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bbz 03 / 2018Berührung mit dem Altern

Cem Erkisi im Interview mit Marko Bleiber: Wenn Junge und Alte zusammenkommen, kann das ein Gewinn für beide sein. Intergenerative Begegnungen brauchen aber Struktur und professionelle Begleitung.

01.03.2018 - Das Interview führte Cem Erkisi

Kinder sollen nach Ansicht von Marko Bleiber öfter Einrichtungen für Senior*innen besuchen. Zusammen spielen, zusammen lachen und sich herzlich voneinander verabschieden. Warum? Weil Begegnungen zwischen den sehr jungen und den sehr alten Mitgliedern unserer Gesellschaft zu einer inklusiven Bildung dazu gehören.

Gemeint ist damit nicht alleine der Vorlesenachmittag in der Kita. Es gibt vielfältige Arten der Kooperation. Im Soldiner Kiez im Wedding beispielsweise gibt es ein Projekt, bei dem es um den Abbau von Vorurteilen geht. Gegenseitige Rücksichtnahme ist dabei nicht nur für die älteren Menschen eine wichtige Erfahrung, sondern gerade die ganz Jungen können hier ein Bewusstsein für das Altern entwickeln. Das Projekt wird durch das Quartiersmanagement gefördert.

Marko Bleiber erforscht als Doktorand die Wirkung von intergenerativen Kooperationen auf beide Gruppen und gibt mir im folgenden Interview einen kurzen Einblick in seine Ergebnisse.

 

Erkisi: Was ist der intergenerative Ansatz?
Bleiber: Beim intergenerativen Ansatz geht es darum, dass verschiedene Generationen nicht nur zusammenkommen, sondern auch gemeinsam etwas tun und dabei bestenfalls voneinander und miteinander lernen. Bei dem Kooperationsprojekt, das ich im Rahmen meiner Forschungsarbeit begleite, sind das ganz konkret Kinder und Senior*innen, die sich zu regelmäßigen gemeinsamen Aktivitäten treffen.

Häufig macht das, was zwischen der eigentlichen Aktion passiert, beispielsweise das gemeinsame Kochen, den intergenerativen Ansatz so spannend: Gespräche und Fragen über Tagesabläufe, Vorlieben oder Geschichten von früher.

Bei den Begegnungen kann man beide Seiten als Entdeckende beschreiben. Es geht nicht so sehr darum, dass die Kinder von den Senior*innen Fertigkeiten lernen oder ihnen neue Spiele zeigen, sondern dass beide Seiten über gemeinsame Themen und Interessen in Kontakt miteinander kommen. In dieser Auseinandersetzung entstehen realistischere Bilder vom jeweils anderen, was in vielen Situationen schon zu Überraschungen geführt hat. So bietet der Ansatz eben auch die Möglichkeit, in Zeiten von veränderten Familienstrukturen die Vielfältigkeit unserer Gesellschaft im Rahmen dieses institutionellen Settings kennenzulernen.

Ist der intergenerative Ansatz ausschließlich für Kitas gedacht? Was ist mit Jugendlichen?
Bleiber: Intergenerative Projekte sind nicht auf die Kooperation von Kitas und Senior*inneneinrichtungen beschränkt. Es gibt eine Vielzahl an Projekten, die Menschen ganz unterschiedlichen Alters ansprechen. Hierzu gehören Jugendliche genauso wie Menschen, die gerade erst im Renteneintrittsalter sind. Weiterhin spielen Mehrgenerationshäuser eine immer größere Rolle in diesem Bereich. Wenn von »Jung und Alt« gesprochen wird, wird häufig außer Acht gelassen, dass auch die mittlere Generation an diesen Begegnungen beteiligt ist, was meinen Erfahrungen nach ganz wichtig ist.

Welche Erfahrungen gibt es denn schon mit dem intergenerativen Ansatz?
Bleiber: Es gibt mittlerweile einige Literatur zu verschiedenen Modellprojekten, Handlungsempfehlungen, wissenschaftliche Artikel und didaktische Ratgeber zur Gestaltung von intergenerativen Begegnungen. Mitunter gibt es auch schon erste Forschungsarbeiten, die sich mit den Wirkungen intergenerativer Begegnungen beschäftigen. Hier knüpft auch meine Forschungsarbeit an. Es entwickeln sich immer mehr Kooperationsprojekte und intergenerative Ansätze halten vermehrt Einzug in Bildungseinrichtungen wie Kitas. Elementarpädagogische Perspektiven stehen bisher aber kaum im Fokus des Forschungsinteresses.

Das war der Anlass für mich, ein intergeneratives Projekt aus frühpädagogischer Perspektive zu untersuchen. Denn ob in intergenerativen Settings Bildungspotenziale für Kinder aus elementarpädagogischen Einrichtungen stecken, kann bisher im besten Falle vermutet werden. Auch die Perspektive der Kinder auf die Begegnungen ist empirisch bisher nur angerissen worden. Der Schritt von einem gut gemeinten Generationenprojekt zu verlässlichen empirischem Wissen über kindliche Perspektiven und mögliche frühkindliche Bildungsprozesse stellt den Kern meiner Arbeit dar.

Welche positiven, nachhaltigen Effekte machen Sie aus?
Bleiber: Aktuell ist es noch zu früh, um von nachhaltigen Effekten sprechen zu können. Allerdings zeichnet sich in ersten Ergebnissen ab, dass es in bestimmten Entwicklungsbereichen Unterschiede zwischen Kindern mit regelmäßigem Kontakt zu Senior*innen und Kindern ohne regelmäßigen Kontakt gibt.

Weiterhin eröffnet die Studie interessante Einblicke in die Perspektive der Kinder auf die Begegnungen mit den Senior*innen. Die Kinder schildern, wie sie die Begegnungen erleben und bewerten. Sie berichten, was sie spannend fanden und ihnen gefallen hat, aber auch was sie nicht so gut fanden oder über was sie sich geärgert haben. Hier leisten sie häufig einen Perspektivwechsel und setzen diesen ins Verhältnis zu ihren eigenen Erfahrungen und ihrer Lebenssituation, beispielsweise mit ihren eigenen Großeltern.

Gibt es Probleme, die es zu bewältigen gilt?
Bleiber: Teilweise besteht die romantische Vorstellung, Treffen von Senior*innen und Kindern alleine würden schon zu positiven Wirkungen führen. Dem ist aber in den allerwenigsten Fällen so. Es bedarf einer guten Planung, vielen Absprachen, ein hohes Maß an Engagement und klaren Strukturen, um gelingende Begegnungen zu organisieren. Außerdem gibt es Probleme, wenn die Interessen der Kinder oder Senior*innen nicht berücksichtigt oder gar übergangen werden. Dass beispielsweise Senior*innen in eine gemeinsame Singgruppe geschoben werden, ohne dass sie das wollen oder dass Kinder zur Aktivierung von Senior*innen instrumentalisiert werden. Außerdem haben nicht alle Kinder oder Senior*innen Lust auf gemeinsamen Aktivitäten.

Was können Kinder durch Kontakt zu pflegebedürftigen Menschen lernen?
Bleiber: Wie bereits beschrieben, haben die Kinder in Zeiten von veränderten familiären Strukturen die Möglichkeit mit einer Generation in Kontakt zu treten, mit der sie sonst eventuell keinen Kontakt hätten. Sie lernen so die Vielfältigkeit unserer Gesellschaft kennen und können sich ein ganz reales Bild vom Altern machen.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Gestaltung intergenerativer Begegnungen ist die Vor- und Nachbereitung mit den Fachkräften. Hier geht es darum, mit den Kindern über ihre Erfahrungen, Beobachtungen, Gespräche und Deutungen zu sprechen. Die Kinder lernen sich in die Lebenssituation der Älteren hineinzuversetzen und darüber zu sprechen. Sie entdecken dabei häufig Unterschiede aber auch Gemeinsamkeiten. Weiterhin spielen während der Begegnungen soziale Kompetenzen eine Rolle.

Wie setzen Sie den intergenerativen Ansatz in den großen Kontext Inklusion?
Bleiber: Aus meiner Sicht tragen intergenerative Projekte dazu bei, die Gesellschaft zu öffnen. Pflegeeinrichtungen sind in der Regel Institutionen, die mit vielen Schwellenängsten belegt sind. So haben die dort lebenden Menschen, außer mit dem Pflegepersonal und den Angehörigen, häufig wenig Kontakt mit der Außenwelt. Dies ändert sich durch die regelmäßigen Besuche von Kindern. Häufig sind die Eltern der Kinder in die Projekte eingebunden, so dass sie beispielsweise ihre Kinder nach einer gemeinsamen Aktion anstatt aus der Kita direkt aus der Pflegeeinrichtung abholen oder bei gemeinsamen Festen beteiligt sind. So können Gespräche und Kontakte entstehen, die über die Schwellen der Institutionen hinausgehen. Ich habe auch schon erlebt, dass Eltern gezielt nach Patenschaften gefragt haben und sich der Kontakt so ausgebaut hat.

Was ist denn nötig, damit mehr solcher Projekte starten können?
Bleiber: Für ein intergeneratives Projekt ist es zunächst einmal wichtig, dass die Kooperationspartner von dem Ansatz überzeugt sind und diesen als Schwerpunkt ihrer Institution begreifen.

Der planerische Aufwand darf dabei nicht unterschätzt werden. Besonders in der Anfangszeit solcher Projekte sind regelmäßige Planungs- und Reflektionstreffen unabdingbar. Hierbei ist es wichtig, das die verschiedenen Professionen aber auch Familien und Senior*innen die Möglichkeit haben, sich zu beteiligen und ihre Expertise in die Projekte einfließen zu lassen. Im besten Falle begleiten Multiplikator*innen diese Projekte. Sie können ihre Erfahrungen weitergeben und moderieren. Zentral ist auch die Beteiligung der Kinder und Senior*innen an der Auswahl der gemeinsamen Aktionen. Dies kann durch einfache Fragen nach Spielen von früher oder gemeinsam im Gespräch entwickelte Aktions-Ideen sein. Besonders hervorheben möchte ich aber, wie entscheidend das Engagement der beteiligten vermittelnden Generation ist. Hier sollte der Spaß im Umgang mit den Generationen aber auch die Lust Neuland zu betreten vorhanden sein.