulen zu etablieren, auch zwischen der Senatsverwaltung und den Schulen. Wenn ich das in der Summe zusammenfasse, dann ist meine Hoffnung, dass sich in der Schule und dem Schulwesen mehr Demokratie und Partizipation entwickelt.

bbz: Lieber Siegfried, vielen Dank für das Gespräch!

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