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StandpunktAusbildungsoffensive statt Märchenstunde

Ursache des Lehrkräftemangels ist nicht die Nicht-Verbeamtung von Berliner Lehrkräften. Wer mehr Lehrkräfte benötigt, muss sie auch ausbilden. Ein Kommentar von Mark Rackles, ehemaliger Bildungs-Staatssekretär

08.09.2021 - Mark Rackles, Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft von 2011 bis 2019

In den Sommerferien war vielfach zu lesen, dass der Lehrkräftemangel in Berlin nur durch die Wiedereinführung der Verbeamtung zu verhindern sei. Vor wenigen Wochen wurde zudem eine „Kündigungswelle“ von 700 Berliner Lehrkräften mit der Nicht-Verbeamtung in Verbindung gebracht. Die Wahrheit ist: da immer mehr Lehrkräfte im Angestelltenstatus sind, erfolgen immer weniger Wechsel von Beamt*innen im sogenannten Tauschverfahren und immer mehr formale Kündigungen von Angestellten, die das Bundesland wechseln wollen – aus welchen Gründen auch immer. Die Größenordnung von 700 wechselwilligen Lehrkräften liegt nicht dramatisch über den Werten der letzten Jahre.

Liegt die Ursache des Lehrkräftemangels im tariflichen Status der Lehrkräfte begründet? Die Antwort ist eindeutig „Nein!“.

Berlin bildet wie die große Mehrheit der Länder nicht ausreichend aus. Das gilt für den Ersatzbedarf an pensionierten Lehrkräften und erst recht für den zusätzlich erhöhten Bedarf an Fachkräften, der durch pädagogische Verbesserungen im Bildungsbereich ausgelöst wird. Wir haben 2014/2015 zwar begonnen, die Studienkapazitäten auszubauen, letztlich jedoch zu spät, zu zaghaft und ohne enge Vorgaben für die Universitäten. Naiv war die Annahme, dass mehr Geld für mehr Studienplätze an den Hochschulen automatisch zu mehr Absolvent*innen führen würde.

Ich habe 2020 eine Studie veröffentlicht, die das Lehrkräftedefizit analysiert und die notwendigen Maßnahmen beschreibt. Für Berlin leiten sich daraus Maßnahmen ab, die sich auch in die von der GEW
geforderte „Ausbildungsoffensive für die Lehrkräftebildung“ einbinden lassen.

Kernelemente sind:

  • Die verbindliche und dauerhafte Fixierung einer Mindestausbildungsquote von 2,9 Prozent (reiner Ersatzbedarf an Altersabgängen) zuzüglich des durchschnittlichen Bedarfs durch pädagogische Verbesserungen. Die sinnvolle Zielzahl liegt insgesamt bei 4,5 Prozent.
  • Verbindliche Vorgaben im Rahmen der Hochschulverträge an die lehrkräfteausbildenden Hochschulen: Zielzahlen an Absolvent*innen, auch nach Fächergruppen und eine unabhängige externe Evaluation der universitären Lehrkräfteausbildung.
  • Dauerhafte Absicherung des StEPS (Studienzentrum für Erziehung, Pädagogik und Schule) als flexibel nutzbare, von den Unis unabhängige Struktur für den Quereinstieg.
  • Einbindung der Berliner Fachhochschulen in die Lehrkräftebildung, in dem sie mindestens das notleidende berufliche Lehramt ausbilden dürfen.

Maßnahmen wie diese bergen eine plausibleChance auf mittelfristige Deckung des Lehrkräftebedarfs in Berlin. Sie sind nicht durch den Ruf nach Verbeamtung ersetzbar; im Gegenteil: Bei einer Rückkehr zur Verbeamtung sind sie notwendigerdenn je, da es aufgrund der versprochenen Entlastung für die bis zu 9.000 Lehrkräfte, die aus rechtlichen Gründen nicht verbeamtet werden können, zu einem Mehrbedarf kommen würde.

Statt mit Verbeamtungssprüchen Illusionen und falsche Hoffnungen zu wecken, sollte man eine wirksame Ausbildungsoffensive aufsetzen.

Die Zeit für Märchenstunden über die heile Welt des Beamtentums läuft ab. Es ist Zeit, das Problem des Lehrkräftebedarfs strukturell anzugehen.


In einem FAQ hat auch die GEW BERLIN dargelegt, warum sie den gegenwärtigen Verbeamtungsplänen kritisch gegenübersteht.
Mehr unter www.gew-berlin.de/verbeamtung