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SchuleBildung in einer digitalen Welt an allen Berliner Schulen - ja bitte, aber sofort!

Die Veränderung unserer Gesellschaft durch die Digitalisierung wurde durch die Corona-Pandemie noch beschleunigt. Zeit für eine grundlegende Reform des Schulunterrichts.

21.06.2021 - Michael Retzlaff - Beitrag in der Berliner Bildungszeitschrift der GEW

Einleitung (1 s.u.)

Die in rasanter Geschwindigkeit verlaufende digitale Transformation verändert radikal die Art, wie wir aktuell und künftig leben, lernen und arbeiten. Daraus folgt, dass sich auch unsere Art, Schule zu gestalten radikal verändern muss. Diesen Wandel müssen Staat und Parteien durch wertegeleitete Regulierung aktiv steuern, um die emanzipatorischen Potentiale der Digitalisierung für alle Bürger*innen und insbesondere für alle Schüler*innen zu befördern, denn Digitalisierung ist ein Kernelement unserer Zukunft. Die Anhäufung von fachbezogenen Wissensbeständen wird überall in den Hintergrund treten. Bildung in einer zunehmend digitalisierten Welt ist daher viel mehr als Wissensvermittlung, sie vermittelt Schlüsselkompetenzen wie Kooperations- und Kommunikationsfähigkeit, aber auch Empathie und Resilienz und nicht zuletzt Kreativität und kritisches Denken in einer sich ständig verändernden Welt. Nach einem Jahr Corona-Pandemie darf sich Deutschland keine weiteren vier Jahre digital-politischen Stillstand erlauben. Die ehemals führende Industrienation Deutschland darf im internationalen Vergleich nicht dauerhaft zu einem digitalen Entwicklungsland werden und Schüler*innen dürfen den Wettlauf zwischen Technik und Bildung nicht verlieren[2]. Die nachfolgenden Vorschläge orientieren sich an der von der KMK 2016 formulierten Strategie „Bildung in der digitalen Welt[3]. Der damit eingeleitete Transformationsprozess (4 s.u.) ist äußerst komplex, da in mehreren Handlungsfeldern gleichzeitig Maßnahmen geplant, aufeinander abgestimmt und umgesetzt werden müssen. Zugleich bietet er für den gesamten Bildungsbereich Chance und Herausforderung zugleich. Chance, weil er dazu beitragen kann, das Lehren und Lernen radikal zu erneuern, damit Talente und Potentiale aller Schüler*innen individuell gefördert und kooperatives Lernen unterstützt werden; Herausforderung, weil sowohl die bisher praktizierten Lehr- und Lernformen und Lernumgebungen neugestaltet, als auch die bisherigen Bildungsziele kritisch überprüft und erweitert werden müssen (5 s.u.).

Die aktuelle Pandemie zeigt die dringende Notwendigkeit für eine „Bildung in der digitalen  Welt“. Eine verlässliche und betreute digitale Infrastruktur, die Qualifizierung von Lehrkräften in didaktischer und technischer Hinsicht, die Bereitstellung von erfolgreichen Unterrichtsbeispielen und Projekten sowie die Vermittlung digitaler Kompetenzen bei den Schüler*innen müssen daher schnellstmöglich realisiert werden.

Digitale Grundausstattung – Infrastruktur als eine notwendige Voraussetzung

Für den schulischen Bereich gilt, dass das Lehren und Lernen in der digitalen Welt dem Primat des Pädagogischen – also dem Bildungs- und Erziehungsauftrag – folgen muss[6]. Zugleich ist Bildung in der digitalen Welt ohne digitale Medien und verlässliche und professionell betreute IT-Netzstrukturen nicht möglich. Wir haben kein Erkenntnis- sondern ein Umsetzungsproblem im Bereich der Berliner Schule. Im Sinne der Daseinsfürsorge in einer digitalisierten Welt muss der Staat (7 s.u.) folgende Aufgaben sofort mit konkreten Zeitplänen und definierten Meilensteinen umsetzen:

  • eine flächendeckende schulweite WLAN-Versorgung
  • die flächendeckende Glasfaseranbindung
  • eine nutzerfreundliche und datenschutzkonforme Schulcloud, die verschiedenen Funktionalitäten und Dienste zusammenführen wie z.B. Videokonferenzsysteme
  • eine nationale Bildungsplattform, die das individuelles Lernen orts- und zeitunabhängig in allen Altersstufen ermöglicht und länderübergreifende Lernkooperationen erleichtert
  • Themenportale auf dem Landesbildungsserver Berlin-Brandenburg mit Best-Practice Beispielen aus dem Unterricht verschiedener Fächer
  • Themenportale mit digitalen Bildungsmedien sowie
  • bundesweit einheitliche Mindeststandards für die Kompetenzen der Bildung in der digitalen Welt.

Durch die schrittweise Umsetzung werden die notwendigen technischen Voraussetzungen für eine schrittweise erfolgreiche Umsetzung einer Bildung in der digitalen Welt in der Schule sichergestellt.

Dabei ist zu beachten, dass die Ausstattung nachhaltig angelegt sein muss und nicht auf kurzfristige Ausstattungs- oder Bedienfragen reduziert werden darf und dabei immer pädagogisch begründet und sozial verträglich und die diversen Formen algorithmischer Diskriminierung nicht zu unterschätzen, sondern ihnen vielmehr aktiv entgegensteuern muss.

Bei der Umsetzung der technischen Ausstattung sollten unter dem Aspekt der Bildungsgerechtigkeit zuerst die Schulen bevorzugt berücksichtigt werden, die einen hohen Anteil Kindern mit einem Berlinpass haben. Notwendige Voraussetzungen zur digitalen Grundausstattung der Schulen und der Bereitstellung und Qualitätssicherung digitaler Lehr- und Lernmaterialien sind pädagogische Landeskonzepte der einzelnen Bundesländer, die durch eine dauerhafte Ausfinanzierung (8 s.u.) auf der Grundlage entsprechender Vereinbarungen zwischen Bund, Ländern und Kommunen abgesichert werden müssen.

Für eine erfolgreiche Umsetzung dieser gemeinsamen Strategie sind festgelegte Meilensteine und abgestimmte Zeitpläne verbindlich zu vereinbaren. Um die Potentiale der digitalen Grundausstattung pädagogisch begründet für neue Lernsituationen und die Umsetzung der „Kompetenzen in der digitalen Welt“[9] gewinnbringend nutzen zu können, ist ein regelmäßiger technischer Support durch IT-Experten*innen und eine kontinuierliche Ergänzung und Anpassung der technischen Ausstattung eine notwendige Vorraussetzung. Die Administratoren*innen für die Schulen sollten eine Beschäftigung bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie und nicht bei Subunternehmern erhalten. Für den Einsatz der IT-Experten*innen sollten Verteilungskriterien festgelegt werden: z.B. für Berliner Grundschulen à 2,5 Züge + 1 Schulbüro = Ein/e IT-Experte*innen.

Die digitale Grundausstattung der Einzelschule sollte das Ergebnis eines notwendigen dialogischen und pädagogisch begründeten Schulentwicklungsprozesses sein, in dem die spezifischen Voraussetzungen der jeweiligen Schule (z.B. Schulprofil, Medienkonzept, Stand der Ausstattung, Kompetenzen des pädagogischen Personals usw.) berücksichtigt werden. Das Ergebnis dieses Schulentwicklungsprozesses sollte von der Schulkonferenz bestätigt und in Abständen überprüft werden.

Aus-, Fort- und Weiterbildung für Lehrende und pädagogischen Fachkräfte muss verändert werden

Die sinnvolle Einbindung digitaler Lernumgebungen erfordert eine neue Gestaltung der Lehr- und Lernprozesse. Dadurch verändern sich das Lehren und Lernen, die Rolle der Lehrkraft, aber auch die Spannbreite der Gestaltungsmöglichkeiten des Unterrichts. Eine wesentliche Kompetenz im 21. Jahrhundert ist dabei, das Arbeiten in kollaborativen und netzförmig strukturierten Teams zu erlernen. Diese Kompetenz muss auch bei den ausbildenden Institutionen und Fortbilder*innen noch gefördert werden. Eine umfangreiche und frühzeitige Basisqualifikation aller Lehrkräfte in der 1. und 2. Phase der Lehrerausbildung durch Veränderungen der Studien- und Prüfungsordnungen ist daher systemisch sicherzustellen. Diese Basisqualifikation sollte in der 3. Phase durch eine verpflichtende Fortbildung des pädagogischen Personals im Rahmen von transparenten Fortbildungsstrukturen und teilweiser zeitlicher Entlastungen der Lehrkräfte und des pädagogischen Personals zwischen der regionalen Fortbildung, dem LISUM, außerschulischen Bildungspartnern und den Universitäten kontinuierlich fortgesetzt werden. Dabei geht es neben der technischen Einweisung in die neue Infrastruktur insbesondere darum, die neuen pädagogisch-didaktischen Möglichkeiten des Lehrens und Lernens in einer digitalen Lernumgebung an einem zentralen Ort der Beratung und des Austauschs zu qualifizieren. Mittelfristig sollten Theorie-Praxis-Verbünde zwischen Schule und Hochschulen bzw. außerschulischen Bildungspartnern aufgebaut werden.

Bildungspläne und Unterrichtsentwicklung, curriculare Entwicklungen müssen weiterentwickelt werden

Die Kompetenzen, die für eine aktive, selbstbestimmte Teilhabe in einer digitalen Welt erforderlich sind, werden aktuell nicht über ein eigenes Curriculum umgesetzt, sondern sind integrativer Teil der Fachcurricula aller Fächer und Lernfelder. Zugleich sollte die Aneignung von Medienkompetenz in Anlehnung an den Vorschlag des Europäischen Rates „Zur Medienkompetenz in einer sich wandelnden Welt“ (06-2020)[10] im Rahmen einer umfassenden Medienbildung im Zentrum einer neuen Allgemeinbildung, stehen. Aktuell muss das Basiscurriculum Medienbildung im neuen Rahmenlehrplan um die Punkte „Nutzung digitaler Lernumgebungen und Lernplattformen“ im Kompetenzbereich „Reflektieren“ und „Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz“ im Kompetenzbereich „Produzieren“ ergänzt werden. Praxisbeispiele der erfolgreichen Umsetzung der Kompetenzen in der digitalen Welt aus allen Fächern und Lernfeldern sollten regelmäßig auf dem Bildungsserver Berlin-Brandenburg veröffentlicht werden.

Umsetzung des Transformationsprozesses mit dem runden Tisch Medienbildung

Damit der äußerst komplexe Transformationsprozess schrittweise in Berlin erfolgreich umgesetzt werden kann, sind in mehreren pädagogischen und politischen Handlungsfeldern gleichzeitig Veränderungen notwendig. Zur Unterstützung dieses umfangreichen Entwicklungsvorhabens ist die Etablierung eines runden Tisches Medienbildung Berlin zwingend notwendig. Analog zum Rundfunkrat, sollte die Zusammensetzung aus im Arbeitsfeld Medienbildung relevanten Einrichtungen und Institutionen erfolgen (z.B. Vertreter der Senatsverwaltung für Bildung, Vertreter der regionalen Fortbildung, der Schulträger, des LISUM, der Universitäten, der Medienkompetenzzentren, des Jugendmedienschutzes u.a.) und in regelmäßigen monatlichen Abständen tagen und die Ergebnisse transparent kommunizieren. Ziel ist es, die konzeptionell festgelegten Meilensteine und abgestimmten Zeitpläne im Veränderungsprozess zu begleiten, aktuelle technische Entwicklungen und Veränderungen gemeinsam einzuschätzen sowie die Unterstützungspotentiale der am runden Tisch beteiligten Einrichtungen und Institutionen gewinnbringend für die zeitgemäße Bildung in an Berlins Schulen gewinnbringend einzusetzen.

Offen bleibt heute die Frage der künftigen technologischen Entwicklung und den sich daraus abzuleitenden Veränderungsprozess im Kompetenzerwerb mit dem Ziel, Schüler*innen erfolgreich für die Bewältigung und Gestaltung gesellschaftlicher Veränderungsprozesse zu qualifizieren[11].

 


[1] Der Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule besteht im Kern darin, Schüler*Innen angemessen auf das Leben in der derzeitigen und künftigen Gesellschaft vorzubereiten und sie zu einer aktiven und verantwortlichen Teilhabe am kulturellen, gesellschaftlichen, politischen, beruflichen und wirtschaftlichen Handeln zu befähigen.

[2]Siehe auch https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bildung-digitalisierung-pisa-arbeitsmarkt-1.5285349

[3]https://www.kmk.org/themen/bildung-in-der-digitalen-welt/strategie-bildung-in-der-digitalen-welt.html

[4] Unter „Schultransformation“ verstehe ich einen komplexen Prozess, der sich auf verschiedenen Ebenen abspielt, wobei die besondere Anforderung darin besteht, die verschiedenen Akteure, ihre jeweiligen Vorstellungen und Interessen sowie oftmals recht unterschiedlichen Begrifflichkeiten miteinander ins Gespräch zu bringen, um in transparenten Diskursen Entscheidungen zu treffen und Lösungen zu realisieren, die am Ende zur Optimierung der Lehr- und Lernbedingungen beitragen.

[5]Das Lernen im Kontext der zunehmenden Digitalisierung und das kritische Reflektieren muss durch eine Erweiterung des Bildungsauftrag der Berliner Schule umgesetzt werden.

[6] Siehe https://www.kmk.org/themen/bildung-in-der-digitalen-welt/strategie-bildung-in-der-digitalen-welt.html, S.12

[7] In Form der jeweils gewählten und verantwortlichen Regierung

[8] In der BRD liegen die Bildungsausgaben seit Jahren systematisch unter dem Durchschnitt der OECD Staaten. Siehe E&W 02/2021

[9] Siehe https://www.kmk.org/themen/bildung-in-der-digitalen-welt/strategie-bildung-in-der-digitalen-welt.html, S. 16 ff

[10] Siehe https://data.consilium.europa.eu/doc/document/ST-7684-2020-INIT/de/pdf

[11] Siehe OECD Lernkompass 2030 https://www.oecd.org/education/2030-project/contact/OECD_Lernkompass_2030.pdf