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Wilfried Seiring über seine Erfahrungen als GEW-Mitglied in der Schulverwaltung und sein aktives Pensionärsleben

 

01.09.2011 - Das Gespräch führten Klaus Will und Dieter Haase

Wilfried, du bist seit 1998 im Ruhestand, hast die Ruhe aber nur knapp ein Jahr ausgehalten, um dann Leiter des neu gegründeten Ausbildungsinstituts für humanistische Lebenskunde zu werden. War dir langweilig geworden?

Ich habe mich in die Pflicht nehmen lassen. Ich hatte sofort drei Angebote, aber für den Humanistischen Verband ein besonderes Interesse. Und ich war nicht ausgelastet mit dem Pensionärsdasein. Aber vor allem war wichtig, dass sich mit dem Ruhestand mein Gesundheitszustand verbessert hatte, denn in meiner aktiven Zeit hatte ich zuletzt doch sehr schlechte Werte, was Nieren und Leber anging. Ich weiß nicht, ob es der Stress alleine war, aber die Werte waren recht bedrohlich. Dann, ohne die tägliche Belastung –, immerhin fast täglich zehn Stunden und die Wochenenden nie ganz frei –, Erholung in meinem Garten, schwimmen und lesen: Ich hatte ziemlichen Nachholbedarf – und mit der anderen Lebensweise renkte sich alles plötzlich ein.

War dein Gesundheitszustand auch der Grund, warum du so plötzlich als Leiter des Landeschulamtes abgetreten bist?

Auch, aber es war vor allem der Streit mit der damaligen Finanzsenatorin Fugmann-Heesing. Ihre rigorose Kürzung der Bildungsausgaben war nicht hinzunehmen. Das war nicht ganz unähnlich wie bei Carl-Heinz Evers, dem damals als Schulsenator auch ein ausreichender Etat verweigert wurde, weswegen er zurücktrat. Bei den Auseinandersetzungen um die Finanzen war ich zweiter Sieger geworden. Auch der Senatorin Stahmer fehlte die politische Unterstützung.
Und wie bist du dann Leiter des neuen Ausbildungsinstituts geworden?

Es war ein verlockendes Angebot. Denn hier konnte ich endlich mal unabhängig arbeiten, war nicht weisungsgebunden. Viele in der GEW haben zwar immer gedacht, der Leiter des Landesschulamtes ist mächtig. Aber das war er keineswegs, man ist ziemlich eingebunden, die Spielräume sind eng. Aber hier, mit dem Institut, konnte ich etwas ganz Neues aufbauen. Man kannte meine Aufsätze zur Werteerziehung, meine politischen Rundschreiben. Die Arbeit im Institut war also auch inhaltlich für mich interessant. Dann wurde im Gespräch mit den Zuständigen beim Humanistischen Verband schnell klar, dass wir auf einer Wellenlänge liegen. Das zeigte sich auch anschließend in der guten kollegialen Zusammenarbeit. Und was wir aufgebaut haben, ist ja gelungen. Wir haben inzwischen den 14. Semesterdurchgang erreicht.

Wie viel Lehrkräfte sind das pro Semester?

Ungefähr 25 Lehrkräfte, die für die Ausbildung fünf Ermäßigungsstunden bekommen. Nach dem Urteil der Lehrkräfte wird das Studium sehr positiv eingeschätzt, einerseits wegen der neuen Erfahrungen und andererseits sieht man die Vorzüge in einem schülernahen Unterricht ohne Notengebung, meist in kleineren Lerngruppen. Diesen Ausbildungsgang aufzubauen mit allem, was dazugehört – Studienordnung, Prüfungsordnung, Neufassung des Rahmenlehrplanes – , war nicht ohne, zumal wir ja nicht nur Freunde in der Stadt haben. Aber wenn über 60 Prozent der Berliner konfessionslos sind, kann eigentlich keiner sagen, wir würden den Kirchen Konkurrenz machen. Ich habe immer betont, wir be-ackern eine Brache. Als ich angefangen habe mit der Ausbildung am Institut gab es 24.000 LebenskundeschülerInnen, inzwischen haben wir die 50.000 erreicht. Es gab also einen enormen Bedarf. Und wir expandieren weiter.

Gehen wir mal wieder ein Stück zurück zum Anfang deiner Laufbahn. Du gehörst zum Urgestein der GEW, inzwischen über 50 Jahre in unterschiedlichen Funktionen in der GEW sehr aktiv, seit langer Zeit auch als Vorsitzender der Fachgruppe Schulaufsicht. Wenn ich mich recht erinnere, wurde damals auch diskutiert, was Schulräte überhaupt in der Gewerkschaft zu suchen hätten. Keine ganz einfache Zeit für dich!

Das kann man wohl sagen; ich saß öfter zwischen den Stühlen. Damals als ich Oberschulrat wurde, ich war 36, stand in der blz: »Die GEW BERLIN entsendet einen ihrer sachkompetentesten und engagiertesten Funktionäre – die in gewerkschaftlicher Arbeit erworbene politische Überzeugungs- und Durchsetzungskraft wird der Oberschulrat Seiring ebenso brauchen wie die bewiesene Standfestigkeit seines kritisch-konstruktiven Engagements. Hierin wird es die GEW an Solidarität nicht fehlen lassen.« Das stimmte zunächst durchaus, die GEW war in vielen bildungspolitischen Fragen Vorreiter, man denke nur an die Gesamtschule, an die Vorklasse, die ich in Neukölln einführte. GEW-Entwürfe wurden in der Senatsverwaltung diskutiert und manches durchgesetzt. Aber das hat sich bald gegeben, da hieß es plötzlich »du bist Arbeitgeber« vonseiten der GEW. Ich habe dann meine Funktionen dort aufgegeben, das war auch OK, denn man muss ja auch einsehen, dass gewisse Interessengegensätze bestehen. Ich wurde dann zum Vorsitzenden der Fachgruppe Schulaufsicht gewählt, eine große Fachgruppe damals, in der sowohl der Landesschulrat Bath war als auch Carl-Heinz Evers, viele Oberschulräte und die Mehrzahl der Schulräte in den Bezirken – die meisten sind dann im Zuge der Auseinandersetzung in der GEW BERLIN ausgetreten. Leider.

Du nicht, warum?

Weil die Verwaltung, die Exekutive, immer auch eine kontrollierende Gegenmacht braucht in Form der Gewerkschaften. Die GEW hatte immer einige hervorragende Persönlichkeiten, die progressive bildungspolitische Vorstellungen offensiv vertraten. Deren Vorstellungen wurden in der Senatsschulverwaltung diskutiert, oft auch eingearbeitet in eigene Vorstellungen. Ich fand und finde die Gewerkschaft als Gegenmacht wichtig, deswegen unterstütze ich sie – nicht als Amtsleiter unbedingt, aber als politisch denkender Bürger. Die Lehrerschaft konnte sich des Rechtsschutzes sicher sein, sie hat dem GEW-Vorsitzenden Frister eine bemerkenswerte Besoldungsverbesserung zu verdanken.

Aber bei der Gründung des Landeschulamtes ist der GEW-Rat dann nicht befolgt worden, und dann bist du auch noch der Leiter geworden.

Ja, das war schon etwas kurios. Denn wir hatten gerade in der Fachgruppe Schulaufsicht einen Beschluss gefasst, in dem das LSA abgelehnt wurde, das war auch meine Position. In der Verwaltung war dies aber nicht durchsetzbar. Und Kleemann, der damalige Schulsenator, und alle anderen im Hause wollten unbedingt mich als Leiter haben. Man wusste von meiner SPD-und GEW-Mitgliedschaft, kannte meine DDR-Biografie – meine Biografie hat ja nicht nur zehn Jahre Faschismus aufzuweisen, sondern auch zehn Jahre Kommunismus: Nachdem ich in Greifswald relegiert wurde, habe ich in West-Berlin Examen gemacht. Zu hören war, dass mein politisch-biografischer Hintergrund und die langjährige Verwaltungserfahrung gewissermaßen das Gütesiegel für die parlamentarische Durchsetzung des LSA sein sollte.

Deswegen hast du das auf dich genommen?

Nicht nur. Denn die Einrichtung des LSA hatte ein auch für mich richtiges und wichtiges Ziel: einheitliche Verfahren in allen Bezirken zu organisieren. Bis dahin hing es sehr von der Person des Bildungsstadtrates ab, was zum Beispiel bei den Einstellungen, Umsetzungen, Beförderungen passierte. Da lief einiges in Kreuzberg ganz anders als in Zehlendorf. Deutlich wurde das beispielsweise auch bei der Gauck-Überprüfung der Lehrer aus den Ostbezirken, da gab es große Unterschiede. In Hellersdorf lief das sehr viel anders als in Lichtenberg. Und gerade bei der Gauck-Überprüfung haben mir auch die GEW-Personalräte Fingerspitzengefühl und Sensibilität bescheinigt, weil wir eben nicht schematisch vorgingen, sondern tatsächlich den Einzelfall genau betrachtet haben.

Diese Vereinheitlichung des Verwaltungshandelns war der begrüßenswerte Grund für das LSA, die offizielle Begründung »Kräftebündelung und finanzielle Ersparnis« war mehr oder weniger vorgeschoben. Diese Begründung musste später sogar herhalten, um die Auflösung des LSA zu begründen.

Und wie war die Zusammenarbeit mit der GEW damals? Da war ja Erhard Laube noch Vorsitzender.

Der Kontakt war damals eher abgebrochen. Ich bin aber nie persönlich angegriffen worden. Es ging immer um die Institution Landesschulamt – und da gab es genug Angriffsflächen, denn es wurden doch einige kräftige Fehler gemacht, kein Wunder, denn alle arbeiteten erfahrungsfrei; manches wurde zurecht kritisiert. Mal blieb eine Stelle zu lange unbesetzt, mal erfolgte eine Ausschreibung nicht korrekt.

Wilfried, du bist ja ein intimer Kenner der Senatsschulverwaltung und hast mit einer Reihe von Schulsenatoren zusammengearbeitet. Wen davon hast du besonders gut im Gedächtnis?

Das sind zwei ganz unterschiedliche Personen: Hanna-Renate Laurien und Sybille Volkholz. Beide verstanden etwas von Schule, sie wussten, wovon sie redeten – und sie ließen sich beraten.

Du hast doch sicherlich einen gewissen Einblick über deinen weiten Bekanntenkreis, wie andere mit dem Ruhestand zurechtkommen. Was hörst du da?

Wir sind zum Beispiel im »Kreidekreis« mit vielen Ehemaligen aus der Schulverwaltung zusammen. Das Erste, was ich da höre, ist Erleichterung, aber auch der Verlust an Bedeutung. Wer sich da nicht etwas parallel aufgebaut hat, weil er nicht dazu gekommen ist oder weil der Beruf eben das Leben war, hat mehr Schwierigkeiten. Ich fühle mich inzwischen ganz wohl in der HVD-Arbeit, aber auch mit meinen Hobbys, vor allem der japanischen Kunst und Literatur, aber auch anderes, zumal ich jetzt im Freundeskreis und in der Familie, hier insbesondere bei den Enkelkindern, helfen, beraten und unterstützen kann. Das war früher ja einfach zeitlich kaum möglich; bedauerlich, wenn Freundschaften vernachlässigt wurden. Und: Ich kann jetzt den Garten mit der Boulebahn genießen, den Fischteich; ich mach da zwar immer noch nicht viel, aber ich habe gelernt, wie man Brombeeren richtig schneidet. Und ich habe mir einen kleinen japanischen Garten angelegt. Mit anderen Worten: Ich fühle mich sehr wohl, obwohl die Institutsleitung auch Arbeit ist, aber eben keine fremdbestimmte Arbeit, ich kann sie mir einteilen. Wenn man so arbeiten kann, dann ist eine willkürliche Pensionsgrenze Unsinn. Dann könnte man viel flexibler mit der Altersgrenze sein. Allerdings nicht bei den Arbeitsbedingungen, die die Lehrer gegenwärtig haben, nicht bei diesen Klassenfrequenzen, der hohen Unterrichtsbelastung und den schwierigeren Rahmenbedingungen.

Wilfried, wir danken dir für dieses Gespräch.


Wilfried Seiring
Jahrgang 1935, und Leitender Oberschulrat a. D., war der erste Leiter des Landesschulamtes Berlin und ist gegenwärtig Direktor des Ausbildungsinstituts für Humanistische Lebenskunde. Seit 1960 GEW-Mitglied war er in Berlin und auf Bundesebene Vorsitzender des Ausschusses für junge Lehrer und Erzieher (AjLE) und von 1970 bis 1975 im Geschäftsführenden Landesvorstand der GEW BERLIN. Als AjLE-Vorsitzender forderte er 1971 in den »12 Punkten zur Demokratisierung der Schule« u.a. die Abschaffung des Berufsbeamtentums, die Wahl der Funktionsträger und die Drittelparität in den Schulgremien. Seit 1975 Vorsitzender der Fachgruppe Schulaufsicht und Schulverwaltung. Im Jahr 2000 erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande. Er hat insbesondere auch als Beirat mitgewirkt bei der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, der Gedenkstätte Wannseekonferenz und der Gedenkstätte Marienfelde.

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