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blz 12 / 2014Bescheidene Ansprüche an eine neue Institution

Die Jugendberufsagentur soll helfen, mehr Jugendliche auszubilden. Kann sie das überhaupt?

01.12.2014 - von Manfred Triebe, Arbeitslehre-Experte

Berlin ist Spitze! Jedenfalls bei der Jugendarbeitslosigkeit. Die aktuellen Zahlen (August 2014) weisen knapp 18 000 arbeitslose Jugendliche unter 25 Jahren aus, das sind 11,6 Prozent bei den Jobcentern registrierte junge Menschen. Das ist zwar weniger als noch 2013 (12,4 Prozent), aber deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt (6,8 Prozent) und deutlich mehr als beispielsweise in Hamburg (6,6 Prozent).

Was läuft schief in Berlin?

Hamburg hat in den letzten zwei Jahren die Übergangsquoten in eine Ausbildung verdreifacht. Und Hamburg hat seit 2012 eine Jugendberufsagentur. Besteht da ein Zusammenhang? Der Berliner Senat sieht das offenbar so, denn im Januar 2014 hat er das Projekt Jugendberufsagentur (JBA) auf den parlamentarischen Weg gebracht. Offenkundig verfehlt die bisherige Form der Beratung durch Jobcenter, Sozialämter und Schule ihr Ziel. Anfang September 2014 wurde deshalb über die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung für Berlin in der Friedrich--Ebert-Stiftung mit Berlins Bildungssenatorin, VertreterInnen des »Hamburger Modells« und ExpertInnen informiert und diskutiert und die Berliner Variante einer JBA vorgestellt. Sandra Scheeres nannte als Zielvorstellung zur Reduzierung der Zahl arbeitsloser Jugendlicher den bestmöglichen Schulabschluss für jeden Jugendlichen als ersten Schritt.

Das steht allerdings genau in dieser Formulierung bereits seit 2010 im Berliner Schulgesetz und hat das Problem der hohen Jugendarbeitslosigkeit bisher nicht verändert. Was also ist neu und vor allem besser an einer Jugendberufsagentur im Vergleich zum bisherigen Zustand der Beratung und Vermittlung von SchulabgängerInnen in Ausbildung und Erwerbstätigkeit?

Vorhandene Ressourcen sollen gebündelt werden

Zunächst muss man wissen, dass es sich bei der geplanten Jugendberufsagentur nicht um eine neue Institution im eigentlichen Sinne, mit eigenem Personal, eigenem Haushalt und eigener Rechtsform handelt, vielmehr sollen vorhandene Ressourcen gebündelt werden. Über die Hamburger Variante sagte der Geschäftsführer des Instituts für Berufliche Bildung »wer trotz Beratung keine reguläre Ausbildung bekommt, muss eine schulische Ausbildung erhalten. Voraussetzung ist die Erfassung aller Schülerinnen und Schüler ab dem 8. Schuljahrgang«.

Nach der Entlassung aus den Schulen werden die Jugendlichen »belagert«, man nennt das dort auch aufsuchende Beratung. Damit soll sichergestellt werden, dass tatsächlich niemand »verloren geht«. Die Hamburger setzen damit auf eine intensive Betreuung vor allem der eher schwer vermittelbaren SchulabgängerInnen. Selbst wohnungslose Jugendliche wollen sie mit einem sogenannten »Couchhopping« erreichen. Im Konzeptpapier des Berliner Senats für die geplante Jugendberufsagentur liest sich das ähnlich:

  • Alle schulpflichtigen Jugendlichen werden so lange aktiv angesprochen, bis sie eine Ausbildung oder Arbeit aufgenommen haben.
  • Beratung für SchülerInnen der Sekundarstufe II, die die Schule abbrechen
  • Systematische, verbindliche und kontinuierliche Vernetzung der beteiligten AkteurInnen.
  • Direkter Informationsaustausch und gemeinsames Fallmanagement sichern jungen Menschen ohne Umwege die Integration in Ausbildung und Arbeit.
  • Übergreifende Planung und Abstimmung der Maßnahmen zur Berufsvorbereitung, Ausbildung sowie Absicherung des Ausbildungserfolges.
  • Arbeitslosigkeit wird vermieden.
  • Doppelförderung und Förderlücken werden vermieden.
  • Die verbesserte berufliche Integration junger Menschen trägt zur Deckung des Fachkräftebedarfs bei.
  • Damit »niemand verloren geht« erfassen die Schulen alle Jugendlichen der Abschlussklassen im berufsorientierenden Unterricht.

Das kann man alles bedenkenlos unterschreiben. Es fragt sich allerdings, ob eine neue Institution die Problemlösung bringt und vor allem, warum sich die Senatorin auf der Veranstaltung um eine klare Beantwortung der Frage nach einer Ausbildungsgarantie gedrückt hat. In der Beantwortung einer Anfrage der Abgeordneten Katrin Möller (Die Linke) vom 14. Januar 2014 wurde eine solche vom DGB schon länger geforderte Ausbildungsgarantie sogar abgelehnt: »…unmittelbare Verpflichtungen zu formulieren ergibt keine Handlungsgrundlage für die Kooperation in dem Projekt JBA. Es wird darauf ankommen, die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe für die große Gruppe von Jugendlichen mit durchschnittlichen und in manchen Fällen auch unterdurchschnittlichen Schulabschlüssen zu öffnen.«

Der Senat strebt eher eine Einbindung der Wirtschaft in die strategische Steuerung der JBA an. Wir erinnern uns: Der sogenannte Nationale Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs der Bundesregierung von 2004, der auf Freiwilligkeit und Einbindung der Wirtschaft setzte, hat das Problem der Jugendarbeitslosigkeit nicht gelöst, allerdings eine Ausbildungsabgabe für Betriebe ohne Ausbildungsplätze verhindert.

Die Kooperation macht den Erfolg

Die Caritas wertet seit einigen Jahren regelmäßig die Zahlen jugendlicher SchulabgängerInnen ohne Abschluss aus. In der letzten Auswertung sagt Caritaspräsident Neher: »Die Ergebnisse zeigen deutlich: Wenn vor Ort Politik, Schulen, Arbeitsämter und Wirtschaft kooperieren, schaffen mehr Schüler einen Abschluss. Mit einem Mix aus Schulsozialarbeit, frühen Hilfen, Berufsorientierung, Elternarbeit und Angeboten für schulmüde Jugendliche können wir Kinder effizient darin unterstützen, einen Schul-abschluss zu erlangen.« Ein Schulabschluss ist eine Basis für die Vermittlung in Ausbildung und Beruf.

Ob die geplante JBA diese Kooperationen organisieren kann, wird sich zeigen müssen. Die Ansprüche des Senats an die JBA sind eher bescheiden. Die Senatorin nannte auf der Veranstaltung als Ziel, die aktuelle Jugendarbeitslosigkeit (11,6 Prozent) auf unter 10 Prozent zu drücken. Bei knapp 18.000 arbeitslosen Jugendlichen unter 25 im Januar 2014 (Tagesspiegel) sind dies bei einer angenommenen Quote von 9 Prozent (optimaler Wirkungsgrad der neuen Struktur) im Jahr 2016 rund 4.000 Jugendliche weniger. Wir sind gespannt.

Der Bezirk Marzahn hat die Zahlen seiner arbeits-losen Jugendlichen in den letzten beiden Jahren ohne eine neue »Institution« um ein Drittel reduziert. Vielleicht holt sich die Senatsverwaltung dort mal Rat?


Dieser Artikel ist Teil des blz-Themenschwerpunkts „Aktuelles aus der Beruflichen Bildung“

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