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studieren in ArmutBildung für Alle statt Bildung für Reiche

Auf dem Höhepunkt der Coronapandemie führte der Refrent_innen-Rat der HU Berlin eine Umfrage über die Auswirkungen der Krise auf das Leben der Studierenden durch. Die Ergebnisse zeigen, wie dramatisch sich die Situation vieler verschlechtert hat.

06.10.2020 - von Juliane Ziegler

Als Mitte März die Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung der Coronapandemie in Kraft traten und das öffentliche wie kulturelle Leben quasi zum Stillstand kam, wurde schnell deutlich, dass das kurz- und mittelfristig zu einem massiven Abbau von Jobs führen würde. Minijobs und Leiharbeitsverhältnisse werden nicht nur an Hochschulen zu einem Großteil von Studierenden erledigt. Da sich etwa zwei Drittel der Studierenden deutschlandweit mit Nebenjobs das Studium finanzieren, war uns von Anfang an klar, dass die Krise hier besonders hart treffen würde. Die Frage, die uns beschäftigte, war also nicht, wo die Probleme liegen, sondern welches Ausmaß sie haben. Eine Umfrage zur Studiensituation in der Coronakrise, die wir Ende April bis Anfang Mai 2020 durchführten und an der sich über 4.000 Studierende beteiligten, offenbarte eine unhaltbare Situation. Die Ergebnisse dienten uns auch dazu, zu bewerten, welche Maßnahmen im Vordergrund stehen sollten und wie sie umzusetzen wären. Unsere Unileitung und auch der Senat sind leider nicht dafür bekannt, auf eigene Faust die studienfreundlichen und notwendigen Lösungen zu finden.

Nachdenken über den Studienabbruch

Die gravierendsten Ergebnisse der Umfrage umfassen die finanzielle Situation der Studierenden und die Studienbedingungen. Allein etwa die Hälfte der Studierenden mit einem Nebenjob gaben an, Auswirkungen auf ihre finanzielle Situation zu verzeichnen, die Gehaltseinbußen umfassen und Existenz-ängste zur Folge haben. Rund 90 Prozent der Befragten gaben an, dass sie damit rechnen, aufgrund der Pandemie jetzt oder künftig stärkeren Belastungen im Studium ausgesetzt zu sein. Bestätigt hat sich das durch zahlreiche Berichte über überproportionale Arbeitsbelastungen, was die Vor- und Nachbereitung der Lehrveranstaltungen sowie die Arbeitsleistungen angeht. Die Erfahrungen einzelner Studierender decken sich hier mit dem Feedback vieler Fachschaftsvertretungen. Wir hatten zu Beginn der Vorlesungszeit außerdem das Problem, dass viele Studierende keine Plätze in den benötigten Lehrveranstaltungen bekommen haben. Auch das schlug sich in den Umfrageergebnissen nieder: gut 50 Prozent der Befragten gaben an maximal 75 Prozent des üblichen Studienpensums erfüllen zu können, auch weil sich der Zugang zu den digitalen Lehrformaten in diesem Semester erschwerte (56 Prozent). Angesichts dieser Situation ziehen rund 30 Prozent der Befragten einen Studienabbruch in Erwägung. 7 Prozent gaben sogar an, stark bis sehr stark darüber nachzudenken.

Es hat sich zudem gezeigt, dass Studierende mit Kindern und ausländische Studierende nochmal stärker betroffen sind. Fehlende Kitabetreuung, Homeschooling und so weiter wirken sich natürlich auch auf die Möglichkeiten aus, am Universitätsbetrieb teilzunehmen, selbst wenn er online stattfindet. Ausländische Studierende, insbesondere diejenigen aus Nicht-EU-Staaten, hatten neben der ohnehin schon häufiger prekäreren Finanzierungsituation in vielen Fällen auch noch mit aufenthaltsrechtlichen Problemen zu kämpfen. Innerhalb dieser Gruppen ist die Quote derjenigen, die über einen Abbruch nachdenken, deutlich höher: Bei Studierenden aus Nicht-EU-Staaten liegt sie bei 41 Prozent, bei Studierenden mit Kindern sogar bei 44 Prozent. Zudem geben rund 50 Prozent der Studierenden mit Kindern an, die Vereinbarkeit von Studium und Kindern habe sich massiv verschlechtert.

Materielle Grundsicherung für alle

Es gibt keinen Zweifel, dass die Ergebnisse unserer Umfrage mit leichten Schwankungen auf andere Bundesländer übertragbar sind. Die breite Datenbasis und die Universalität der Krise, die sozial- und finanziell schlechter gestellte Menschen überall ungleich härter trifft, lassen das ohne weiteres zu. Sie dürfte auch an Aktualität nicht eingebüßt haben. Schließlich gibt es bis heute keine finanzielle Hilfe für Studierende, die nicht ein schlechter Witz wäre.

Außerdem zeigt der Prüfungszeitraum des Sommersemesters, dass wesentlich weniger Studierende angesichts des chaotischen Prüfungsgeschehens bereit sind Prüfungen zu schreiben und stattdessen lieber Studienverzögerungen in Kauf nehmen. Rechtswidrige und restriktive Ausgestaltungen der Prüfungsformate, technische Schwierigkeiten und uneinheitliche Regelungen verschärfen diese Situation noch. Selbst bei einer temporären Verbesserung der Studiensituation und der finanziellen Lage einiger, werden diese Probleme für einen großen Teil mittel- bis langfristig bestehen bleiben. Zumal sich im letzten halben Jahr gezeigt hat, dass es kaum politischen Willen gibt an dieser Situation etwas zu ändern. Dabei liegen die Zahlen auf dem Tisch. Sie sind ein klarer Handlungsimperativ an Politik und Hochschulen.
Auch für Studierendenvertretungen müssen diese Zahlen die Handlungsgrundlage sein. Und so versuchen wir Verbesserungen zu erreichen, wo es geht.

Beratungsangebote sind ein Teil davon, aber oft genug nur Symptombekämpfung, die die eigentlichen Probleme nicht lösen kann. Politische Probleme brauchen politische Lösungen und nicht deren Individualisierung. Bereits zu Beginn der Krise haben Studierendenvertretungen bundesweit darauf hingewiesen, was zu tun wäre. Es gab offene Briefe und unzählige Gespräche mit Hochschulleitungen und Politiker*innen, die darauf abzielten, die schlimmsten Auswirkungen auszugleichen und die materielle Lebensgrundlage der Studierenden zu sichern. Wir hatten zwar Ende März in einer Lageeinschätzung bereits einige notwendige Maßnahmen aufgelistet, die die Hochschulen und Politik hätten treffen müssen, um eine soziale Segregation der Studierendenschaft zu verhindern, bedauerlicher Weise wurde hinsichtlich der materiellen Situation der Studierenden aber bis heute nichts verbessert. Es wurde im Gegenteil deren fortschreitende Verschlechterung in Kauf genommen.

Die Öffnung des BAföG und Hartz IV für alle Studierenden, unabhängig von Staatsbürgerschaft oder Aufenthaltstitel, wäre machbar, eine materielle Grundsicherung für alle, statt Milliardenhilfen für Unternehmen, notwendig. Studierenden letzten Endes nur die Wahl zwischen massiver Verschuldung und einem Zuschuss, dessen Bewilligung scheinbar ausgewürfelt wird, zu lassen, wird langfristig einigen nur die günstigere Option des Studienabbruchs lassen – gerade für ausländische und Studierende mit Kindern. Wenn wir nicht wollen, dass das Hochschulstudium wieder in erster Linie den Deutschen, Gutsituierten und Kinderlosen vorbehalten ist, muss dieses reaktionäre Krisenmanagement beendet werden. Die Probleme sind identifiziert, die Lösungen liegen auf dem Tisch. Es ist allerhöchste Zeit für Politik und Hochschulleitungen Mut und Verantwortung zu beweisen und zu handeln, anstatt uns weiter mit Lippenbekenntnissen abzuspeisen.