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bbz 12 / 2019Beratung ist eine Gratwanderung

Unsere Autorin berichtet von ihrer Arbeit als Schulberaterin am SIBUZ Mitte.

05.12.2019 - Katrin Wegener

Die Rahmenbedingungen sind nicht einfach, und Erwartungen können längst nicht immer erfüllt werden.

Die Schulverwaltung denkt sich gerne lustige Abkürzungen aus. IGLU, PISA und Bärenstark wecken sicher reiche Assoziationen bei den Leser*innen. Vor ein paar Jahren sind die SIBUZen dazukommen. SIBUZ steht für »Schulpsychologisches und in-klu-sions-pädagogisches Beratungs- und Unterstützungszentrum«. In jedem Bezirk und für die zentralverwalteten und berufsbildenden Schulen gibt es je eines. Am SIBUZ ballt sich die fachliche Kompetenz von Schulpsychologie und Sonderpädagog*innen, auch Inklusionspädagog*innen genannt, anderen Beratungslehrkräften und Erzieher*innen.

Mittlerweile nun im fünften Jahr bin ich mit einem Teil meiner Stunden an den inklusionspädagogischen Teil des SIBUZ Mitte abgeordnet. Wobei von einem »Zentrum« nicht die Rede sein kann. Denn die Schulpsychologie sitzt in einem eigenen Gebäude am Gesundbrunnen. Über ein Dutzend Inklusions-pädagog-*innen dagegen teilen sich einen einzigen mittelgroßen Raum im Rathaus Mitte, am Alexanderplatz. Eigentlich sollen beide Teile seit Jahren zusammenziehen. Der Umzug scheiterte unter anderem daran, dass man im Gebäude am Gesundbrunnen die Telefonanschlüsse nicht finden konnte.

Doch es gibt an anderer Stelle Professionalisierungstendenzen. Seit dem vergangenen Schuljahr bekommen die SIBUZ-Mitarbeiter*innen Dienst-Mailadressen und nun sogar eigene Laptops. Vorbei die Zeiten, als man auf privaten Rechnern datenschutzrelevante Informationen verarbeiten und für das Versenden von dienstlichen Mails extra ins Rathaus fahren musste. In Mitte wurden regionale Beratungsteams für die Schulen eingeführt. Ich arbeite im Team mit einer anderen Sonderpädagogin und einer Schulpsychologin zusammen. Wir betreuen sechs Schulen im Wedding. Regelmäßig kommen wir zur Beratung an jede der Schulen. Wir sprechen dann mit den Pädagog*innen oder mit Eltern, hospitieren im Unterricht und suchen gemeinsam nach Lösungswegen für die aufgetretenen Probleme.

Alle Anträge auf Überprüfung sonderpädagogischen Förderbedarfs in den Bereichen Lernen, emotionale und soziale Entwicklung sowie Sprache an »unseren« Schulen werden mit den Klassenteams vorbesprochen und dann von uns unmittelbar bearbeitet. Nach Abschluss der Diagnostik führen wir mit den Eltern und dem Klassenteam ein Beratungsgespräch. In diesen Gesprächen erklären wir, was sonderpädagogischer Förderbedarf ist, welchen Anspruch auf Förderung das Kind hat und welchen Einfluss der Förderbedarf auf die zukünftigen Möglichkeiten schulischen Lernens hat. Die Eltern interessieren sich häufig besonders für den Übergang auf die Oberschule und machen sich Sorgen um den Schulabschluss ihres Kindes.

So wünschten sich beispielsweise die Eltern von Alicia, die im achten Schulbesuchsjahr eine Sprachlernklasse besucht und einige Stunden in einer sechsten Klasse hospitiert, dass sie auch nach dem Wechsel auf die Oberschule weiterhin gerne zur Schule geht. Alicia ist erst seit drei Jahren in Deutschland. Nun wurde festgestellt, dass die kognitiven Voraussetzungen es Alicia zusätzlich erschweren zu lernen, neben den vorhandenen sprachlichen und schulischen Defiziten. In der Beratungsrunde wurden gemeinsam Ideen für den künftigen Schulort und auch eine mögliche Berufsausbildung gesammelt.

Den Eltern von Maik musste erläutert werden, dass er mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Lernen nicht aufs Gymnasium gehen kann. Auch den Mittleren Schulabschluss wird er voraussichtlich nur mit viel Unterstützung erreichen können. Vorerst geht es für ihn um andere Bedarfe. Der Schock saß bei den Eltern offensichtlich so tief, dass ich für die aufklären-den Worte in einer nächsten Begegnung mit der Klassenleitung scharf kritisiert wurde. Es sei zu Hause für das Kind jetzt unerträglich, deshalb sei auch das Verhalten in der Schule wieder schlimmer geworden.

Manchmal ist Beratung eine schwierige Gratwanderung. Das SIBUZ und die Schule können nicht alle widersprüchlichen Erwartungen erfüllen, die sich mit den Begriffen »Inklusion« und »Chancengleichheit« verbinden. Aber immerhin haben wir durch die Struktur der Beratungsteams jetzt mehr Zeit, um unmit-telbar mit den Pädagog*innen vor Ort zusammenzuarbeiten. Die Bearbeitungszeit der sonderpädagogischen Anträge hat sich deutlich verkürzt. So bekommen alle Beteiligten eine schnellere Rückmeldung und zeitnahe Förderhinweise.

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