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SenioRitaBilder von Alt und Jung in der Corona-Krise

Während der Coronapandemie wurde immer wieder ein Generationenkonflikt heraufbeschworen: mit den Alten und Krankheitsanfälligen auf der einen und den Jungen und Gesunden auf der anderen Seite.

05.05.2021 - von Helga Pelizäus und Jana Heinz

Während der Coronapandemie wurde immer wieder ein Generationenkonflikt heraufbeschworen, mit den Alten und Krankheitsanfälligen auf der einen und den Jungen und Gesunden auf der anderen Seite. Dabei haben sich die Medien häufig stark stereotypisierender Bilder von älteren Menschen bedient.

Vor allem in Anlehnung an Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) werden ältere Menschen derzeit meist als schutzbedürftig und hilflos beschrieben, als Gruppe mit hohem Risiko für schwere Krankheitsverläufe und Sterblichkeit. Diese vereinfachte Typisierung ist problematisch, da sie das gesellschaftliche Miteinander prägt. Altersbilder verfestigen sich in dem Maße, wie sie konkretes Handeln anleiten. Dass sie sich auch in den Köpfen der älteren Menschen selbst verfestigen können, zeigen zum Beispiel Studien, die belegen, dass sich pflegebedürftige Menschen umso weniger selbstständig verhalten und fühlen, je mehr Unterstützung sie erfahren. Das gegenwärtig herrschende Altersbild steht in deutlichem Widerspruch zum sechsten Altenbericht der Bundesregierung, in dem 2010 dazu aufgefordert wurde, das Alter gerade nicht mit Krankheit, Fürsorge- und Hilfsbedürftigkeit gleichzusetzen, sondern die Heterogenität und die Kompetenzen und Potenziale älterer Menschen zu betonen.

Ein pauschalisierendes Bild wird auch von Kindern und Jugendlichen gezeichnet. Schon jetzt werden sie mitunter als »Generation Corona« bezeichnet, die unter den eingeführten Maßnahmen am meisten leide. So wurde beispielsweise in öffentlichen Diskursen bereits nach wenigen Wochen Homeschooling festgehalten, dass die Pandemie Bildungsprobleme verschärft. Dabei wird mitunter übersehen, dass diese nicht per se Folgen der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie sind. Vielmehr kommen zwei seit Langem bekannte Funktionsdefizite des deutschen Bildungssystems zusammen: die starke Korrelation zwischen sozioökonomischem Status der Eltern und dem schulischen Erfolg ihrer Kinder sowie eine unzureichende digitale Infrastruktur.

Klischees in den Medien

Der medialen Berichterstattung kommt mit Blick auf die Stereotypisierung von »Alt« und »Jung« eine besondere Bedeutung zu. Mediale Diskurse lassen sich als argumentative Praxis charakterisieren, durch die kollektives Wissen hervorgebracht und abgesichert wird. Sie werden nicht einseitig von Individuen erzeugt, sondern produzieren und formieren auch Wahrnehmungen und »Wahrheiten« für andere. Damit erzeugen sie Regeln, die bestimmen, was und wie über Dinge gesprochen und was verschwiegen wird, was als wahr und was als falsch erscheint. Gerade in gesellschaftlichen Ausnahmezuständen wie den gegenwärtigen sind Diskurse zur Verständigung über Veränderungen, Risiken und »Normalität« wesentlich. Sie spiegeln die Einstellung der Gesellschaftsmitglieder wider, beschreiben sie und prägen das Bewusstsein in Hinblick auf Gefahren, Gefährdete sowie die Angemessenheit politischer Maßnahmen.

Mit einem inhaltsanalytischen Verfahren haben die Autorinnen die Online-Berichterstattung von drei großen Zeitungen im Zeitraum von März bis September 2020 zum Thema Corona in Verbindung mit dem Generationen-Thema ausgewertet. Sie unterscheiden zwischen vier Phasen, in denen sich die Berichterstattung nach und nach verändert und kommen zu folgenden Ergebnissen:

Im Februar 2020 wiesen erste Erkenntnisse des RKI darauf hin, dass das Virus für ältere Menschen besonders gefährlich ist und das Risiko tödlicher Krankheitsverläufe mit dem Alter statistisch zunimmt. Auf dieser Basis wurde in der Folge vielfach ein Bild älterer Menschen als stark gefährdet und schutzbedürftig gezeichnet. Neben Menschen mit Atemwegserkrankungen wurden sie zur Risikogruppe erklärt. Diese Stereotypisierung erschien präzise und eindeutig genug, um zumindest für ein wenig Klarheit in der ansonsten unüberschaubaren Situation zu sorgen. Und mit dieser Festlegung konnte über geeignete Strategien zur Eindämmung der Gefährdung nachgedacht werden – etwa darüber, dass die »Alten und Schwachen (…) zu schützen« seien, die Situation insbesondere ihnen »eine striktere Isolation« vorschreibe. Die Jüngeren dagegen sollten »Verantwortung für die ältere Generation« übernehmen.

So hilfreich das Bild älterer Menschen als eindeutige Risikogruppe auf der einen Seite sein mag, so unpassend ist es auf der anderen. Es wird einerseits die Heterogenität des Alters ignoriert, die sich unter anderem in der großen zeitlichen Lebensspanne ausdrückt. Andererseits, und das wiegt schwerer, wird ein teils defizitäres Altersbild gezeichnet, das die Selbstbestimmtheit älterer Menschen völlig übersieht. Eigenverantwortlichkeit wird ihnen pauschal abgesprochen – beispielsweise mit den Worten, sie »seien dankbar, dass jemand ihre Sorgen ernst nehme«.

Abstand im Namen der Solidarität

Vor dem Hintergrund der definierten Risikogruppe wurde in der zweiten Phase insbesondere über geeignete Strategien zu ihrem Schutz diskutiert. Zugespitzt kann zwischen zwei Positionen unterschieden werden:

Die erste Position erachtete die nun von der Politik nach und nach eingeführten Maßnahmen für sinnvoll. Hier lautete das Motto, Abstand zu halten im Namen der Solidarität. Im überwiegenden Maße wurden die Schließung öffentlicher und privater Einrichtungen, Grenzschließungen und Kontaktbeschränkungen, also all das, was meist unter dem Begriff »Lockdown« verhandelt wird, akzeptiert. Die Pandemie, so wurde betont, sei zugleich eine Chance, Verantwortung für andere zu übernehmen und damit der eigenen Rolle als Staatsbürger*in gerecht zu werden.

Die zweite Position vertrat den Ansatz, dass ältere Menschen freiwillig zu Hause bleiben sollten, damit die Jungen ihr Leben weitgehend unbeschränkt fortführen können. So wurde beispielsweise ein Mediziner mit den Worten zitiert, es würde »die Zahl der schweren Infektionen verringern, wenn die Gruppe der über 75-Jährigen zu Hause bleibt, und je mehr Alte dies tun, desto früher können die Jungen wieder raus«. Teils wurde auch über Berechnungen des Ökonomen Bernd Raffelhüschen berichtet, der behauptete, durch den sogenannten Lockdown sei die Zahl der gewonnenen Lebensjahre für die Gesamtgesellschaft geringer als ohne ihn, Rücksichtnahme der Jungen auf die Alten rechne sich also volkswirtschaftlich nicht. Auch die Aussage des grünen Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer lässt sich hier einordnen: »Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären.«

Diese Position verweist auf einen Generationenkonflikt, der auf unterschiedlichen Ebenen – Einkommen, Wohn- und Arbeitssituation, soziale Bedürfnisse oder Ähnliches – diskutiert wird, mit dem immer gleichen Ergebnis: Die Rentner seien die Gewinner in der Krise, während die Jungen die Kosten zu tragen hätten.

Die beiden Positionen inhärenten Altersbilder ähneln sich in dem Sinne, dass die Typisierung der älteren Generation als Risikogruppe nun nicht mehr infrage gestellt wurde. Unterschiede zeigten sich allerdings in der Hinsicht, dass von Vertreter*innen der ersten Position das Altersbild aus der vorherigen Phase vollständig übernommen wurde. Ein Bild von Zerbrechlichkeit und Gefährdung älterer Menschen wurde gezeichnet; diese bedürften dringend der schützenden Gemeinschaft. Die geforderte Solidarität bezog sich auf die gesamte Gesellschaft, ein Generationenkonflikt wurde nicht inszeniert. Vertreter*innen der zweiten Position hingegen sprachen den älteren Menschen Verantwortung zu und forderten sie auf, sich freiwillig zu isolieren, um den Jungen ihre Freiheiten zu erhalten. Hier wurde ein Generationenkonflikt konstruiert, der zwischen Gewinnern und Verlierern unterscheidet, wobei den Alten die Rolle der Gewinner zugeschrieben wurde.

Veralltäglichung der Krise

In der dritten Phase fand bei der Mehrheit der deutschen Bevölkerung eine Art Veralltäglichung der Krise statt. Das medial vermittelte Krisenszenario wurde nun mehr oder weniger als gegeben hingenommen und es wurde versucht, im Alltag möglichst konstruktiv damit umzugehen. In der medialen Berichterstattung zeigte sich diese Veralltäglichung darin, dass vormals viel diskutierte Aspekte, etwa die Konstruktion der Älteren als Risikogruppe und die Notwendigkeit eines »Lockdowns« zu ihrem Schutz, kaum noch infrage gestellt wurden. Sie waren zum quasi unhinterfragten Fundament für weitere Entscheidungen geworden.

Die Standpunkte einer kleinen Minderheit Andersdenkender – sich selbst so bezeichnende »Querdenker« – wurden zwar nicht ignoriert, erhielten aber nur am Rande Beachtung. Vielmehr standen nun die Herausforderungen im Mittelpunkt, sich mit den Folgen des »Lockdowns« zu arrangieren. Es wurde kontrovers diskutiert, wie die Maßnahmen jeweils anzupassen seien, damit sich Einschränkungen und Verluste in Grenzen hielten. Entsprechend der föderalen Staatsordnung wurde viel über national, regional und kommunal unterschiedlich zu handhabende Regeln und Verbote und deren Vor- und Nachteile berichtet. Die Risikogruppe der Älteren geriet mehr und mehr aus dem Blick, da eine neue Risikogruppe »entdeckt« wurde: die Kinder und Jugendlichen.  

Auszug aus dem Heft 52-53/2020, Dezember 2020, der Zeitschrift »Aus Politik und Zeitgeschichte« der Bundeszentrale für politische Bildung. Der vollständige Artikel ist abrufbar unter www.bpb.de/apuz/generationen-2020/