GEW - Berlin
Du bist hier:

Klimakrise - was tun wir?Bildung für Klimaschutz und Nachhaltige Entwicklung

Veränderungen im Bildungsbereich sind notwendig, um eine zukunftsfähige nachhaltige Entwicklung in Gang zu setzen.

04.09.2020 - von Pia Paust-Lassen

Was die Corona-Pandemie heute an Folgen von Biodiversitätsverlusten und sozialen Missständen sichtbar macht, wird seit vielen Jahren in den Diskursen zur nachhaltigen Entwicklung immer wieder betont. Seit Dennis Meadows´ Studie »Grenzen des Wachstums« 1972, der UN-Konferenz in Rio de Janeiro 1992 und ihren Folgekonferenzen bis zum Beschluss der Agenda 2030 in New York im Jahr 2015 sind die Auswirkungen unserer »kannibalischen Weltordnung« (Jean Ziegler 2015) bekannt. Die Agenda 2030 verpflichtet die Regierungen, extreme Armut und Hunger zu beseitigen und die natürlichen Lebensgrundlagen für alle Menschen zu schützen.

Durch die Corona-Pandemie sind die Folgen der globalisierten Wirtschaft mit all ihren wechselseitigen Abhängigkeiten und Gefährdungen schlagartig sichtbar geworden. In der »Einen Welt« ist plötzlich jede und jeder unmittelbar betroffen. Die Auswirkungen von extremer Armut und menschenverachtenden Arbeitsbedingungen nicht nur in den Billiglohnländern, sondern auch direkt vor unserer Haustür, werden endlich öffentlich wahrgenommen. Die Pandemie breitet sich vor allem dort aus, wo derartige Lebens- und Arbeitsbedingungen herrschen und wo die Gesundheitssysteme zusammenbrechen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel, die darauf verweisen, dass wegen der Zeitverzögerung zwischen den Emissionen von Treibhausgasen und der globalen Temperaturerhöhung die Folgen von heutigen Versäumnissen erst für die kommenden Generationen wirksam werden, sollten in der Bevölkerung und in den Medien dringend ebenso anerkannt werden, wie die Empfehlungen zum Gesundheitsschutz angesichts der Corona-Pandemie. Wissenschaftler*innen bezeichnen die Lage auch als »Klima-Notstand« und im Hinblick auf die multiplen ökologischen Krisen als »Planetarischen Notstand«.

Ohne Wissen keine nachhaltige Haltungsänderung

Je früher die Sensibilisierung für all diese Erkenntnisse und Zusammenhänge aufgebaut wird, desto eher wächst in der Bevölkerung die Einsicht und Bereitschaft, auch schmerzhafte Einschränkungen und Änderungen in ihrem Lebensstil akzeptieren zu lernen. Aber auch die Mitwirkung und politische Teilhabe an Entscheidungen wird herausgefordert, damit nicht nur Fridays for Future und andere Klimaaktivist*innen den Karren aus dem Dreck ziehen müssen. Um möglichst viele Menschen zu befähigen, sich wirksam für Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung einzusetzen, ist Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) eine wesentliche Voraussetzung.

Es gibt kein Mindestalter für nachhaltiges Lernen

Im Jahr 2015 fiel der Startschuss für das vierjährige UNESCO-Weltaktionsprogramm: Bildung für nachhaltige Entwicklung. Dieses Programm zielte darauf ab, langfristig eine systemische Veränderung des Bildungssystems zu bewirken und Bildung für nachhaltige Entwicklung von einzelnen Projekten und Leuchttürmen in festen Bildungsstrukturen zu verankern. Das Programm soll »inklusive, gleichberechtigte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten lebenslangen Lernens für alle fördern«. Weiter wird der Anspruch formuliert, »bis 2030 sicher(zu)stellen, dass alle Lernenden die notwendigen Kenntnisse und Qualifikationen zur Förderung nachhaltiger Entwicklung erwerben, unter anderem durch Bildung für nachhaltige Entwicklung und nachhaltige Lebensweisen, Menschenrechte, Geschlechtergleichstellung, eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit, Weltbürgerschaft und die Wertschätzung kultureller Vielfalt und des Beitrags der Kultur zu nachhaltiger Entwicklung«.

Für die frühkindliche Bildung bedeutet das zum Beispiel, dass der in der Kindheit erlebte Umgang mit Ressourcen sich auf künftiges Handeln der Kinder auswirken wird. Einen großen Teil des Tages verbringen die meisten Kinder in Deutschland in der Kindertagesbetreuung. Kindertagesstätten sind als Bildungsorte zu begreifen. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Förderung jedes einzelnen Kindes. In der Kindertagesbetreuung haben Kinder die Möglichkeit, selbstbestimmt, forschend und in ihren selbst gewählten Peergroups aktiv zu sein. In einer an Nachhaltigkeit orientierten Kita geht es darum, die eigene Arbeit mit einem neuen Blick zu sehen und vielleicht noch unbekannte Gesichtspunkte zu entdecken.

Gute pädagogische Praxis, in der globale Zusammenhänge kindgerecht, lebendig und anschaulich verdeutlicht werden, ist für einen an Nachhaltigkeit orientierten Kitaalltag erforderlich. An der Alice-Salomon-Hochschule habe ich dazu im Jahr 2017 eine Arbeitshilfe veröffentlicht: »Wege zu einer nachhaltigen Kita, ein praktischer Leitfaden für Kita-Leiter*innen«.

Aus Belastung wird Bereicherung

In den Fortbildungsseminaren für Lehrer*innen bei der GEW BERLIN wurde häufig zum Ausdruck gebracht, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung als zusätzliche Belastung gesehen wird. Das sei doch »ein weiteres Querschnittsthema, das wir nun auch noch berücksichtigen sollen«. In einem Tagesseminar können sicherlich nicht alle derartigen Bedenken ausgeräumt werden, aber angesichts der Komplexität des Konzeptes kann die »Ohnmacht« doch insofern genommen werden, als durch konkrete Gruppenarbeiten einzelne Themen erschlossen werden konnten, die meistens ohnehin Gegenstand der Unterrichtsfächer sind. Neu bei der Bearbeitung ist dann allerdings, die »Lupe« auf die globalen Zusammenhänge zu richten sowie auch auf die ökologischen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen und Auswirkungen bis hin zur Einordnung in wirtschaftliche Zusammenhänge.

Wenn der Rahmenlehrplan für Berlin und Brandenburg mit all seinen Querschnittsthemen genauer betrachtet wird, ist schnell erkennbar, dass »Nachhaltige Entwicklung« ein den anderen Querschnittsthemen übergeordneter Rahmen ist und als inhaltliche Klammer sowie auch als methodisches Handwerkszeug effizient genutzt werden könnte. Diese Erkenntnis führte dann meistens dazu, dass die Teilnehmenden ihre eigenen Arbeiten plötzlich in einem ganz neuen Licht sahen und BNE ihren »Schrecken« verlieren konnte.

Für die Fortbildungen von Erzieher*innen lässt sich das ähnlich beobachten, aber es wurde noch stärker hinterfragt, ob mit kleinen Kindern denn schon »Nachhaltigkeit« eingeübt werden könnte. Hier sind dann konkrete Beispiele hilfreich, auch aus KiTa´s, die bereits als »nachhaltige KiTa« ausgezeichnet wurden. Vielfältige Materialien und praktische Anleitungen werden in Gruppenarbeiten erschlossen und können dann im KiTa-Alltag direkt umgesetzt werden.

Ab 2020 wird in Fortsetzung des »Weltaktionsprogramms BNE« die Notwendigkeit zur Implementierung aller Nachhaltigkeitsziele in Bildungsmaßnahmen betont. Der neue Titel »Education for Sustainable Development« richtet sich an alle Menschen und Institutionen. Lebenslange Bildung steht für jeden und jede auf der Agenda, auch für Mitarbeiter*innen in Verwaltungen, Regierungen und Unternehmen.